Dienstag, 18. Mai 2010

Olhe - que linda, essa Bahia!

Da nahte nun wieder ein Höhepunkt des aussergewöhnlichen Jahres. Nachdem ich meine Mutter bereits zur Neujahrswende empfangen durfte, war nun der männliche Elternteil im Anmarsch - und das nicht allein! Auch die (nicht böse) Stiefmutter war mit von der Partie.

Schon ein merkwürdiges Gefühl bestach mich an diesem Mittwoch, an dem die zwei ankommen sollten. Es war eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag wie jeder andere auch und irgendwie aber doch nicht. Schon die ganze vorherige Woche ging es mir ähnlich. Man weiss, dass da der Vater ans andere Ende der Welt geflogen kommt, um einen zu besuchen. Und obwohl das natürlich eine Situation ist, die so eher selten vorkommt, war da irgendwie eine Art von Vertrautheit in mir. Dass er in meiner Nähe sein sollte, ist ja eigentlich das Normale und nicht das Unnormale. Unnormal ist ja eher meine Situation hier. Andererseits ist dieses Land für mich in den letzten Monat gewissermassen so etwas wie eine Heimat geworden und daran gewöhnt man sich schliesslich von Tag zu Tag mehr - was ist eigentlich "normal" und was nicht? Gibt es überhaupt eine Norm auf dieser Erde? Ein diffuses Bauch-Gedanken-Spiel.

Wie dem auch sei. Da waren sie dann also auf einmal da. Lustig war es für mich, der sich mittlerweile an dunkle Hauttöne und bunte Kleidung gewöhnt hatte (manchmal vergesse ich sogar meinen "auffálligen" Anstrich), den Vater im typisch-deutschen, komplett weissen T-Shirt zu begrüssen, hervorgehoben nur durch die fast noch hellere Hautfarbe darunter. Man waren die weiss - lange nicht mehr so etwas gesehen! So würden sie jedenfalls nicht von hier fortgehen, völlig ausgeschlossen.

Geschichten vom Jahr und Neuigkeiten gabs natürlich viel zu viele. So wurden mir erst einmal meine zwei heiss ersehnten Gastgeschenke überreicht - eine Laugenbretzel und der Kicker! Jeder Biss war ein Genuss, jede Statistik, jedes Fussballerinterview und neue Wechselgerücht Balsam für die Seele. Natürlich verschob ich die Lektüre und das kulinarische Highlight auf später, denn zweifellos hatte man sich Vieles zu erzählen. Wie machen sich die Geschwister, die Grosseltern, die zwei neuen, pelzigen Mitbewohner in Braunschweig, wie macht sich Bahia, jede Menge Stoff für die Fahrt zur Pousada. Die erste Begegnung mit den brasilianischen Verhältnissen machten die beiden indes direkt am Terminal. Das bestellte Taxi kam und kam nicht und als wir uns dann endlich dazu entschlossen, im Hostel anzurufen, bekamen wir folgende skurile Antwort: Der Taxifahrer sei in einen Unfall verwickelt worden und könne nicht kommen, weil er nun "preso" sei. Preso: engl. "prisoned": zu Deutsch "eingesperrt, im Gefängnis". Kein Problem, wir nahmen ein anderes Taxi, verkehrstechnisch war dies jedoch der Anfang unserer grossen Odysee.

Es muss beeindruckend sein, wenn das erste, was man von Salvador erblickt, die nächtlich erleuchteten Hochhäuser sind, eine schier endlose und riesengrosse Stadt. So geschehen bei den beiden. Wiederum merkwürdig für mich, eine weitere meiner zahlreichen ermüdenden Fahrten durch diesen Moloch zu unternehmen, den ich aufgrund von nicht abebbendem Verkehr, Lärm und Gestank stellenweise ziemlich hassen gelernt hatte. An diesem Abend war das aber von geringer Bedeutung und es gab viel zu zeigen. Sachen, deren Anblick für mich schon alltäglich geworden war, bieteten jeden Menge neue Anblicke für meine zwei "Gäste". Wer noch nie die riesigen Bambusreihen und Kirchenhallen gesehen -oder einmal den brasilianischen Verkehr aus der Innenperspektive erlebt hat, der staunt bestimmt nicht schlecht und für den nötigen Adrenalinkick ist ganz nebenbei auch gesorgt.

Wir bezogen dann ein schönes Zimmerchen in der Nähe des Leuchtturms von Barra an der Südspitze der Stadt und am nächsten Morgen musste ich die beiden auch schon sehr früh in Richtung Terra Mirim verlassen, wo wir uns zwei Tage darauf wiedersehen sollten. Leider sind die Ferientage bei einem Freiwilligendienst wie meinem auf 18 begrenzt und da galt es, sparsam mit umzugehen, Wochenenden und Feiertage taktisch gewieft einzubauen. Zwei Tage später trafen Papinho und Sanne dann nach einer prägenden Irrfahrt in Terra Mirim ein. Vor lauter hilfsbereiten Brasilianern - einer zeigt nach links, der andere nach rechts und ein Dritter will einfach nur Smalltalk - waren die zwei ein bisschen überfordert gewesen. Hinzu hatte ich sie durch eine Gegend gelotst, die man nicht unbedingt im Reiseführer erläutert findet und die auf den ersten Blick für zwei frische Gringos in Brasilien etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen mag...

Aber dann waren sie ja da und wir machten eine schöne Tour durch Terra Mirim. Weil die beiden in Braunschweig eine grössere Gärtnerei leiten, kann man sich vorstellen, dass sie von der unglaublichen Vielzahl an Fruchtbäumen, Helikonien, Bambuswänden und anderen tropischen Gewächsen ziemlich begeistert waren. Und als dann kurz darauf ein sehr heftiges Unwetter einsetzte, hat sie wohl endgültig das Regenwaldfeeling gepackt.

Am nächsten Tag machten wir uns schon in der Frühe auf, um einmal halb Bahia zu durchqueren. Die Chapada Diamantina war unser erklärtes Ziel, für das sich lockere neun Stunden Busfahrt lohnen mussten. Und das taten sie mit Sicherheit. "Ein Land, in dem Milch und Honig fliessen.", so hat es einst der brennende Busch Moses beschrieben, als er vom geheiligten Land sprach, wohin es das versklavte Volk zu führen galt. Zugegebenermassen, wir kamen unter besseren Umständen dort an, waren nicht unser Leben lang versklavt gewesen, mussten keine Wüste zu Fuss durchqueren oder das Meer teilen - wir wollten einfach nur in' URLAUB! Und wer will schon Milch und Honig, wenn es Flüsse aus dunklem Kölsch (mit Schaumkrone) zu bieten gibt. Es waren drei vier wunderbare Tage. An so vielen Wasserfällen kamen wir vorbei, sprangen hinein, gingen einfach weiter. Vorbei an seltensten Heilpflanzen, Kaktusarten und ähnlichem Gewächs, vorbei an hundert Jahre alten Steinhütten der Diamantgräber, welche damals ihr Glück in dieser Region versuchten. In den bernsteinfarbenen Flüssen mit gesunder Wirkung für Haut und Haar tauchten wir gelegentlich unter, nahmen eine Hand voll Kiesel in die Hand und siebten diese anschliessend mit der Hoffnung auf einen millionenschweren Fund im Wasser. Wir liefen durch Canyons und ausgetrocknete Schluchten, versteckten uns bei Regen in Höhlen, lauschten den Geschichten unseres Führers, der von Hummerwölfen erzählte und, wie er meterlange Boa-Constrictors von den Strassen rettet oder als Kind von einem ausgewachsenen Jaguar verfolgt wurde. Jeden Abend genossen wir Pizza und Caipirinhas, die uns ausgesprochen hübsch serviert wurden, weshalb wir absolut keinen Anlass dazu sahen, das Restaurant zu wechseln. Und dann gabs abends sogar eine Dusche unter einem kleinen Felsvorsprung im Freien - mit Blick auf die sich vor uns ausdehnende verzauberte Landschaft.

Dass die Chapada Diamantina freilich auch traurige Seiten zu bieten hat, konnte uns unser Führer gelegentlich aufzeigen, in dem er uns durch einige verwüstete, abgebrannte Abschnitte leitete. Als jahrelanger Chef der freiwilligen Feuerwehr vor Ort kam er viel auf die Problematik des Nationalparks zu sprechen, der von vielen Einwohnern nicht gerade begrüsst wurde - unmenschliche Enteignungen mit waghalsigen Umsiedlungsaktionen, Brandstiftungen, Analphabetismus im Angesicht komplizierter Bürokratie, Probleme mit Umweltschutz -und Regierungsorganisationen und dergleichen machen es der Gegend schwer, in eine gemeinsame und gesunde Zukunft zu streben. Einen attraktiven Ausweg sehen viele Ansässige im sog. Öko -und Abenteuertourismus. Also darin, dass Leute von Ausserhalb angeworben werden, die die unzähligen Wander-, Kletter- und Bademöglichkeiten wahrnehmen und Geld in die Kasse spühlen - den Geld hat leider, wie so oft auf dieser Welt, auch an dieser Stelle das Sagen.

Wer also den Menschen vor Ort etwas Gutes tun möchte, als auch sich selbst in Form eines wunderschönen Urlaubs zu belohnen aufgelegt ist, der mache schleunigst einen Abstecher in die Chapada Diamantina. Am besten nach Mucugê, das Dorf in den wir waren und das zurecht noch als absoluter Geheimtipp gilt! Leider findet es sich in kaum einem Touristenführer richtig wieder, das hat politische Hintergründe. Und was das in Brasilien bedeutet, kann man sich leicht ausmalen - der Gouverneur von Bahia empfiehlt jedenfalls Fall Lencois, den Ort, an dem seine eigenen Hotels stehen und den er mit Staatsgeldern über einen neuen Highway erschlossen hat. Und somit darf Lencois auch in keinem Bahia-Prospekt fehlen, während Mucugê nur den Eingeweihten (wie den Bewohnern Terra Mirims) etwas sagt.

Auf Anfrage gebe ich auch gerne genauere Daten zur Anfahrt und über unsere fabelhaften Unterkunft mit top brasilianischem Frühstück - orginial Holzherd (!) - durch.

Doch dann mussten wir die in so kurzer Zeit lieb gewonnene Chapada Diamantina auch schon wieder hinter uns lassen. Morgens früh um 5 Uhr ging es mit dem ersten Bus in Richtung Salvador zurück. Es sollte eine der anstrengsten Fahrten in unser aller Leben werden. Nach ca. 7 Stunden aussteigen, 2 Stunden warten und weiteren 4 Stunden Fahrt dämmerte es bereits über dem Hafenstädtchen, von dem uns ein Boot zu unserem letzten Ziel - der Ilha Boipeba - bringen sollte. Doch hatten wir die letzte Minifähre knapp verpasst und liessen uns dann von einem Taxifahrer überreden, der uns zu einem nur 1,5 Autostunden entfernten Dorf fahren sollte. Von dort aus setzen einheimische Fischer auch noch zu später Stunde mit ihren eigenen Booten nach Boipeba. Unsere Knochen vom stundenlangen Sitzen bereits geschundenen Körper erlebten nun eine kleine Ganzkörpermassage der besonderen Art. Der Taxifahrer, Sanne, mein Vater, ich und noch zwei waghalsige Finnen, die sich auch dazu entschlossen, die einsame Insel aufzusuchen - zu sechst und mit einigen Koffern und grossen Rucksäcken gequetscht in einem Fiat-Pander, der seine besten Tage schon längst hinter sich hatte (mein Heidelberger Freund G.K. weiss nur zu gut, was das bedeutet). Abgesehen, dass der Unterboden des Autos wahrscheinlich von der geballten Last ein wenig durchhing und wir deshalb bei jedem noch so kleinen Hügelchen auf der Strasse aufsetzten, bestand ein nicht zu unterschätzender Teil des Weges aus einem erdigen Buckelpistenwaldweg. Einen solchen Tag vergisst man nicht in seinem Leben. Und er sollte immer noch nicht vorbei gehen. Als wir durchgeschüttelt und ermüdet im Hafen des kleinen Fischerdörfchens eintrafen, war bereits tiefe Nacht hereingebrochen. Ganz die bahianische Art, liessen sich unsere Fährmänner natürlich reichlich Zeit, duschten und assen wahrscheinlich noch zu Abend, ehe wir ablegen konnten. Und als sich dann auch noch herausstellte, dass der Motor unseres Bootes kaputt gegangen war, lagen unsere seit 18 Stunden maltretierten Nerven endgültig blank.

Irgendwie rauschten wir dann aber letztendlich doch noch durch die schwarze Finsternis. Über uns einer der klarsten Sternenhimmel, den man wohl je gesehen hat im Leben, die Milchstrasse unverkennbar. Mit der kühlen Meeresbrise im Gesicht und den dunklen Schatten an den Ufern zu unseren Seiten, die aus den Mangrovenwäldern der durchfrästen Küste herausragten, jagten wir dahin. Auf einmal überwiegte doch wieder die Vorfreude die einsame Insel. Und dann strandeten wir auch schon sanfst auf dem feinen Sand der Ilha Boipeba. Als der Motor schliesslich verstummte, hörte man nur noch das leise Rauschen der Wellen und einige heitere Kinderstimmchen aus dem Dunkeln herübertreiben...

Es folgte Erholung pur - von der Fahrt vom Vortag oder überhaupt, ich weiss es nicht. Sommer, Sonne, Sonnenschein. Heller Sand, Kokosnusswasser, Strandsquash, ein genüssliches Buch im Schatten der Palmen, zwischendurch mal ein wenig in den Wellen treiben. Mein Vater nahm Kontakt zu einer Sambaband aus Rio auf, die an einem Abend ein kleines Konzert in unserer Pousada gaben. So kam auch er zu einem Auftritt und für die richtige Ferienstimmung war gesorgt. Süsse Strassen- bzw. Strandhunde gab es auf Boipeba eher wenige zu sehen, ein „Pitschibully“ konnte seinem erhöhten Testosteronspiegel Ausdruck verleihen, in dem er mir mein Handtuch zum „Spielen“ entwendete. Bei so einer konzentrierten Kraftpackung und ebenso respekteinflössenden, haifischartigen Zahnreihen, zieht man es dann doch lieber vor, keinen Widerstand zu leisten. Der süsse kleine Pitschibully. Leider assen wir abends meistens in einem (sehr leckeren) vegetarischen Restaurant.

Eine Inselumrundung liessen wir uns auch nicht entgehen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Delfine gesehen! Allerdings nur die Rückenflossen, die sich kurz synkron an der Oberfläche erhoben und dann wieder abtauchten. Alleine zu wissen, dass diese Tiere in der Nähe sind, hat mich ziemlich fröhlich gestimmt. Flipper und Free Willy (ok, der war ein bisschen grösser), Delfine als Lebensretter, als Therapeuten, als Kommunikationswunder, als bisher einzige bekannte andere Art auf diesem Planeten, die nicht nur zum Kinderkriegen miteinander „spielt“. Wer weiss, vielleicht begegne ich dieses Jahr in Amazonien ja noch dem ein oder anderen rosa Flussdelfin. Was so ein kurzer Moment der Begegnung mit zwei Flossen alles in einem auslösen kann, ist schon erstaunlich.
Und dann kamen wir an einer Bar vorbei, sowas hat die Welt noch nicht gesehen: mitten im Meer. Eine einstöckige Holzkonstruktion , auf einer kleinen Sandbank aufgestellt und nur bei Ebbe (wir hatten Glück) erreichbar! Gut, eine kleine Offshoresteuer auf die Getränke und ein leicht merkwürdiger Anblick unserer Superspezialcocktails (hingen da nicht Tintenfischarme drinn?) war natürlich auch mit von der Partie. Aber was ist das schon gegen das verrückte Gefühl, inmitten von Wasser, das solangsam steigt und die Bar zu verschlucken droht, das Leben zu geniessen?

Auch eine brasilianische Fisch –und Meeresmuschelzucht erkundeten wir noch auf dem Rückweg. Da das bei keinem von uns Dreien wirklich Hunger verursachte, wollen wir darüber auch nicht all zu viele Wörter verlieren.

So plätscherten die Tage auf unserer einsamen bahianischen Insel seicht dahin. Es wurde früh ins Bett gegangen und spät aufgestanden, nur um sich kurz darauf wieder auf dem Sand niederzustrecken. Hektik, Stress und Arbeit wurden nach einem stillschweigendem Gentleman`s Agreement aus unseren Wortschätzen gestrichen. Genauso, wie es eben sein muss. Dann musste ich eines Sonntagmorgens schweren Herzens - wir sollten uns noch einmal in Salvador zum richtigen Abschied zu sehen bekommen - und zeitgleich voller positiver Energie aufbrechen. Die Arbeit rief. Kleine süsse Kinder und Übersetzungstexte.

Und so musste ich Vatti und Sanne als letzte Aussenposten auf unserer einsamen Insel zurücklassen, fuhr dieses Mal bei Tag mit einem Schnellboot durch das Labyrinth aus Mangrovenwäldern und gab meinen Bauch zur Sonnenbestrahlung frei. So lässt es sich leben!

Samstag, 10. April 2010

Currently not available

Max ist mal kurz fuer zwei Wochen nach Chile verreist. Dort trifft er die anderen Guerrileiros Fid...aeh Julian Barabas und Chenathan Guereiner, mit denen er die Atacamawueste, Pazifikstraende und Grossstadtdiskotheken durchkaemmt.

Wenn Sie wollen, koennen sie nach dem Punkt eine Nachricht hinterlassen.

.

p.s.: Nach Max Rueckkehr gibt es
1.) frische Reiseberichte (da war ja auch noch der Vater im Maerzen vorbei gekommen)
2.) Bilder fuer die letzteren Berichte (ein kleines technisches Problem, aufgrund von 3.))
3.) hoffentlich weitere Gluecksmomente in Brasilien, denn er laesst ausrichten, dass es ihm sehr gut geht, er gesund und wohl auf ist (nur das Wetter spielt gerade nicht so richtig mit - siehe Foto).

Kapitel 4 - Teil 4: Wochen des Wandels?

Ich habe lange hin und her ueberlegt, wie ich diesen Teil des Blogs nun gestalten soll. Ich haette die gaehnend langen Gespraechsprotokolle fuer jederman zugaenglich machen koennen, was wohl zu viel des Guten gewesen waere (auf Anfrage aber gerne per Email). Genauso waere es moeglich gewesen, die Protokolle auf die wichtigsten Stellen zurueck zu stutzen, aber das verzerrt zwangslaeufig den wahren Hergang der Gespraeche und liesst sich ziemlich trocken.
Schlussendlich entschloss ich mich dann dazu, eine Art Zusammenfassung der fuer sehr entscheidenden Woche zu schreiben.

Es sollten drei Gespraeche stattfinden, die ueber die Zukunft des Verhaeltnisses zwischen uns Freiwilligen und der Stiftung Terra Mirim entschieden.

Erster Akt:
Unsere indirekte Verantwortliche Maria Isabel war ziemlich erstaunt, als ich ihr meine Situation am Dienstagmorgen nach der Rueckkehr aus Sao Paulo offenbarte. Ich gab ihr zu verstehen, dass ich mit den momentanen Vorgaengen in Terra Mirim in Bezug auf die deutschen Freiwilligen absolut unzufrieden sei und, dass dies auch Thema des Zwischenseminars in Sao Paulo gewesen war.

Ich als Freiwilliger kaeme mir unnuetzig vor, genauso wie meine Arbeit, die in meinen Augen so gut wie nur dazu diene, Arbeit zu sein. Ein soziales Motiv vermochte ich dahinter nur um zwei Ecken zu erkennen, genauso die Tatsache, dass sich offensichtlich die vorher gestellten Ansprueche an meine Arbeit in Bezug auf die Wirklichkeit zwangsweise um 180 Grad gedreht haetten. In der Schule herrsche kein Bedarf nach paedagogischem Personal, im Gegenteil: die etwa 10 fast vollstaendig freiwilligen Lehrkraefte haetten den Ablauf super im Griff, verstuenden es selbst aeusserst gut, Unterricht und andere Aktivitaeten mit den Kindern zu leiten.

Und auch im Umweltbereich habe sich eigentlich so gut wie Nichts unter Einbezug der Freiwilligen ereignet, abgesehen von der Routinefuetterung der Bienen. Somit muesse ich mir zu meinem Bedauern eingestehen, dass ich nach sechs Monaten keinerlei langfristig-nuetzliche Arbeit fuer niemanden an diesem Ort hinterlassen habe und durch eine soziale Krise ginge.

Dem nahm sich Isabel, die zu Beginn nur mit uns zwei Freiwilligen an einem Tisch sass, an, allerdings wurde aus dem sechs-Augen-Gespraech bald ein zehn-Augen-Gespraech und zwei Tage spaeter hatte sich die Sache auch bis zum Letzten durchgesprochen, was mich im Nachhinein ziemlich veraergert hat.

Es wurde versucht, beruhigend auf die Situation einzuwirken, den sozialen Kontext Terra Mirims mit allen Projekten und Aktivitaeten klar zu stellen und zu beschwichtigen. Viel wurde erzaehlt ueber dieses "avantgardistische" Modell einer Gemeinschaft, dass jeder seinen Beitrag dazu leisten muesse und unverzichtbar sei. Gleichzeitig koenne man aber mit der noetigen Bereitschaft, welche womoeglich bei uns Freiwilligen nur eingeschraenkt vorhanden gewesen sei, immer neue Impulse setzen, worueber wir doch noch einmal nachdenken sollten.

Schlussendlich machte ich den Verantwortlichen deutlich, dass es nicht meine Absicht sei, weiter in der zu Einrichtung bleiben, sollte sich nicht grundlegend etwas am Plan unserer Wochen aendern und ich zweifelte laut an den gegebenen introspektionellen Moeglichkeiten Terra Mirims, welche tiefgreifende Impulse setzen koennten.

Zweiter Akt:
Einen Tag nach dieser sehr direkten und offenen Aussprache erschien unerwartet die Leiterin der Oekologischen Schule, um mit uns Freiwilligen und den Tischteilnehmern vom vorherigen Tag ueber die ernste Angelegenheit zu sprechen. Als eine der aeltesten Mitarbeiter Terra Mirims sollte sie die im Urlaub befindliche Alba Maria gewissermassen vertreten und neuen Wind in die Gespraeche bringen.

Nachdem ich meine Ausfuehrungen des Gespraechs vom Vortag wiederholt hatte, begann die Frau mit einem langen Vortrag. Sie holte ziemlich weit aus, erzaehlte von europaeischen Sklaventreibern, die Brasilien als eine Minderheitsdiktatur errichtet und ein soziales Erbe der Ignoranz bis heute im Land hinterlassen hatten.

Und nun habe Alba Maria vor 20 Jahren Terra Mirim gegruendet. Einen Ort inmitten einer der sich am meisten industrialisierenden Region Bahias, inmitten grosser struktureller Armut in den anliegenden Siedlungen, Armut, die auf das kaltherzige und verbrecherisch handelnde Europa der letzten 400 Jahre zurueck zu fuehren sei. Nach dieser kleinen Zeitreise stieg sie schliesslich im Thema "soziale Arbeit" ein, nicht zu letzt auch wohl deshalb, weil sie Jahre lang in Gewerkschaften und als oeffentliche Paedagogigen aktiv war.

Es gaebe zwei grundsaetzlich unterschiedliche Ansaetze zur Vorstellung sozialer Arbeit: 1.) man koenne ohne jeden Bezug zu den Menschen in eine Favela gehen, Kondome verteilen, fuenf verschiedenen Schulklassen pro Tag kurz Unterricht geben und zwischen drinn noch alten, pflegebeduerftigen Leuten vor Ort das Gesaess abwischen (bezeichnet als "europaeisch-bourgoise"), 2.) - und das sei nun die Philosophie Terra Mirims - koenne man auf langfristige Zusammenarbeit setzen, auf gemeinsames Wachstum und bescheidene Ziele mit wenigen, auserwaehlten Menschen (sie schilderte dies am Beispiel der Lehrer in Terra Mirim mit ihren z.T. bedrueckenden Schicksalen) hinarbeiten, die als Vorbilder in ihren jeweiligen Gemeinden die Leute mit sich zoegen: dies Alles im Verbund mit einer intakten Natur und einem gesunden Lebensstil.

Sie zaehlte aehnlich wie Maria Isabel am Vortag viele Dinge auf, die Terra Mirim realisiere und bereits verwirklicht habe, Baumpflanzungen, Flussreinigungen, Jugendgruppen, die Schule, usw. Damit alle diese Dinge aber funktionieren koennten, benoetige es genauso einer guten Pflege, Wartung und Verwaltung des Ortes.

Darauf ging ich schliesslich tiefer ein und versuchte klar zu stellen, dass das Problem eben genau darin bestanden habe, dass sich die Freiwilligen fast ausschliesslich um letztgenanntere, unmotivierende Dinge gekuemmert haetten und das in der Schule, im Gegensatz zur Ankuendigung, kein wirklicher Bedarf an Helfern bestehe. Ausserdem verwiess ich dabei auch noch auf das z.T. ruppige und undankbare Arbeitskllima, sowie den Mangel an Veranwortung, der mir zugestanden werde.

Es stellte sich heraus, dass in Terra Mirim tatsaechlich die Meinung herrscht, Verantwortung nur selten an andere zu delegieren - aus Angst vor Fehlern, die "folgenschwer fuer alle sein koennen." Daraufhin versuchte ich den Leuten klar zu machen, dass ein paar angegammelte Fruechte oder eine ausnahmsweise nicht heiss, sondern nur warm aufgewaermte Suppe (Gemuesemarkteinkauf und Essensaufwaermen wurden mir erst vier Monate nach der Ankunft zugetraut) auch der Stiftung Terra Mirim nicht den Untergang bringen wuerden - im Gegensatz dazu sei es voellig normal, dass nicht alle Ablaeufe ohne zugestandene Eingewoehnungsfehler sofort funktionieren koennten, sondern vielmehr ehrliches Vertrauen und Hilfestellungen der Sache gut tun wuerden.

Im Nachhinein hoffe ich, dass an dieser Stelle vielleicht ein kleiner Ruck durch die Beteiligten gegangen ist und man den neuen Menschen ein wenig mehr vertraut und ihnen auch mal Fehler zugesteht.

Zum Thema Umgangston war die Erklaerung recht knapp und eigen: als eine Gemeinschaft, die sich fast ausschliesslich aus Frauen, den in diesem Landesteil immer noch unterdrueckten Geschlecht, zusammenstelle, haetten sich ueber die Jahre gewisse Resistenzen und Haerten bei den Bewohnerinnen eingebuergert, die sich auch im Leben miteinander gelegentlich zeigten. Natuerlich sei dies aber nicht immer so gemeint, wie es bei manchen Gespraechen rueberkaeme, im Herzen fuehlten sich alle Bewohner schliesslich beisammen.

In meinen Augen (das habe ich aber am Tisch nicht gesagt): Erklaerung - ja, Rechtfertigung - nein. Man sollte, und das ist eine interkulturelles Notwendigkeit, zwischen Freund und Feind unterscheiden koennen. Wenn beim Streichen mal ein Farbklecks auf dem Boden landet oder die Aepfel in der Vorratskammer zu hoch gestapelt sind, dann kann man das mit jedem Menschen vernuenftig regeln - auch ohne seinen abschaetzigen Kommentar zum Besten zu geben!

Nun wollten wir auch konstruktiv mit der Situation umgehen. Ich hatte mir eine Reihe von Dingen ueberlegt, die sich mit den Dingen realisieren liessen, die ich beherrschte und die man gebrauchen koenne. Alle moeglichen Unterrichtsvorschlaege, Schlagzeug, Gitarre, Volleyball, Basketball, Englisch, Baumpflanzaktionen, Muellsammeln, Aufklaerungsprojekte (Mist, zurueck in de Bourgoisie), kurzum: etwas, wovon meiner Meinung nach auch MENSCHEN profitieren koennten!

Diesen Ideen musste die Schulleiterin sogleich den Riegel vorschieben, machte aber Hoffnung, dass es dieses Schuljahr wohl einen Englischunterricht geben werde (bis heute - April - nicht geschehen), ansonsten wuerden Restzeit, der Grad an Verantwortung fuer einen Freiwilligen und Belastbarkeit der restlichen Terra Mirim-Mitarbeiter keine neue Projekteroeffnung zulassen. Schlussendlich wurde mir eine Rolle als Mathelehrer und Teilnehmer bei einem Kooperationsprojekt in Aussicht gestellt - schon deutlich bessere Konditionen als noch zu Dienstbeginn.

Darueber hinaus bat ich die uebrigen Gespraechsteilnehmer deutlich, mich schlichtweg auf dem Laufenden zu halten, wenn es um konkrete Projekte Terra Mirims, bei denen Moeglichkeiten zur Partizipation bestuenden, gehe. Dies sei in der Vergangenheit allzu oft vergessen worden und die Freiwilligen somit unfreiwillig als Aussenstehende ausgeklammert worden. Alle sicherten mir in dieser Hinsicht Unterstuetzung zu und direkt im Anschluss an das Gespraech wurde mir eine kleine Einfuehrung in aktuelle Entwicklungen gegeben - Warum nicht gleich so?

Womoeglich auch deswegen fuehlte ich mich in meiner Botschaft an die Leute besser verstanden und respektiert, es liess mich bis zum dritten Gespraech mit Alba Maria eine Woche spaeter von der Idee abruecken, der Einrichtung den Ruecken zu kehren. Einen Versuch zu wagen, erschien mir ploetzlich doch als die bessere Alternative im Vergleich zu einer neuen Projektsuche und der damit verbundenen Umsiedlung an einen voellig fremden Ort, an dem man ohne Freunde und Erfahrung wieder total bei Null haette anfangen muessen. Endlich halbwegs Lehrer, involviert in Veranstaltungen vor Ort, mit Vertrauen ausgestattet - das koennte es wohl sein!

Dritter Akt:
Nun war also fast eine Woche vergangen, bis zur Kuechinchefin wussten alle von meinen Problemen und diskutierten offensichtlich auch darueber, natuerlich ohne, dass mich irgendjemand darauf ansprechen sollte (leider keine seltene Unart in dem Brasilien, dass ich kennengelernt habe). Ich versuchte, meinen ueblichen Tagesablauf runterzuspuhlen, machte mir viele Gedanken ueber das Hier und Jetzt und wie die Zukunft aussehen koennte. Klar, es haette doch alles so einfach sein koennen! Gerade in Bahia, wo doch die hoechste Inkarnation der Laessigkeit selbst Menschen und Gesellschaft zu unterwandern vermag.

Doch ist das Leben eben nicht immer so locker, wie man es sich wuenscht – es galt, pragmatisch und moeglichst positiv an die Sache heranzugehen, wenn schon die absolute Erfuellung aller urspruenglichen Wuensche und vermittelten Vorstellungen nicht gegeben sei. Immerhin: eine anstaendige Taetigkeit als Lehrer und wahrscheinlich ein Portioenchen Respekt vor meinen Motiven sollte ich mir erarbeitet haben, nicht zu vergessen die klare Devise an meine Verantwortlichen: lasst mich auch Aufgaben uebernehmen, die dem Weltwaertsgedanken entsprechen.

Es galt, erst einmal pragmatisch mit der Situation umzugehen. Dass ich mich in dieser Woche heftig erkaeltete, wurde natuerlich sogleich als psychosomatische Reaktion von den Verantwortlichen ausgelegt, mag sein, aber es belastete mich nicht uebermaessig. Die Tatsache, sich offen ausgesprochen zu haben, gab mir in diesen Tagen eine positive Kraft. Dinge, die mich sonst nervten und ueber die ich mich innerlich unheimlich aufregen konnte, gab es zwar immernoch – anstatt mich aber reinzusteigern und darunter zu leiden, begann ich nun endlich wieder, Humor walten zu lassen, nicht alles so scharf zu sehen, den Alltagsabfluss zu leeren. Und siehe da: die Regenschauer lichten sich.
Und dann bekommt Dilan fuer ein Kleinprojekt eine Privatspende von 500 Euro (!).
Und dann kommt aus Deutschland eine liebe Postkarte fuer mich, ueber die ich mich gar nicht genug freuen konnte – man hat doch Leute, denen man etwas bedeutet, nur eben etwas weiter weg und das gibt einem ein sehr geborgenes Gefuehl.

Anfang naechster Woche dann ein sehr beruhigendes und resuemierendes Gespraech mit Alba Maria, die aus dem Urlaub zurueck gekommen war. Es wurde gesprochen ueber eine Vorstellung von Heroismus, die den Menschen heute ueber die Medien vermittelt wuerde, welche nicht den wahren Tatsachen entspricht.
Genauso gab sie uns unsere Entwicklung in Brasilien aus ihrer Sicht zu verstehen. Ihrer Meinung nach, haette vor allem zu Beginn des Dienstes ein Problem darin bestanden, dass wir uns nur sehr wenig mit Gleichaltrigen beschaeftigt hatten. Jugendliche muessten rauskommen in die Welt, sich vergnuegen mit Ihresgleichen, das Leben von der lockeren Seite sehen. Der Meinung bin ich allerdings auch sehr.

Im Nachhinein hoerte sich das fuer mich ausserdem recht bitter an, wurden wir doch zu Dienstbeginn ueberdeutlich vor dem Ausgehen in die Nachbarschaft gewarnt, ja, sogar dazu genoetigt, eine Unterschrift unter eine Erklaerung nach dem Motto „wenn ich rausgehe, bin ich fuer mich selbst verantwortlich und komme moeglichst vor Einbruch der Dunkelheit zurueck“ zu setzen (dumm nur, dass die Dunkelheit meist eine Stunde nach Dienstende unter der Woche einsetzt). Regelungen im Sinne von „nur 2 mal pro Woche in den Nachbarort“ waren kurzzeitig Gegenstand ernsthafter Absichten. Wie gesagt, das geschah alles waehrend den ersten Monaten des Dienstes, in denen natuerlich den Verantwortlichen unsere gesunde und sichere Eingewoehnung am Herzen lag. Jedoch sollte man das nicht vergessen, hat letztendlich doch die gute Absicht der Vorgesetzten allen Beteiligten geschadet und der Stimmung nicht gut getan – aus Fehlern lernt man eben.

Eigentlich hatte ich schon vor diesem letzten Gespraech gespuert, dass diese Woche voller Trubel ein positiver Wandel folgen sollte. Heute im April, also rueckblickend, weiss ich, dass mein Gespuehr an diesem Tag richtig lag. Ich fuehle mich so gut, wie lange nicht mehr: waehrend der Arbeit, beim Reisen, im Verhaeltnis zu den Mitbewohnern. Und letztendlich wieder die Feststellung, dass ein Blick in sich selbst und der offene Dialog nicht immer einfach, jedoch so gut wie immer erfolgreich sind.


Teil 1: Zwischen Tucanen, Strandparadies und Krokodilen
Teil 2: Wo Licht ist, ist auch Schatten
Teil 3: Metropolis
Teil 4: Wochen des Wandels?

Kapitel 4 - Teil 3: Metropolis


Und dann kam Sao Paulo.

Die beiden Amntena-Vorstaende Ludwig Mueller und Kurt Wohnhas hatten alle Brasilianer nach São Paulo eingeladen, zwei aus Porto Alegre, sowie Dilan und mich als auch noch zwei andere Maedels aus Salvadorcity. Es waren vier sehr schoene Tage, ergiebig und lustig zu gleich. Abgesehen von der Arbeit, die es in Bezug auf unsere Projekteinsaetze zu verrichten gilt, hatten wir einige kurze Gelegenheiten, die fuenftgroesste Stadt der Welt kennen zu lernen – mit ihren mehr als 20.000.000 Einwohnern und 8.000km² (Metropolregion).

Kurzbeschreibung direkt nach der Ankunft: eine Stadt, die nur aus Hochhaeusern zu bestehen scheint, bis zum Horizont, in jede Himmelsrichtung. Aber auch in der stets ueberfuellten Metro fuehlt man sich wie Ameise X4U61 auf dem Weg nach Y-!9. Ueberall Menschen, Autos, laute Geraeusche, Blinklichter. Der Inbegriff von Globalisierung, eine Millionen Japaner, genauso viele Deutsche und hunderte Nationalitaeten: alle sind sie in diesem riesigen Pott zu einer bunten Masse verschmolzen, die sich wie wild zielgerichtet durch die Strassen bewegt immer fort pulsiert. Aus meinem Hotelzimmerfenster konnte ich mir gut einen Eindruck von dieser niemals schlafenden Megacity machen. Tag und Nacht, 24 Stunden rund um die Uhr fahren auf der achtspurigen Strasse Autos, Autos, Autos. Das ist schon verrueckt, sich vorzustellen, ein Leben lang in so einer Stadt zu wohnen. Wie soll man je einen Bezug zur urspruenglichen Umwelt des Menschen herstellen koennen, wenn man in so einen Trichter geboren wird und aufwaechst, der keine echte Natur, kein Leben ohne Mangel kennt, kein Leben ohne Verkehr, ohne Geschwindigkeit, ohne Laerm? Da wuerde es mir gewaltig vor grauhen. Aber ein paar Tage reinschnueffeln geht schliesslich immer. Widmen wir uns aber dem Geschehen im Tagungsraum des Hotels zu. Dort wurde viel administratives geklaert, die anderen Freiwilligen stellten ihre Projekte vor und erzaehlten, wie es ihnen denn dabei ergangen war, uns wurden Videos und Fotos der anderen Amntena-Entsendeten in West-Suedamerika gezeigt, die diese zum Seminar in Chile mitgebracht hattten. Und auch Dilan und ich berichteten, wie es uns denn in den letzten sechs Monaten ergangen war. Unter dem Motto "Fides“ (lat.: Vertrauenswuerdigkeit, Ehrlichkeit) schilderten wir offen alle Dinge, wie sie unserer Sicht nach in Terra Mirim gut liefen oder - wie oben beschrieben - mit uns in Konfilkt geraten waren. Den beiden Vorsitzenden missfiel die Tatsache, dass unsere beiden Vorgaenger die Ferienregelung von Weltwaerts - 18 Tage - leicht uminterpretiert hatten, naemlich zu ueber 50 eben derer ummuenzten, denn das hatten sie so natuerlich nicht erwartet. Es erklaert aber fuer alle Beteiligten den Fakt, dass man in Terra Mirim bei Dilan und mir auf jeden Fall Samstagsschichten vorsieht (letztes Jahr nicht der Fall), genauso wie die Mitarbeit beim regelmaessigen Essensaufwaermen und Beete bewaessern ausserhalb der Arbeitszeiten und nicht das Nichtanerkennen von Heiligabend oder Silvester als Feiertage. Natuerlich stimmte die Verantwortlichen von Amntena unsere Bestandsaufnahme zur Arbeitssituation auch nicht unbedingt froehlich. Es wurde darueber diskutiert, wie man die momentane Situation denn aendern koenne, dass sich fuer alle Beteiligten Vorteile ergeben und Zufriedenheit einkehrt. So legten uns Kurt und Ludwig nahe, direkt nach der Ankunft mit den Verantwortlichen von Terra Mirim das offene Gespraech zu suchen. Und das sollten wir auch tun. Allerdings durfte am Vorabend des Abflugs ein gemeinsamer Besuch der stadtbekannten Churrascaria "OK" nicht fehlen, bei dem wir es uns einmal so richtig schmecken liessen. Die einmalige Gelegenheit, einen echten Tropfen Wein vorgesetzt zu bekommen - in Bahia ist das Bier die Domina - konnten wir uns einfach nicht nehmen lassen und mussten natuerlich jeden Jahrgang einzeln testen. Und auch das Essen liess nicht lange auf sich warten. Kaum hatten wir sieben uns an den runden Tisch gesetzt, da schossen schon sogleich mindestens fuenf Kellner herbei, die uns gleich einmal 20 Teller verschiedenster Vorspeisen unterjubeln wollten. Wir bestellten daraufhin schliesslich die noble Variante des "all you can eat" - "all you can eat + all we can cook and bring" und liessen uns verwoehnen. Ja, das darf einmal im Jahr auch sein! Es war ein laufendes Sushi-Fliessband, nur eben in noch lebendigerer Form der Kellner. Immer, wenn einer seinen Teller artig aufgegessen hatte, kamen sofort drei Kellner und fragten nach weiteren Wuenschen, bzw. kochten sie erst, um sie dem voellig ueberforderten Esser auch live unter die Nase zu halten. Allein schon diese Tatsache und der reichliche Wein und Caipirinhagenuss machten den Abend von Beginn an ueberaus gesellig und es wurde reichlich gelacht, gescherzt und konsumiert. Wie viele Langusten wurden an diesem Abend verzehrt und wer ist der Rekordhalter (Tipp: ich war es nicht!)? Daran konnte sich am naechsten Tag niemand mehr so wirklich erinnern.

Jedoch erinnerte mich am naechsten Vormittag, nach einer Nacht voller wilder Traeume, eine SMS auf meinem Handydisplay an das absolute Sahnehaeubchen des Vorabends: "Und? Gehen wir noch in eine Disko? Vergiss nicht, ich kann zaubern, was glaubst du, wie mir die Frauen deshalb zu Fuessen liegen? Melde dich." Was war geschehen? Waehrend die Glaeser im OK an unserem Tisch am Vorabend langsam immer wieder voll und leer wurden, hatte sich doch tatsaechlich ein etwas falscher Kellner unter die wuetigen Essensbringer gemischt! Dieses schelmige Gesicht war uns von Anfang an verdaechtig, soweit man es denn noch einzeln sah (okay, das war jetzt uebertrieben). Und als er dann anfing, seine Spielkarten zu zuecken, gab es kein Halten mehr. Ein Magier im Restaurant, der die Gaeste vorfuehrt – was fuer eine super Idee. Er trieb so manchen Scherz mit unserer Gruppe, ploetzlich war Ludwigs Uhr an Kirstins Handgelenk, „Kurti“ verhalfen auch gezinkte Karten nicht zur tieferen Erkenntnis, der Zauberer spuckte wie wild Karten durch die Luft, die wir vorher bemalten und ihm augenblicklich vorher in die Hand drueckten, goss mit verbundenen Augen mit einem Meter Abstand Schnaepse in unsere Muender und vieles mehr. Ein wahres Highlight an Entertaining. Nun gut, gegen Ende des Abends hatte er leichtes Spiel und wie die SMS zeigt, haette er es doch tatsaechlich noch fast geschafft, uns noch zu einer langen Nacht in Sao Paulo zu ueberreden.

In jedem Fall war dies ein Abend, an den ich genuesslich und mit Freude zurueck denken werde. Eine Mischung aus Zaubershow, Esswettbewerb und Winzerfest, wer hatte das schon erlebt?

Am naechsten Tag stiegen wir somit voller Frohsinn und guter Laune in den Flieger zurueck nach Bahia, die Vorsaetze waren nicht gerade gering und ein mulmiges Gefuehl machte sich in uns breit, als wir zur Landung ansetzten. Schliesslich mussten wir, egal wie das Resultat ausfallen sollte, so manchen ziemlich vor den Kopf stossen und das ist eigentlich nicht unser beider Spezialitaet. Vielleicht auch deswegen liessen wir uns vom Flughafentaxi direkt ins Nachbardorf zu unseren Freunden fahren, mitsamt den Koffern und einigen Reisestunden im Gemuet, anstatt sobald als moeglich in Terra Mirim einzuchecken. Das fanden die Verantwortlichen, wie wir am naechsten Tag erfahren sollten, gar nicht lustig, hatten sie doch den Taxifahrer - "ausser sich vor Sorge" - angerufen (nicht etwa uns), um sich zu informieren, was wir an diesem Sonntagabend so trieben. Die Vorzeichen hatten sich dadurch nicht verbessert, im Gegenteil, aber gemeinsam sollten wir die Sache irgendwie bewaeltigen, da waren wir uns sicher.

Teil 1: Zwischen Tucanen, Strandparadies und Krokodilen
Teil 2: Wo Licht ist, ist auch Schatten
Teil 3: Metropolis
Teil 4: Wochen des Wandels?

Dienstag, 30. März 2010

Kapitel 4 - Teil 2: Wo Licht ist, ist auch Schatten

Die folgenden Zeilen werden nicht jedem gefallen, der das hier liest. Es geht um meine persoenliche Meinung, die ich im Sinne der Aufrichtigkeit auch aeussern sollte, wenn mir mal etwas nicht passt. Sie spielt im Sinne des Dialogs zwischen dem deutschen Staat, den ich in Brasilien vertrete und der die ganze Angelegenheit finanziert, meiner Arbeitsstelle Terra Mirim selbst, sowie meinen Spendern und meiner Entsendeorganisation Amntena hoffentlich eine Rolle. Nicht zu Letzt soll dieser Bericht den naechsten drei Freiwilligen, die in dieser Einsatzstelle unterkommen werden, vorzeitig helfen, sich auf das Leben und die Arbeit hier einzustellen - eine Hilfestellung, die ich leider vor meinem Aufbruch nicht erhalten habe, mit besten Gruessen an dieser Stelle an meine Vorgaenger. Aber wollen wir nicht unnoetig Sand aufwirbeln und widmen wir uns den Tatsachen, mit denen es umzugehen gilt.

Fangen wir also ganz von vorne an: mit der Vorbereitung auf Terra Mirim in Deutschland.
Im Laufe der Jahre 2008 und 2009, also waehrend meiner Zeit als Abiturient, bekam ich ueber meinen Verein Amntena Material zugeschickt, dass direkt von Terra Mirim stammte. Es sollte mir dabei helfen, mich auf das Jahr in Brasilien vorzubereiten. Meine Spender werden sich erinnern - an meinen Flyer, auf dem gross und schoen von DEM Konzept der "Integrativen Oekologie" als Vorzeigeleitlinie einer Oekologischen Schule erzaehlt wird. Es war davon die Rede, dass ich hauptsaechlich in paedagogischer Taetigkeit auf eben dieser Schule in Brasilien aktiv werden sollte. Sogar mein eigenhaendig unterzeichneter Arbeitsvertrag spricht von "Mithilfe in dem Projekt, Unterrichtsbegleitung" und das war - ganz nebenbei - auch bei Dilan, meiner deutschen Kollegin hier, der Fall.

Weitere Informationen bekam ich im Vorfeld des "Partnerdialogs" noch in Form einer Kurzbeschreibung Terra Mirims. Idyllisch-poetisch wurde darin beschrieben, wie man sich um die Kinder in der Schule kuemmert, wie die etwa zwanzig Bewohner stets gemeinsam einem spirituellen, schamanischen Leitgedanken folgen, durch den sie viele soziale Projekte verwirklichen. Dass sie Baeume pflanzen, die Umwelt mit Hilfe der ortsansaessigen Bevoelkerung zu schuetzen versuchen und "mit eigenen Haenden die Fluesse" reinigen.

Jetzt meine ganz neutrale Frage an die Leser - gehen Sie einmal tief in sich - : Was hat man sich bei dieser Informationslage im Vorfeld des Dienstes unter seiner Arbeit vorzustellen? Dass man fuenf von elf Schichten in der Woche in einem Sekretariat auf Anrufe wartet, Akten ordnet, Telefonlisten erstellt und den Tuerknopf betaetigt, wenn jemand das Gelaende betreten oder verlassen will (Dilan)? Dass man seine Zeit hauptsaechlich damit zubringt, Blaetter und Grass zu kehren, zu putzen, Essen fuer die Gemeinschaft aufzuwaermen, Werkzeuge zu polieren, Beete zu bewaessern und eine von niemanden benutzte Bibliothek in Stand zu halten? Aber der Reihe nach, will ich mich doch nicht als arroganter, staendig unzufriedener Bourgoise aus Deutschland outen, der an allem etwas auszusetzen hat und sowieso keine Lust auf nichts hat. Jedoch ist eine, fuer die Leute hier in Brasilien selbstverstaendliche (!), Diskrepanz zwischen Werbeaufruf in Deutschland und Wirklichkeit wohl fuer jeden auf den ersten Blick ersichtlich.

Natuerlich muss ganz klar gesagt werden: wir Deutschen wussten, dass wir in einer schamanischen Gemeinschaft unterkommen, dass die Gemeinschaft ihre Regeln hat - wie feste Essenszeiten, Verzicht auf Fleisch und Alkohol und das fanden wir sehr interessant. Mir als Vegetarier faellt es ohnehin leicht, Gemuese und Soja zu essen und sein Feierabendbier kann man auch ausserhalb des Gelaendes zu sich nehmen. Oder auch mal zwei. Kein Problem soweit zu dieser Idee. Im Gegenteil, mit grosser Spannung blickte ich der Sache entgegen, die mich mit ernaehrungsmaessig Gleichgesinnten zusammen bringen sollte.

Auch dem Schamanismus wandten wir uns sehr offen und interessiert zu: Was heisst das, wenn eine Schamanin wie Alba Maria Terra Mirim leitet? Wie sieht das Leben einer Gemeinschaft aus, die sich auf ewig untrennbar und sehr tief mit der Natur verbunden hat? Ja, was ist Schamanismus ueberhaupt? Auf die Antworten war ich vor meiner Abreise nach Brasilien sehr gespannt und auch im Partnerdialog mit der Vertreterin von Terra Mirim Deutschland und Albas Sohn Tiago gegen Ostern wurde diese Vorfreude geschuert.

Letztendlich war meine Vorstellung von Terra Mirim im August 2009, also kurz vor Entsendung, so: Hauptsaechlich Arbeit im Lehrbereich (auch wenn ich die Sprache noch lange nicht sicher beherrschte, es musste ja wohl dennoch moeglich sein, Wissen an den Mann zu bringen!), zusaetzlich Mithilfe in Projekten zum Umweltschutz wie beispielsweise beim Bienenprojekt oder beim Baumpflanzen und natuerlich die Teilhabe an sozialen Aufgabrn fuer den "Dienst im hoeheren Sinn", der doch in der Kurzbeschreibung Terra Mirims so angepriesen wurde. Auch die Tatsache, dass es gelegentlich Theaterstuecke aufzufuehren gibt, machte mir Mut, hatte ich doch schon fuenf Jahre Theater auf dem Buckel und koennte bestimmt meine Ideen an der ein oder anderen Stelle mit einbringen, genauso wie moeglicherweise meine Schlagzeug- und Gitarrenkenntnisse vielleicht sogar hilfreich den Jugendlichen vor Ort vermitteln.

Zeitsprung, wir befinden uns jetzt in einer der ersten Montagsbesprechungen zur Erstellung des Wochenplans von Dilan und mir, gut drei Wochen nach unserer Ankunft. Die Zeit bis dahin war fuer mich alles andere als einfach. Hatte ich doch erstens den anstrengenden, aber nicht besonders produktiven Sprachkurs in den Knochen, fuer den ich zwei Wochen lang vier Stunden taeglich mit dem Bus nach Salvador und zurueck fuhr - fuer nur anderthalb Stunden langweiligsten Unterricht. Und ausserdem erhielt ich bei meiner regelmaessigen nachmittaglichen Rueckkehr Arbeiten, die so ganz und gar nicht der Voelkerverstaendigung oder aehnlichen Vorstellungen internationaler Zusammenarbeit entspricht. Da hiess es fast immer "Unkraut pfluecken". "Anstatt raus in die Welt zu gehen und Leuten etwas von dir - im hoeheren Sinne - geben zu koennen, wird man dazu verbannt, vor einem Beet zu knien und Grashalme abzuernten, sich also mit dem Kleinsten vom Kleinen abzugeben - Arbeiten, die nichts und niemandem helfen", das waren meine mich peinigenden Gedanken, die natuerlich nicht halfen, die ein oder andere Heimwehattacke wegzustecken - "war nicht alles doch eine voellig schwachsinnige Idee? Haette ich nicht ein Jahr lang einfach einen Zivildienst machen koennen und mein Leben im Kreise der Familie und Freunde geniessen sollen?" Nein, immernoch fuehlte ich mich zu einer guten Sache berufen, die ihren Sinn hat.

Und nun kommt doch die so auf Harmonie und produktives Zusammenleben geeichte Schamanin bei der Wochenbesprechung daher und poltert tatsaechlich nach unseren ersten zaghaften Verbesserungsvorschlaegen unserer Arbeit gegenueber los: "Ihr seid Freiwillige der Gemeinschaft Terra Mirim, NICHT der Oekologischen Schule!" Verwirrung und Entsetzen holten mich ein. Sollten wir nun etwa doch nicht in der Schule arbeiten oder in Projekten des Umweltschutzes eine Rolle spielen? Doch doch, gewiss: zwei Schichten woechtentlich in der Schule, sowie eine Schicht zur Fuetterung der Bienen wurden mir zugesprochen. Macht drei von elf. Ich konnte es mir eines Abends dann nicht mehr verkneiffen und oeffnete eine Schublade in der Rezeption, in der die Arbeitsplaene unserer Vorgaenger lagerten. Und ich traute meinen Augen nicht: diese hatten tatsaechlich, wie es unsere Werbung in Deutschland ja vermittelte, so gut wie jeden Tag in der Schule gearbeitet, teilweise sieben Schichten. Da fuehlt man sich ehrlich gesagt einfach nur verarscht. Vor allem bei dem Gedanke daran, dass Alba Maria beim oben geschilderten Treffen nicht uerwaehnt liess, dass "ALLE vorherigen Freiwilligen zu gleichen Teilen in allen Bereichen Terra Mirims gearbeitet" haetten. Der Glaube daran war zu Recht ins Wackeln geraten.

"Freiwillige der Gemeinschaft Terra Mirim", was sollte das nun also heissen? Wir durften es erfahren. Es ist eigentlich ganz einfach. Als Freiwilliger der Gemeinschaft Terra Mirim hilft man der Gemeinschaft, dass diese ihren hoeheren Taetigkeiten nachgehen kann. Ein Beispiel: wenn ich Unkraut pfluecke, muessen andere der Gemeinschaft das nicht machen und koennen sich "wichtigeren" Dingen widmen. Dumm nur, dass die schamanische Philosophie an dieser Stelle im Weg steht, die da so schoen besagt: "Es gibt hier keine wichtigen und unwichtigen Dinge - Alles ist wichtig." Das hatten sie in der Sowjetunion auch posaunt, die "Arbeiter und Bauern" verrichteten gegenseitige Dienste an sich im Sinne der Bruederlichkeit und Gleichheit. Aber, wie es nun einmal so ist: manche waren gleicher als andere. Und dieses Gefuehl liess mich auch in Terra Mirim nicht los.

Warum durfte ich ploetzlich Werkzeuge polieren, Yoga-Matten desinfizieren, Gemuese fuer die Gemeinschaft einkaufen gehen, Pflaenzchen giessen, Blaetter kehren, Unkraut jaehten und Dilan in der Rezeption hinter dem Schreibtisch versauern? Klare Antwort von Seiten der Einrichtung: "Weil es absolut wichtig fuer uns alle ist und es sonst niemand machen kann. Wir sind voll auf euch angewiesen. Wir jehten das Unkraut, damit die Beete schoener werden, damit die Leute, die hier vorbeikommen es schoener finden, damit diese vielleicht oefters hierher kommen, damit alles bekannter wird und expandieren kann in seiner Rolle als avantgardistisches Weltmodel" Aha. Da haben wir also den Widerspruch gefunden, der Terra Mirim und die Werbung der Einrichtung entzweit: Es werden Freiwillige (aus dem Ausland!) gerufen, um bei den vielfaeltigen und sehr tollen (!) Projekten mitanzupacken. Gleichzeitig ist man aber "absolut angewiesen" auf deren Hilfe beim Erhalten und inneren Zusammenhalten des Ladens, egal mit welchen Interessen, Staerken und Motivationen diese Menschen in Brasilien landen.

Und das ist so ganz und gar nicht in Ordnung, vor allem, dass ich mir in spaeteren Gespraechen - zu denen wir noch kommen werden - den offenen Vorwurf gefallen lassen musste, Opfer meiner existenzialistischen Motive zu sein. Welch Paradoxie und Demuetigung zugleich! Ein Jahr in Brasilien, fernab der Familie und Freunde, die man vermisst, ohne Lohn, mit Samstagsschichten und all das nicht um hauptsaechlich zu helfen, sondern um davon zu profitieren und sich selbst zu verwirklichen? Natuerlich hat man unglaublich viel davon, man lernt eine neue Sprache und Kultur, eine andere Lebensart kennen, aber im Vordergrund stand von mir urspruenglich ganz klar eine erfolgreiche Arbeit und die Hoffnung, Jugendlichen und Kindern etwas auf den Weg geben zu koennen.

Und selbst wenn es denn so ist, dass mich auch Abenteuerlust und der einfache Wunsch, etwas ganz Neues zu erleben nach Brasilien gelotst haetten - wer kann einem dies veruebeln? Es ist im Grunde genommen die philosophische Grundfrage nach dem Selbsterhaltungstrieb: Kann ich wirklich ein Leben lang selbstlos sein, nur fuer andere bestehen und allen Interessen vor meinen Vorrang lassen? Auch die Menschen in Terra Mirim leben nicht ohne Eigenmotive an diesem Ort, das muss klargestellt sein. Die vielen schamanischen Rituale, Gesaenge, Meditationen, Koch -und Saftkurse, Yogastunden, der ultragesunde Lebensstil, eine "Meisterin" und Mutter fuer alle und auch diese selbst reist gern und viel um die Welt - unverkennbar wichtige Motive, wenn nicht sogar DIE Motive vieler Teilnehmer, an der Gemeinschaft Teil zu haben. Und es ist ja niemandem zu veruebeln, ganz im Gegenteil! Es ist doch voellig in Ordnung und verstaendlich, den Traditionen der Vorfahren und indigenen Voelker dieser Welt zu folgen, gesund im Einklang mit der Natur zu leben, innerlich heilen duerfen, die Welt zu erkunden und sich von der Leistungsgesellschaft abzukoppeln. Und es ist gut so, dass jeder seinen Spass an der Sache hat, den das formt doch gerade eine glueckliche Gesellschaft. Aber eins muss klar sein: in Terra Mirim zu leben, heisst Selbsterfuellung im allerhoechsten Sinne - sich auf eine innere Reise zu machen und daraus Kraft zu schoepfen fuer die anstehenden (moeglichst sozialen) Aufgaben, darin liegt das Kernmotiver fast aller Bewohner. Liebe deinen Naechsten wie dich selbst, heisst es so schoen auch im Christentum. Also dann doch keine 100% bedingungslose Hingabe aller Kraefte fuer das Leben anderer Menschen. Man kann darueber eine philosophische Diskussion entfachen, ob es ueberhaupt moeglich ist, ohne Selbsterhaltungstrieb zu leben? Man wuerde vielleicht bei Jesus Christus als moeglichem Vorbild landen und sich Gedanken darueber machen, ob das Paradies auf Erden somit existieren kann. Ein spannendes Thema in jedem Fall nicht nur fuer Theologen!

Jetzt will ich aber nicht uebermaessig schwallen: die Zeit zwischen September und Februar war, auch aufgrund des Urlaubs um die Weihnachtszeit, sehr ergiebig und lehrreich. Meine Motivation konnte ich immer wieder an bestimmten Punkten zurueckgewinnen. Sei es eine spassige Stunde mit meinen Volleyballmaedels, das dreitaegige EcoArtfestival, der langsam einsetzende Englischunterricht mit unserer einen Schuelerin (dieses Jahr werden es wohl mehr sein!), die Jugendgruppe - eine wirklich tolle Initiative mit viel Potenzial, welche Freude auf mehr macht -, die "Demonstration", bei der Dilan und ich durchs Dorf gingen und Flugblaetter verteilten, die Fortschritte beim Sprechen, das Finden von Freunden ausserhalb, die Ausfluege zu Straenden, nach Salvador.

Aber an manchen Tagen zog es mich doch ziemlich tief runter, dieses Gefuehl, den Zweck zu verfehlen. Vielleicht in diesem Fall speziell durch den Kontrast zur grossen Reise mit meiner Mutter hervorgerufen, so waren einige Arbeitsttage des Januars und Februars mehr frust-, als lustreich. Das lag auch mit Sicherheit daran, dass die Oekologische Schule nun zu allem Ueberfluss auch noch Sommerferien hatte, die zwei fixen Schichten also vorruebergehend wegfielen. Anstatt nach abwechslungsreichen Alternativen zu suchen, bedeutete dies aber nur: noch mehr Rezeption fuer Dilan (bis zu 7 von 11 Schichten) bzw. Blaetterfegen/Beete pflegen fuer mich. Und das, obwohl wir wiederholt zu verstehen gegeben haben, dass wir uns als Projektarbeiter sehen und nicht als Diener der Gemeinschaft.

Ein wahrer Durst nach sozialer Verantwortung liess mich in der sommerlichen Trockenzeit Bahias schmachten.


Teil 1: Zwischen Tucanen, Strandparadies und Krokodilen
Teil 2: Wo Licht ist, ist auch Schatten
Teil 3: Metropolis
Teil 4: Wochen des Wandels?

Mittwoch, 24. März 2010

Kapitel 4 - Teil 1: Zwischen Tucanen, Strandparadies und Krokodilen


Hallo erstmal, ich weiss gar nicht, ob sie`s wussten, aber neulich war ich im Urlaub.

Die vergangenen Wochen und Monate stecken voller Begebenheiten. Selten habe ich in meinem Leben eigene Freude, Glueck, Trauer und Wut dermassen real miteinander verschmolzen erlebt. Zum Zerreissen war es manchmal. Und dann wieder einfach traumhaft. Einige Zeit habe ich damit verbracht, das vergangene halbe Jahr zu reflektieren und aufzuarbeiten. Im Kreise einiger Arbeitskollegen gelte ich womoeglich auch deswegen als vertraeumter und zerrueckgezogener Mensch. Hatte ich bis zu meiner Ankunft in Brasilien noch mit vielen Mitgenossen ueber "Carpe Diem" philosophiert - die Kunst, das Hier und Jetzt zu geniessen und zu fuellen -, so stellte ich fest, dass dies leider oft leichter gepredigt als gelebt ist.
Entfaltungsgrenzen zu spueren ist eine bittere Sache, aber so lernt man seine Anpassungsfaehigkeit und Improvisationstalente kennen. Dass die naechsten sechs Monate anders sein sollen als die zurueckliegenden, steht fuer mich fest. Und dennoch habe ich unglaubliche Bilder in meinem Kopf, die nahe an meine Vorstellungen vom Paradies heranreichen: die kilometerlangen Wasserfaelle bei Iguacu - "in einem Land vor unserer Zeit" -, gelblich leuchtende Krokodilaugen bei sternenklarer Nacht auf einem See im groessten Sumpf der Welt, vor Glueck strahlende Gesichter beim Singen, Tanzen, Capoeira, Meeresbaden, Fluesse aus Gold (oder, je nach Ansicht, bierfarben)...

Beginnen moechte ich mit diesem Rueckblick an jener Stelle, an der ich vor Weihnachten aufgehoert hatte, zu schreiben.
Am Heiligabend kam meine Mutter hier in Brasilien an. Knapp zwei Wochen sollten wir uns gemeinsam auf zu Abenteuern machen, dabei zuerst Salvador -, dann Iguacu am Argentinisch-Brasilianisch-Paraguayanischen Dreilaendereck besuchen und letztendlich in Mato Grosso das Pantanal kennenlernen.

Wir beschlossen, Weihnachten in Terra Mirim zu verbringen, im Kreise meiner Arbeitskollegen. Dieses Weihnachtsfest sollte ein wenig anders verlaufen, als man es normalerweise gewoehnt ist. Zuerst einmal die Temperatur - 35 Grad an Heiligabend! Da wundert es wenig, dass der Weihnachtsbaum von einem Aluminium-Plastik-Imitat ersetzt wurde. Auch mit der familiaeren, kuscheligen Atmosphaere war es eher wenig in Einklang zu bringen. So feierten wir etwa mit 30 Leuten (hauptsaechlich Alba Marias Familie und andere Mitbewohner Terra Mirims) im grossen "Haus der Kuenste", wo normalerweise Theatervorfuehrungen oder Aehnliches vor einem Publikum fuer bis zu 150 Leute ablaeuft. Aus einem kleinen und engen Kreis wurde also ein grosses und weites Quadrat.

Die Einleitung des Weihnachtsabends mit schamanischen Mantras haben meine Mutter und ich verpasst, kamen wir doch etwas spaet aus Salvador zurueck. Danach durfte eine Schnitzeljagd ueber das Gelaende von Terra Mirim nicht fehlen, bei der alle Teilnehmer am gemuetlichen Fest der Liebe in drei Gruppen eingeteilt wurden, die schliesslich im Dunkeln durch die Gegend rannten, um Zettelchen einzusammeln und die verschiedenen Sammelpunkte abzuklappern.

Anschliessend wurde im grossen Sahl eine kleine Leinwand aufgestellt. Mit Hilfe eines Beamers durften sich alle eine Folge einer japanischen Zeichentricksendung (auf Portugiesisch) ansehen. Die hatte recht wenig, besser gesagt gar nichts, Weihnachtliches an sich. Dennoch liessen es sich die Verantwortlichen der Einrichtung Terra Mirim vor dem Vorspielen der tiefgruendigen und hochaufwendig produzierten Serie nicht nehmen, zu erklaeren, dass es um Energien in jedem Einzelnen ginge, um Weisheit und Willenskraft. Abgesehen davon, dass wir Deutschen den schwerverstaendlichen Text nicht aufnehmen konnten, empfanden wir es eher als RTL-II Nachmittagsprogramm fuer Kinder, denen es die Eltern nicht verbieten, fern zu sehen. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser ja noch an Serien wie "Pokemon" und kann sich dadurch einen weihnachtlichen Vergleich ermoeglichen. Aber dann sollte der Abend lustig-froehlich weitergehen. Ein Dunkeltanz-Wettbewerb mit Kerzen wurde veranstaltet (bis auf Mutti tanzten alle) und die weihnachtliche Kaminfeueratmosphaere ward nun perfekt.

Bereit also zur Bescherung: jeder hatte im Vorfeld einen "Wichtelfreund" per Los gezogen und musste diesem ein Geschenk organisieren. Jedoch wurde das Geschenk nicht bloss ueberreicht, sondern der Empfaenger wurde in einem Gedicht, mit einer Schauspieleinlage, ueber Standbilder oder sonstige Moeglichkeiten praesentiert.
So wurde fuer mich ein Capoeirarythmus getrommelt und mir feierlich mein heiss ersehntes Capoeiratrainingsbuch ueberreicht.

Dann war das eigentliche Fest auch schon vorbei und man verbrachte noch z.T. ein wenig Zeit an einem kleinen Feuerchen, sprach miteinander, ich hatte dazu mit meiner Mutter bis zu diesem Zeitpunkt ja kaum Gelegenheit gehabt, waehrend die handvoll brasilianischen Jugendlichen zurueck zum Computer eilten und Counter Strike - "Isch baller disch weg, Bumm, Knall, Blut, Gewalt..." - spielten.

Fazit: Eine interessante und neue Erfahrung, die sich auf jeden Fall gelohnt hat. Weihnachten im Kreise der Familie, am Kamin, am echten Weihnachtsbaum, mit Weihnachtsliedern und Eiseskaelte draussen ist aber fuer mich allemal weihnachtlicher, auch gehoert ein Weihnachtsmarkt mit seinem duftenden Crêpes -und Gluehweinstaenden dazu, sowie das gute alte Weihnachtskarussel und vielleicht auch eine Schlittschuhbahn. In meinen Augen konnte man dieses Weihnachtsfest schon als merkwuerdig bezeichnen, vielleicht bin ich aber auch in diesem Fall einfach nur ein Spiesser.

Aber Heiligabend hatte ja auch noch was ganz Anderes zu bieten: er sollte den Beginn meines "Mutterschaftsurlaubs" einleiten! Die naechsten drei Tage wohnten meine Mutter und ich in einem sehr schicken Hotel in Salvador. Zum ersten Mal seit 4 Monaten hatte ich an diesen Tagen mal wieder ein richtiges Bett unter meinem Ruecken. Mit einer richtigen Matratze, bei der man beim sich Drauflegen nicht sofort die festgeschraubte Holzplatte spuehrt. Und dann dieses schicke kleine Bad, mit einer verlaesslich funktionierenden (Warmwasser-)Dusche und die Groesse des Zimmers! Die ca. 7m² meines Terra Mirim-Zimmers waren - gefuehlt - schon alleine vom Hotelbett geschlagen und es blieb trotzdem derart viel befreiender Platz. Und ein Balkon im 10. Stock mit Meerblick zum Sonnenaufgang durfte bei diesem "Luxus" natuerlich auch nicht fehlen.

Aber kommen wir einmal endlich zum eigentlichen Urlaub und lassen wir die durch die neue Raumkonstellation zustande gekommenen persoenlichen Gluecksmomente aussen vor.
Da haben wir also in drei Tagen:
- eine Inselrundfahrt mit viel Sonne, Fruechten und froehlich-heiterem bahianischem Temperament auf einer Schaluppe unternommen
- die Meeresschildkroetenstation am Praia do Forte besucht
- ein naechtliches afro-brasilianisches Livekonzert im Pelourinho erlebt

Dieses hat meiner Mutter sehr sehr gut gefallen, welche daraufhin unbedingt dem Saenger ohne Portugiesisch zu erklaeren versuchte, wie wahnsinnige toll es denn war. Der fand das auch recht amuesant und liess sich gerne auf einen netten Smalltalk ein. Aufgrund des Ursprungs der Band (Olodum) aus einem Strassenkinderprojekt, der guten Musik und dem netten Saenger, ist diese Trommelgruppe nun um einen deutschen Fan reicher geworden! Dann war die Zeit im schoenen Hotel mit dem sehr guten Essen auch schon wieder schmerzlich vorrueber gegangen und wir flogen einige hundert Kilometer weiter gen Suedwesten. Schon der Anblick bei Anflug auf das Gebiet um Iguacu liess einige Erwartungen aufkommen: von oben sah man lange Zeit nur eine durchgehende gruene Decke aus Baeumen, durch die sich irgendwann ein super breiter Fluss (kann mich nicht erinnern, schon einmal einen derart breiten Strom gesehen zu haben) zu schlaengeln beginnt. Genau so hatte ich mir eigentlich die Ansicht des wenige tausend Kilometer noerdlich beginnenden Amazonasbeckens von oben vorgestellt.

Aber wie es nun einmal so ist: ein so riesiges Land wie Brasilien verfuegt ueber weit mehr Waldflaechen, Riesenfluesse und sonstige Gebiete, als es einer europaeischen Vorstellungskraft vielleicht moeglich ist, sich auszumalen. Man stelle sich vor, ein Deutscher erzaehlt einem Brasilianer vom nicht kleinen Odenwald und seinen vielen schoenen Wanderwegen. Da kann der Brasilianer ja eigentlich gar nicht anders als schmunzeln: einige Nationalparks wie z.B. spezielle Indianer-Reservate koennen doppelt so gross wie Baden-Wuerttemberg sein. Das Pantanal, ein riesiges Sumpfgebiet - da sollten wir ja auch noch durchreisen - hat eine aehnlich grosse Flaeche wie Westdeutschland. Von Konstanz bis Flensburg, von Aachen bis ins Harz: Sumpf, Seen, Grassflaechen. Unvorstellbar.

Unvorstellbar auch die Hitze, die uns beim Ausstieg aus dem Flugzeug in Iguacu erwartete. Dachte ich, durch die bahianischen Temperaturen bereits ein UV-trainiertes, sonnenresistentes Wesen geworden zu sein, so musste ich mir angesichts der 40 Grad bei gefuehlten 99 Prozent Luftfeuchtigkeit eingestehen, dass es dazu noch weit war, womoeglich unerreichbar fuer einen europaeischen Gringo wie mich. Aber dieses unglaubliche regionale Klima hat womoeglich auch erst diese grosse Vielfalt an Flora und Fauna im Gebiet von Iguacu ermoeglicht, die meine Mutter und ich nun bestaunen durften.

Da kamen wir also vormittags in unserem Hotel an und sahen schon an einigen Blumenbeeten und Straeuchern, was fuer ein buntes und flatterndes Feuerwerk die Blueten umschwirrte. Riesige Schmetterlinge (bis zu 30cm Spannbreite!) in allen moeglichen Farben flogen umher, saugten mit ihren langen Ruesseln am Nektar, liessen sich treiben im Wind. Atemberaubend ist das wirklich - muss man gesehen haben! Und der grosse Baum ueber dem Eingangsportal war Herberge dutzender Vogelnester, die in ihrer eigentuemlichen Art unter den Aesten hingen. Das weckte uns etwas uebermuedete Gemueter recht schnell wieder auf und als unsere deutschsprachige Fuehrerin uns direkt bei der Ankunft im Hotel mitteilte, dass es noch an diesem Tag zur brasilianischen Seite der groessten Wasserfaelle der Welt (Cataratas de Iguacu) gehen wuerde, war auch das letzte Koernchen Schlaf aus den Augen gerieben und der volle Elan zurueckgekehrt.

Erstmal musste jedoch das Hotel bezogen werden, eine aufgrund organisatorischer Probleme im Vorfeld nicht ganz einfache Angelegenheit. Und dann roch das zu beziehende Zimmer auch noch streng urinoes, ein Zimmertausch war die Folge, bei dem es zumindest nur aus dem Kleiderschrank aehnlich duftete, aber den konnte man gluecklicherweise ja schliessen. Es ist eben nicht immer alles so geordnet in Suedamerika. Dann war die Hektik endlich vorbei und meine etwas aufgebrachte Mutter auch schon wieder am Runterkuehlen, Sonnencreme wurde dick aufgetragen - und ab gings zum nahegelegenen Eingang des brasilianischen Nationalparks, der sich am Rande der Wasserfaelle erstreckt.

Dank unserer deutschen Fuehrerin, die in einer suedbrasilianischen Auswandererkolonie aus dem Hunsrueck aufgewachsen war (die haben sogar ein Oktoberfest in Brasilien aufgemacht!), durften wir schon auf dem Hinweg einige Informationen zu den Wasserfaellen und dem ansaessigen Regenwaldgebiet sammeln und uns gleichzeitig an der Riesenwarteschlange vorbeidraengeln.

Die groessten Wasserfaelle der Welt - Niagara-Faelle sind ein Klacks dagegen -, die groesste Vielfalt an Baeumen auf der Welt, noch heute Rueckzugsgebiet fuer Jaguare, Riesenottern, Aras, Tucane, Papageien, Riesenspinnen, Nasenbaeren, Riesenschmetterlinge und, und, und. Da kam man schon im Vorraus ziemlich ins Staunen und als wir nach und nach immer deutlicher den Klang des stuerzenden Wassers des Rio Iguacu zu hoeren begannen und die Luft noch feuchter wurde (da wird man wirklich nass), hielt sich die Vorfreude kaum noch in Grenzen. Dann oeffnet sich hinter einer Biegung schliesslich der dichte, dunkelgruene Baumvorhang und es bietet sich einem ein unglaublicher Anblick.

Es eroeffnet sich einem eine Sicht hinweg ueber ein tief ausgeschnittenes Flusstal, auf der anderen Seite rauschen auf einer kilometerlangen, geschwungenen Wand in unregelmaessigen Abstaenden kleine, grosse und sehr grosse Wassermassen hinunter, treffen unten auf Fels und Wasser, werden zu Nebel und huellen die ueppigen Regenwaldbaeume, Lianen und Voegelschwaerme am unteren Ende in einen undurchsehbaren, durch sich bildende und verschwindende Regenboegen heiteren, hellgrauen Schleier.

Atemberaubend sieht das aus und man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr weg. Ich fuehlte mich versetzt in einen dieser Dinosaurierfilme ("In einem Land vor unserer Zeit"), die ich frueher gerne geguckt habe. Da wurden solche Landschaften aber mit dem Computer erstellt und das hier war nun ploetzlich so unrealistisch real. Wie in einer anderen Zeit fuehlt man sich ploetzlich, so klein im ewigen Kreislauf der Dinge. Und auch die Tatsache, dass das Wasser aus Argentinien nach Brasilien faellt, ist irgendwie belustigend.

Ueberall diese Schmetterlinge! Vier, fuenf setzen sich auf eine Hand und lassen sich forttragen, waehrrend sie mit ihrem kitzligen Ruesselchen das Salz von der menschlichen Haut abschluerfen. Orchideen schlagen ihre Luftwurzeln in alle Richtungen, ein Hoellenlaerm kommt von den Baeumen, an denen die Zigarden im Schreien wetteifern, hier eine Hoehle einer Vogelspinne, dort ein etwa ein Meter langer Nasenbaer, der seine Scheue gegenueber Menschen scheinbar voellig verloren zu haben scheint. Es ist ein Paradiesgarten, durch den wir da spazierten. Entlang auf der gegenueberliegenden Seite der Wasserfaelle durch den Atlantischen Regenwald. Dieser Regenwald reichte frueher tausende Kilometer weit bis in den brasilianischen Nordosten hinauf. Das Stueckchen in Terra Mirim und jenes in Iguacu gehoerten bis vor 200 Jahren noch einem geschlossenen Waldguertel entlang der brasilianischen Kueste an. Ein Regenwald mit einer groesseren Biodiversitaet als dem Namensvetter in Amazonien. Aber als der Mensch nun einmal das Land kolonisierte, versklavte und Plantagen und Siedlungen baute, wurde der Wald immer weiter zurueckgedraengt. So existieren heute nur noch ca. 5 % dieser Flaeche, fleckchenweise ueber Brasilien verteilt und ohne die Moeglichkeit eines genetischen Austauschs der Populationen, was dem Artenreichtum natuerlich zusaetzlich zu schaffen macht.
Der Nationalpark von Iguacu ist eines der groessten noch existierenden Gebiete des Atlantischen Regenwaldes und man muss hoffen, dass nicht auch er irgendwann dem Flaechenbedarf von Milliarden Menschen auf dieser Erde zum Opfer faellt.

Eine ganze Weile spazierten wir also auf der brasilianischen Seite, ohne dass die lebendige Mauer aus Wasser aus Argentinien Enden wollte. Bis wir letztendlich in einer Art Trichterschlucht ankamen, der sogenannten "Garganta do diabo" (Teufelsschlund). Wahnsinnigerweise fuehrt ein von Menschen erbauter Weg zu einer Plattform, die inmitten dieser gigantischen Flut von allen Seiten steht. Links, rechts, hinten, oben, unten - ueberall rauschendes Wasser. In einem Land vor unserer Zeit!

Die Klamotten warfen wir unserer Fuehrerin zu und kurzerhand ging es auf die Plattform, wo man vom Nebel der donnernden Wassermassen eingehuellt und geduscht wird. Ich schwoere: so eine Dusche baue ich mir spaeter einmal in mein Traumhaus: auf 10m² mit 360 Grad-Funktion, Vogelgezwitscher -und Wasserrauschenlautsprechern, original brasilianischem Naturstein, Tag -und Nacht- und Vollmondmodus mit kuenstlichem Sternenhimmel, sowie nicht zu vergessen Plastiklianen zum nackigen, duschenden Tarzanschwingen! Deshalb wollte ich schon immer Architekt werden.

Am naechsten Tag sollte das Erlebnis nicht minder schoen ausfallen: es ging nun auf die argentinische Seite der Faelle, also auf jene, wo man von oben dem herunterstuerzenden Wasser hinterher blicken kann. Der Nationalpark bestach durch einen offenen Bimmelzug, der den Weg vom Eingang zu den eigentlichen Wasserfaellen gut ueberbrueckt. Schoener ist dies in jedem Fall als die brasilianische Variante, bei der man die paar Kilometer pflichtweise entweder mit dem Auto oder einem Reisebus zurueck legen muss.

Mit der Urwald-Lok ging es direkt – wir waren die erste Gruppe an diesem Morgen – zur Garganta do Diabo. An jenem Tag durch Touristen fast noch unbesucht, liefen wir ein Stueck von der Endstation des Zuges auf einer Bruecke ueber den von gruen-bewachsenen Inselchen und Untiefen durchzogen, aber dafuer unglaublich breiten Iguacu-Fluss, bis wir dieses Mal auf einer Plattform zum Stehen kamen, die nun oben, am Rande des Teufels-Abgrunds steht.

Auch hier packt einen ein leichtes Kribbeln wenn man dem Wasser hinterherschaut, dass sich von allen Richtungen in diesen riesigen Trichter ergiesst. Die Leute auf der brasilianischen Seite, die wie wir am Vortag eine Dusche auf dem unteren Vorsprung der Wasserfaelle nahmen, konnte man von oben nicht sehen. Denn ab ca. 50 Metern Tiefe kommt auch von unten Wasser nach oben gestroemt, naemlich in Form eines Nebelvorhangs, der durch den Aufprall des schweren H2Os auf dem harten Stein aufsteigt. Es ist schon ein etwas anderes Gefuehl, dem Wasser hinterherzublicken, als den Panoramablick auf der Brasilienseite zu geniessen. Meiner Meinung ist Argentinien einen Tick schoener, vielleicht liegt das aber auch an dem Spaziergang, den wir an der oberen Kante der Wasserwand machten, die sich ueber 2700 Meter erstrecken, wobei an Baechen, Stroemen, wilden Zitronen –und Orangenbaeumen, Papageien. Das Foto des Tages - und es waren einige gute Schnappschuesse zu verzeichnen! – war ein freilebender Tucan im Vordergrund des Wasserfalls.

Und als waere das nicht schon genug gewesen, unternahmen wir an diesem leicht verregneten, aber deshalb nicht unangenehmen Nachmittag, noch einen Ausflug zum Itaipú. Itaipú, das ist nichts Geringeres als das groesste Kraftwerk dieser Erde. Ein paar Zahlen muss man sich dazu einmal auf der Zunge zergehen lassen: der Stausee hinter diesem Wasserkraftwerk ist doppelt so gross wie der Bodensee, die Stromleistung ist ca. sechs mal groesser, als jene des im Jahre 2006 staerksten Kernkraftwerks dieser Welt und immernoch groesser als jene des Drei-Schluchten-Damms in China, der Bau kostete 16,6 Milliarden Dollar, vom Beginn des Baus bis zur vollstaendigen Inbetriebname des Stauwerks vergingen nicht weniger als 32 Jahre, zum Bau wurden 12,57 Kubikhektar (kann man mit so einer Einheit etwas anfangen? 1 Kubikhektar ist ein Wuerfel mit den Kantenlaengen 100 x 100 x 100 Meter) Beton verwendet, die nahe gelegene Stadt Foz do Iguaçu mit ihren 300.000 Einwohner wurde alleine aus dem Grund Unterbringung der Arbeiter aus dem Boden gestampft und zu Zeiten der Inbetriebnahme versorgte das Kraftwerk ganz Paraguay, sowie ein Viertel der Energienachfrage Brasiliens.
Alle diese Fakten sprechen fuer sich und es war interessant, bei der kleinen Doppeldeckerbusrundfahrt auf der etwa 8 Kilometer langen Staumauer mit solchen Informationen versorgt zu werden. Was alles moeglichst ist, was Menschenhaende alles fertig bringen koennen, beeindruckte uns beide nicht wenig.

Allerdings wurde natuerlich von den Betreibern der Touri-Fahrt, die gleichzeitig mit den Kraftwerksbetreibern unter einer Decke stecken, nicht unbedingt hervorgehoben, dass fuer den Bau 40.000 Menschen – vorzugsweise Indianer – zwangsumgesiedelt werden mussten, bevor ihre urspruenglichen Jagdgruende im Atlantischen Regenwald fuer immer in den Fluten des Stausees versanken.
Versunken sind damit auch die sogenannten Wasserfaelle von „Sete Quadas“, in ihrer Dimension den Iguaçu-Faellen wohl ebenbuertig. So bleibt schon ein Geschmaeckle nach dieser Tour bei uns zurueck und man koennte viel darueber diskutieren: Ist es vertretbar, ein Projekt mit derartigen Folgen fuer Mensch und Umwelt zu realisieren, wenn stattdessen keine Kohle –und Atomkraftwerke gebaut werden muessen, deren langfristige Verschmutzungsprobleme fuer alle Erdlinge womoeglich noch viel schlimmer ausfallen? Zeit fuer Philosophie!

Ein anstrengender, aber gleichzeitig atemberaubender und sehr interessanter Tag war zu Ende gegangen. Halt – noch nicht ganz! Am recht ueppigen Abendbuffet bedienten wir uns nicht unbedingt zurueckhaltend und verspeisten koestlichste Gerichte, die, da wir uns ja in Suedbrasilien aufhielten, mehr an die heimische Kueche erinnern als in Bahia. Mit richtigem Koernerbrot, Kartoffelsalat, Tomate und Mozzarela-Schnittis und soweiter. Gleichzeitig gab es live Gaucho-Musik im Paraná-Stil geboten und die Kellner sahen irgendwie alle lustig aus mit ihren roten Halstuechern und den ganz flachen Cowboyhueten. Ganz so lustig ging es mir dann allerdings einige Stunden spaeter nicht mehr.

Da muss den Herren Koechen wohl ein kleines Maloerchen bei irgend einer Sossenzubereitung passiert sein. Mein Magen drehte sich im Kreis und liess mich erzittern, der Gang zur Toilette wurde fuer die folgenden 24 Stunden zum Routineritual im Fuenfminutentakt. Und als haetten wir uns abgesprochen, so knuepfte meine Mutter nahtlos an meine Taetigkeiten an, nachdem bei mir nach vielen Stunden zumindest Cola und Elektrolytloesung so langsam wieder drinn bleiben wollten. So verbrachten wir beide unsere Neujahrswende – schlafend, rueckwaertstrinkend. Irgendwie haben wir es am letzten Tag in unserer Schwaeche aber noch geschafft, einen kleinen Abstecher in einen Vogelpark fuer Tropentiere zu unternehmen, den man uns empfohlen hatte. Das hat sich auf jeden Fall gelohnt. Allerhand bunte Aras, Papageienarten, ein Haus voller Tucane, die gar nicht genug gestreichelt werden konnten, ein Riesenkaefig voller lustwandelnder Kolibris und Riesenschmetterlinge, eine Anakonda, eine Boa Contrictor, die sich um meinen Nacken wickelte (gruseliges Gefuehl - Gaensehaut!) und vieles mehr liessen uns wieder einmal entzueckt ueber diese faszinierende Natur.

Und dann war der kurze Aufenthalt auch schon vorrueber und ab gings ins Flugzeug, weiter nach Cuiabá, der Hauptstadt von Mato Grosso. Diese liegt ein paar hundert Kilometer oestlich der Grenze zu Bolivien, also im aeussersten Mittelwesten Brasiliens und gleichzeitig an der Nordspitze des groessten Feuchtgebiets der Welt: dem Pantanal.

Mehr als 650 Vogelarten – das sind mehr als es in ganz Europa zusammen gibt -, Jaguare, Pumas, Kaimane, Hyazinth-Aras, Wasserschweine, Piranhas, Riesenottern, Riesenstoerche, Ameisenbaeren, Tapire, Fischerbussarde, Koenigsgeier, man koennte stundenlang fortfahren mit der Aufzaehlung der Arten, die das Gebiet beherbergt, das in seiner Fauna mit Sicherheit eines der vielfaeltigsten Oekosystem der Welt ist. Empfangen wurden wir direkt am Flughafen von unserem Pantanalfuehrer Pedro, einem sehr erfahrenen und netten Typ, der sogar in unserem Reisefuehrer als Topguide empfohlen wurde. Das Gepaeck in den Kofferaum des weissen VW Van Sumpfmobils gepackt, machten wir uns sogleich abenteuerwuetig auf den Weg. Raus aus der Grossstadt am Flughafen, auf das Land, kilometerweise geradeaus, geradeaus, geradeaus. Bei stroemendem Regen. Vorbei an unzaehligen Kuehen, gruenen Grassflaechen, grossen aufgetuermten Erdhaufen - illegalen Goldminen.

Da ueberkam meine Mutter schon einmal der Schlaf. Damit war es dann allerdings vorbei, nachdem wir nach einem kurzen Imbiss bei einer sehr netten bekannten Familie Pedros Halt gemacht hatten. Denn dieses Dorf war der letzte zivilisierte Vorposten vor dem Eingang ins Pantanal. Und sobald wir uns, gut mit Anti-Muecke eingecremt, auf die Transpantaneira machten, eine alte Schotterpiste aus Militaerzeiten, wackelte das Auto so stark hin und her, dass an ein Nickerchen nicht mehr zu denken war.

Diese „Strasse“, die ca. 50 Kilometer tief ins Pantanal hineinrakt hat uebrigens eine lustige Geschichte. Im Uebermut der Militaerdiktatur-Jahre visionierte man ueber das irrsinnige Projekt, eine Strasse durch das Pantanal hindurch zu bauen. Nur vergassen die Herren Generaele beim aberwitzigen Planen zu bedenken, dass zur Regenzeit ungefaehr zwei Drittel des Pantanals unter Wasser liegen. Als man das feststellte, hatte man allerdings schon mit den Bauarbeiten begonnen. Kurzerhand beliess man es dann dabei, die lediglich mit Schotter und Erde aufgeschuettete Piste so zu lassen, wie sie zu diesem Zeitpunkt war. Und heute dient sie Hauptverkehrsader fuer Touristen. Das heisst allerdings nicht, dass es von auslaendischen Abenteurern wimmelt, im Gegenteil. Die Strasse ist groesstenteils wie ausgestorben und zur Linken und Rechten erstreckt sich nach einigen Kilometern Viehweide schliesslich das freie und unberuehrte Sumpfgebiet.

Und so fuhren wir nun also dahin auf dieser einsamen, durch die eisensalzhaltige Erde rotgefaerbte Piste. Aufgrund der Fahrbahneigenschaften haben wir fuer die nur 20 Kilometer etwa anderthalb Stunden gebraucht, dafuer aber dabei schon jede Menge gesehen. Gluecklicherweise kann Pedro sowohl die brasilianischen, als auch die deutschen Namen der Tiere allesamt auswendig (Englisch kommt bald!) und so hielten wir immer wieder an, um Eisvoegel (Vogel des Jahres 2009), Fischreiher, Falken, Sumpfhirsche oder Kaimane zu bestaunen.

Kaimane, ja diese Krokodile sehen auf den ersten Blick ziemlich furchteinfloessend aus. Ein Riesenmaul mit Zaehnen am anderen Ende, sowie die Haltung, in der die Tiere im Wasser liegen tun dazu ihr Uebriges. Denn zu sehen sind im Wasser eigentlich nur die zwei Nasenloecher, sowie die stechenden und suchenden Augen dieser Reptilien. Stundenlang koennen sie so bewegungslos im Wasser verharren, um dann schlagartig mit einem grossen "Happs" einen vorbeischwimmenden Fisch runterzuschlucken.

Bis in die 60er Jahre wurden die Brillenkaimanbestaende im Pantanal kontinuierlich vom Menschen dezimiert. Eine schoene Krokodilhandtasche war in Europa guenstig zu haben. In dieser Hinsicht ist die Lage heute deutlich entspannter, geschaetzte 35 Millionen Kaimanen bevoelkern nun wieder das Pantanal und werden deutlich besser geschuetzt.

Dennoch floriert der illegale Tierhandel bei anderen Arten nach wie vor. Die Jaguarpopulation erholt sich nur langsam, genauso finden Hyazinth-Aras und andere sehr seltene Voegel immer noch auslaendische Abehmer, die bereit sind, viel Geld dafuer auf den Tisch zu legen. Eine Schande ist das. Aber wir koennen da nur bei uns selbst anfangen: Auf dass wir niemals Jaguarpelze kaufen moegen und jeden, der die Dreistigkeit hat, derartiges zu tragen oder vom Aussterben bedrohte Arten in irgend einer Form hortet, zur Rede stellen, notfalls auch etwas haerter als erlaubt. Und wer so etwas in Geschaeften vorfinden sollte, hat das Recht mit Verweiss auf das Washingtoner Artenschutzabkommen Anzeige zu erstatten und sollte davon auch Gebrauch machen!

Wenn dies aber nur die einzige Bedrohung des Pantanals waere. Viel groessere Bedrohungen kommen durch Industrie und Landwirtschaft auf dieses Gebiet zu. Schaetzungen zufolge, wird bereits 2050 nichts mehr von der Biodiversitaet und urtuemlichen Flaeche des Pantanals uebrig bleiben, wenn die Zerstoerung weiter in diesem Masse fortschreitet.

Illegaler Holzeinschlag und Brandrodungen haben schon 17 Prozent des Gebiets unwiderruflich Platt gemacht. 17 Prozent der Flaeche der ehemaligen Bundesrepublik, das ist wohl in etwa soviel wie der Baumbestand von Schwarzwald, Schwaebischer Alb und Odenwald zusammen.

Sojaplantagen und Viehhaltung sorgen ihrerseits fuer die Unnutzbarmachung des Bodens, der schon nach einigen Jahren naehrstoffarm wird, da derartige, monokulturelle Landwirtschaft seine Degradation unglaublich schnell befoerdert. Nach ein paar Jahren sind also die Farmer stets gezwungen, neue Flaechen abzubrennen und weiterzuziehen.

An den Randgebieten des Pantanals ansiedelnde Grossindustrien tun auch noch ihr Uebriges dazu, die Zerstoerung dieser einzigartigen Landschaft voran zu treiben. Dazu zaehlen vor allem die Produktionsstaetten von Bioethanol, also jene, die Zuckerrohr in Fahrzeugtreibstoff umwandeln. Bei diesen Prozessschritten enstehen hochgiftige chemische Verbindungen, die ungeklaert in die Flusssysteme des Pantanals eingeleitet werden. Natuerlich sterben dadurch die Fische, absolute Nahrungsgrundlage und Basis der Nahrungspyramide des gesamten Oekosystems.

Und auch die Zeit der Goldgraeber ist nicht, wie vermutet, im 19. Jahrhundert vorbeigegangen, sondern haelt auch heute in dieser Region bedrohlichen Einzug. Mit riesigen Maschinen graben diese Menschen ganze Gebiete um und waschen die Goldverbindungen mittels des Gebrauchs von Quecksilber und Amalgamverbindungen aus dem Gestein. Dass Quecksilber sehr toxisch ist, wissen wir alle, denn nur deshalb wurden Quecksilberthermometer damals abgeschafft - aus Gruenden der Gesundheitsgefaerdung fuer den Menschen. Und diese chemischen Abfaelle landen nun im Grundwasser des Sumpfgebiets und verrichten dort ihr furchtbares Werk, die schleichende Infiltrierung des Nahrungsnetzes und Vergiftung der Tier -und Pflanzenarten.

Das Mass an Verantwortung, dass wir Menschen uns in Bezug auf unsere Natur auferlegen, ist, wenn ueberhaupt, minimal. Wir vergessen zu oft, dass auch wir Tiere sind, die auf unsere Umwelt angewiesen sind. Muss es denn immer erst zur absoluten Oekokatastrophe kommen, bis der Mensch Einhalt gebaehrt? Das ist schlichtweg ein trauriges Kapitel Geschichte und man kann nur hoffen, dass es irgendwann zur Umkehr kommt. Und zwar bevor wir merken, dass unsere eigene Gesundheit unter den Umstaenden leidet - Vogelgrippe, BSE und Antibiotika-Fisch sind doch erst der Anfang des "Rueckschlags der Natur", den wir selbst provoziert haben, das kann man meiner Meinung nach nicht leugnen.

Nach dieser kleinen Abschweifung wollen wir uns aber wieder der Reise widmen. Angekommen in unserer mitten im offenen Dschungel gelegenen Pousada, wurden wir sogleich mit unseren Ausflugsmoeglichkeiten vertraut gemacht. Ausritte durchs Gelaende, Tag -und Nachttouren auf einem kleinen Ruderboot, Safaris mit dem VW, Spaziergaenge, sowie Piranhafischen - alle diese Angebote sollten wir in den folgenden vier Tagen wahrnehmen, man kommt ja schliesslich nicht alle Tage am Ende der Welt vorbei.

Es folgten sehr entspannte und gleichzeitig aufregende Ausfluege durch die (noch) intakten Gebiete dieser Welt. Im Detail moechte ich jetzt nicht jede Einzelheit aufzaehlen, aber es gibt drei Dinge, die Dank ihrer Originalitaet auf jeden Fall erzaehlt werden muessen.

Da waere zum Einen das Piranhafischen. Recht frueh am Morgen machten wir uns auf zu einem etwas groesseren See in der Naehe. Mit im Gepaeck ein kleines Eimerchen mit Rindfleischstuecken, sowie zwei Bambusangeln mit spitzen Haken. Da im Januar noch Regensaison im Pantanal ist, wussten wir schon im Vorraus, dass es nicht allzu leicht werden sollte, eines dieser fleischfressenden Suesswassermonsterchen an die Leine zu bekommen. Denn in der Regenzeit dehnen sich Fluesse und Seen derartig aus, dass sich eine riesige zusammenhaenge Gewaesserflaeche ueber der Grasslandschaft ausbreitet.

Somit koennen sich die Fische gut vermehren, da es ein grosses Nahrungsangebot fuer sie gibt und weniger Konkurrenz aus den eigenen Reihen zu befuerchten ist. Zur Trockenzeit sieht die Sache dann aber schon ein wenig anders aus. Aufgrund der ungemein heissen Temperaturen verdunstet dann das Wasser schnell und weicht auf die urspruenglichen Seen und Fluesse zurueck. Jedoch bleiben dann auch immer vereinzelte Miniseen ueber die Landschaft verstreut uebrig, in denen sich die Fische versammeln, die nicht rechtzeitig den Weg zurueck in einen Fluss gefunden haben, bevor sie vom Festland abgeschnitten wurden. Ihnen steht hoechstwahrscheinlich kein Tod durch Altersschwaeche vor, werden sie doch entweder durch die verdunstenden Pfuetzen irgendwann qualvoll vertrocknen, an Nahrungsmangel sterben (durch die Mitkonkurrenten), oder aber von den Horden anderer, groesserer Tiere - vor allem der Kaimane - erbarmungslos verspeist, die sich in der Trockenzeit so richtig satt fressen koennen. Und das im Verbund zu 35.000.000 Tieren, die pro Tag bis zu sechs Kilo Fisch "einatmen" koennen.

Es sollte also leider nicht allzu leicht sein, einen Piranha im grossen See zu fangen, den wir nun aufsuchten. Bis schliesslich nach einigen Minuten meine mit Rindfleischkoeder bestueckte Angel fuer einen Bruchteil einer Sekunde aufzitterte. Ich zog sofort daran und stellte erstaunt fest: das Fleisch war weg! Schnell einen weiteren Koeder aufgesetzt, Angel reingehalten, Zittern, Angel raushalten, wieder weg! Der Piranha schien gefallen an dem Spiel mit mir zu haben, doch hatte er die Rechnung ohne unseren Guide gemacht, der auf der anderen Seite des Bootes seelenruhig seine Angel auswarf. Der hatte sich ueber Jahrzehnte langes Training eine sehr schnelle Reaktionsfaehigkeit angeeignet und wuchtete dann urploetzlich den nun nicht mehr so schlau drein schauenden Piranha an Bord.

Meine Mutter und ich waren davon nicht so begeistert, sei es wegen diesem ekligen Gezappel, oder aber eher durch dieses Riesengebiss, dass sich vor uns entbloesste. 40% vom Koerper ist Beissapparat und die Zaehne sind spitz wie jene eines uebergrossen Brotmessers. Schauderhaft, sich vorzustellen, dass die meisten Brasilianer keine Hemmungen haben, in solchen Gebieten baden zu gehen. Abgesehen von den anderen spitzzaehnigen Kreaturen, die da im trueben Wasser ihren Jagdtrieben nachgehen wie z.B. Wasserschlangen, von denen wir eine etwa 3 Meter lange einmal mit ein wenig Abstand ueber die Wasseroberflaeche rasen - ja, wirklich: wie ein ferngesteuertes Motorboot fuer Kinder! - sehen konnten. Nun gut, jetzt haben wir also ein Foto von einem Piranha in unserem Repertoire und vielleicht auch eine Geschenkidee fuer den naechsten Geburtstag unserer Freunde mit dem Aquarium.

Ein anderes Intermezzo ergab sich auf einem Aussichtsturm in einem kleinen Waeldchen, auf den wir abenteuerlustig und mit Feldstecher bewaffnet hinaufstiegen. Oben angekommen wurden wir jedoch schon von ein paar Freunden erwartet, mit denen wir so nicht gerechnet hatten. Eine Affenfamilie machte es sich in der Sonne bequem, stopfte sich im Liegen Fruechte und Blaetter in die Muender, sprang gelegentlich in den Nachbarbaeumen umher und schien absolut keine Scheue vor uns Menschen zu haben. Fuer die, die es genau nehmen, es waren Bruellaffen, die groesste im Pantanal vorkommende Art, wenngleich ein ausgewachsenes Tier einem Mensch lediglich bis zu den Knien reicht.

Mit grosser Kulleraugen wurde man genaustens begutachtet. Diese Affen kamen auch nicht auf die Idee, uns mit ihren Exkrementen zu bewerfen, wie es ja schon so manchem Besucher im Heidelberger Zoo ergangen ist. Nein, es waren aeusserst friedliche Erfahrungen, vielleicht sogar schon zu friedlich. Fuer einen ausgebufften Wilderer gaebe es nichts Leichteres, als sich derart vertrauender Geschoepfe Herr zu machen. Aber da wir gluecklicherweise von einem anderen Schlag sind, genossen wir einfach diesen seltenen Moment des Einklangs.

Und drittens waeren da natuerlich die Bootsausfluege, die wir je nach Laenge mit dem Paddel oder einem kleinen Motor zuruecklegten. Wer kann schon von sich behaupten, einer 9-koepfigen Riesenotterfamilie beim Jagen zugesehen zu haben? Wir koennen es! Atemberaubend, wie sich diese ueberdimensionalen marderaehnlichen Tiere in fester Formation - wahrscheinlich so eine Art Familienhierarchie - durch das Wasser schlaengeln und es nach Fisch durchkaemmen. Vor unserem herannahenden Boot machten sie aber doch recht schnell kehrt, so dass dieser Anblick micht all zu lange waehren sollte. Aber dem mussten wir nicht nachtrauern, lag doch das naechste Highlight schon vor uns.

Kaimanfuetterung war angesagt, ein Erlebnis, an das sich meine Mutter nicht unbedingt gerne erinnern wird. In der Naehe einer sehr seichten Uferstelle begann unser Guide ploetzlich allerhand lustige Geraeusche von sich zu geben - er kann alle Laute von Affe bis Maeusebussard - und rief auch noch einen Namen. "Zico, Zico." Ein brasilianischer Fussballstar der 80er Jahre im letzten Winkel dieser Erde? Nur fast! Zico ist das Hauskrokodil Pedros, dem er und die Besitzer der nahegelegenen Pousada es in jahrelangem Training beigebracht hatten, Fisch auf Kommando von der Holzstange zu vespern. Und tatsaechlich: aus einer seerosenbewachsenen Stelle tauchten ploetzlich gespenstische zwei Augen auf und im Wasser hinter ihnen machte sich eine schlaengelnde Bewegung ganz offensichtlich bemerkbar - der Schwanz des Kaimanen hatte angefangen, langsam in unsere Richtung zu rudern. Er war hungrig. Ohne grosse Hemmungen kam das geschaetzt 3 Meter lange Tier am Rand unseres Bootes vorbei und sprang schliesslich - wie ein Wasserballtorwart - mit seinen Maul vorraus etwa einen Meter aus der Wasseroberflaeche nach oben hinaus, um den Fisch von einer Holzstange zu ernten, die Pedro ihm hinhielt. Mit einem lauten "Klapp" krachen die beiden Kiefer uebereinander, bye bye Fischli. Keine falschen Aengste: Kaimanen sind menschenscheu. Es gibt und gab bei dieser Art von Krokodilen fast nie Uebergriffe auf Menschen, denn diese sind gross und laufen aufrecht, was den auf Fisch spezialisierten Kaimanen eher Angst bereitet. Es gab sogar schon Naturfreaks, die - zur Trockenzeit! - inmitten einer hundertkoepfigen Kaimankolonie gezeltet haben, ohne dass ihnen etwas geschehen ist.

Der Fotograf unseres Pantanalbildbandes muss so ein Typ gewesen sein, aber nun gut, der ist auch ohne Essen monatelang durchs Pantanal gewandelt und hat sich nur von Flusswasser und Fisch ernaehrt, ist also nicht unbedingt unser Massstab. Allerdings will ich auf keinen Fall die Gefahr von Krokodilen im Allgemeinen verharmlosen. Australische Salzwasserkrokodile haben dort schon einige Fischer und Hafenkaispaziergaenger auf dem Gewissen und auch die Modelle in Florida oder in Amazonien sollen nicht ganz so pazifistisch gegenueber Menschen eingestellt sein. Die Garantie gebe ich also hiermit nur fuers Pantanal ab, wie gesagt: die Leute baden dort mit den Krokodilen zusammen, keine 10 Meter weg von ihnen.

Ja, diese und viele andere schoene Dinge haben wir im Pantanal erlebt, ich habe in meinem Leben noch nie so einen faszinierenden und klaren Sternenhimmel gesehen, geschweige denn nachts die im Scheinwerferlicht leuchtenden Krokodilaugen, die orangefarben reflektieren...nur einen Jaguar habe ich nicht erspaehen koennen, obwohl ich heimlich immer verzweifelt Ausschau hielt.
Vielleicht komme ich genau deswegen im Sommer wieder, wenn Trockenzeit ist. Hinsichtlich meiner Urlaubsplanungen bin ich noch nicht ganz sicher, wo ich denn hin will - die Auswahl ist einfach zu gross (genau wie bei der Torhueterfrage zur Fussball-WM, Lehmann zum Zweiten?). Feststeht jedoch sicher: es gibt noch ein weiteres kleines Paradies auf dieser Welt und es geht darum, jede Moeglichkeit wahrzunehmen, es zu schuetzen!

Nach diesem Superurlaub - trotz Erbrechungsunterbrechungn - trennten sich meine Mutter und ich schon in Mato Grosso, sie flog direkt ueber Sao Paulo zurueck ins eisige Deutschland, waehrend ich mich nachdenklich nach Salvador aufmachte. Dort sollten mich, wie es mein Vater so schoen formuliert, die Abenteuer des Alltags erwarten, zu dem ich in diesen Tagen Gott-sei-Dank ein wenig Abstand gewonnen hatte. Dieser war dringend notwendig. Denn wie sich im naechsten Bericht zeigen wird, ist lange nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen in der "harmonischen Gemeinschaft" von Terra Mirim gewesen.

Teil 1: Zwischen Tucanen, Strandparadies und Krokodilen
Teil 2: Wo Licht ist, ist auch Schatten
Teil 3: Metropolis
Teil 4: Wochen des Wandels?