Freitag, 1. April 2011

Abschlussbericht "Meu Brasil"

Oh mein Brasilien! Wie lange lieβest Du mich warten?

Kam der 19jährige Schützling nicht naiv zu deinen Gefilden, um der Welt einen kleinsten Teil seiner Schulden zu tilgen? 500 Jahre alte Schulden?
Lebenslange Leichtigkeit - auf Kosten unserer damaligen Sklaven, die wir so überheblich Menschen aus der "Dritten" Welt zu nennen wagen. Sind wir also die Menschen auf Platz Eins der Weltordnung?
Hochmut kommt vor dem Fall. Aber suchte ich nicht auch nach dir, um mich an deiner Sonne, dem Meer, Caipirinhas, Körperkultur und Lebensfreude zu erlaben? Nicht, um mich im Gesang deiner Bäume zu wiegen und mich lüstern vom Geschmack der Maracuja überwältigen zu lassen?

Nicht, um abzuschalten, einen Schritt vor die Tür des Hauses der Leistungsgesellschaft zu wagen?
Nicht, um eine wunderschöne Sprache zu erlernen?
Nicht alles schon sofort, nach 2 Wochen?
Hochmut kommt vor dem Fall.

Sozial ist, Kindern etwas beizubringen, auch wenn man ihre Wörter und Gedanken nicht versteht?
Sozial ist, kostenlos Essen, Spielzeuge, Kleidung an "Bedürftige" zu verschenken? Sozial ist, helfen zu wollen?

„Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon, dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen. Das ist meine Armut, daß meine Hand niemals ausruht vom Schenken [...] O Unseligkeit aller Schenkenden!” (Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra II)

Wer wollte hier eigentlich wem helfen und wer wem etwas schenken?
Nicht etwa vielleicht ich selbst meinem Gewissen? Meinem Heldenideal?

Bedrückend war es, die ersten zwei Wochen täglich 4 Stunden alleine durch einen Dreimillionenmoloch mit dem Bus zu fahren, um einen (unbefriedigenden) Portugiesischkurs zu absolvieren.
Auch das "soziale" Arbeiten mit dem Unkraut war mir zu Beginn suspekt.
Meine neuen Mitbewohner hatten sich in unsere Vorgänger verliebt, die fünf Tage vor meiner Ankunft von dannen zogen und gebrochene Herzen hinterlieβen. Gleichzeitig hatte deren all zu freie Interpretation der 18-Ferientageregel und der Arbeitszeiten die brasilianischen Chefs auf den Plan gerufen, welche mit Entschiedenheit darauf reagieren wollten - unglücklicherweise erst mit einjähriger (obligatorisch bahianischer) Verspätung bei uns neuen Freiwilligen.

Warum nannte man die Chefin des Projektes eigentlich "Meisterin" oder "Donna" und warum hängt ihr Bild in ihrem Tempel zwischen Jesus und Krishna und auch an sonst jeder freien Ecke im Projekt? Weshalb war jede Volleyballstunde, die ich so abwechslungsreich wie möglich gestalten wollte, für meine vorpubertären, sich ständig streitenden und durch evangelikale Sekten zum Durchdrehen gebrachten Schülerinnen "langweilig" und stattdessen mein "hässlicher“ Bart oder angebliche Voodoo-Rituale auf dem Nachbargelände interessanter?
Hässlich waren hingegen tatsächlich die nicht gerade angenehmen, eiternden Furunkel unter den Achseln.
Auch nicht zu vergessen: das Nest von Vespula squamosa, der Atlantischen Urwaldwespe, das ich nach unserem einzigen und ersten Rendez-vous mit einem etwas aufgequollenen Gesicht verlieβ und der vier Zentimeter lange verrostete Eisennagel, der sich eines schönen Tages durch meinen FlipFlop bis tief in den rechten Fuβ bohrte.

Wo war plötzlich meine mich schützende Familie? Meine Freunde, mit denen ich lachen kann und die einen aufheitern, wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht?

Das mit den Caipirinhas war jetzt auch nicht so "easy", angesichts der Tatsache, dass ich im Nachbardorf wohl von einem verkappten KGB-Agenten beim genüsslichen Leeren eines Bierbechers bespitzelt wurde und dies panische Ängste um den Ruf meiner Organisation schürte.
Was war nur geworden aus dem Menschen aus der "ersten" Welt? Ein stillschweigender, auf sein Zimmer zurückgezogener, keine Miene verziehender Lesewurm. So hatte sich das Max S., 19, eigentlich nicht vorgestellt mit dem "raus in die neue Welt" Ziehen.

Es sollte tatsächlich fast ein halbes Jahr dauern, bis er seinen inneren Frieden mit Brasilien schlieβen sollte. Und letztlich, nach weiteren sechs Monaten, sind sie sogar dicke Freunde geworden. Oh mein Brasilien!
Spät fanden wir zu einander – dafür sollten wir dann regelrecht kollidieren.

Nun musste ich Dich wirklich kennen lernen! Endlich liefen auch mir deine himmlisch weichen Wörter über die Lippen - und so unterhielten wir uns einmal richtig.

Du gabst mir zu verstehen, dass man in deinen Ländereien immer doppelt so viel Zeit für alles benötigt, in Bahia sogar vier Mal so viel. „Geduld“, lieβest Du mich wissen, „ist der Schlüssel zum Glück.“ Es ist normal, wenn Treffen um 13.00 Uhr eigentlich um 14.00 Uhr beginnen oder die vielen neuen Menschen eine Umgewöhnungszeit benötigen, wenn ein fremdes Immunsystem mal durchdreht und das Loslassen schwerfällt, wenn man nicht gleich Cheforganisator von fünf Projekten wird, wenn Oberflächlichkeit und nicht kunstvoller Humor die ersten Sprachschritte prägen, wenn sich ein deutscher Abiturient und ambitionierter Naturwissenschaftler in eine äuβerst empirisch ausgerichtete Wohngemeinschaft einfügt, wenn man vier Stunden Busfahrt für 30 Kilometer benötigt und Gringos aus Prinzip mehr zahlen als Bahianos – nimm`s locker, tem que relaxar um pouco!“ So rietest Du mir, ein wenig umher zu reisen und zu sehen, welche riesigen Schätze Du verborgen hieltest.
Nach Foz do Iguaçu, wo das Reich von Oxum, der schwarzen Göttin des Süβwassers, liegt und wo es sich riesige Schmetterlinge auf unseren Händen bequem machten.

Ins Pantanal Matogrossense, wo Wasserschweine, Kaimane, Riesenotter, Brüllaffen, Aras und Königsgeier (noch) den Goldgräbern und Wilderern trotzen. Deine sandige Pracht lockte mich auf die Insel Boipeba, wo sich eine romantische Bucht hinter der anderen verbirgt und wo des Nachts die Sterne den Delfinen die Wege weisen, während die Mangroven ihre Labyrinthe aus Wurzeln im Rythmus des Mondes wiegen. Durch die Täler der Chapada Diamantina, in der einem wie selbstverständlich seltenste Pflanzen begegnen, wo „Milch und Honig“ flieβen und Edelsteine auf dem Grund der goldenen Wasserfälle verborgen liegen. Zur Meeresschildkrötenaufzucht am Praia do Forte, zum unendlichen Hochhäusermeer São Paulos, mit dem Fluggefährt hinweg über die Statur des Jesus von Rio de Janeiro, durch die Gassen der kolonialen Altstadt von Salvador mit ihren Trommlern und Capoeiristas, entlang der gröβten Karnevalsumzüge der Welt. Ja, einmal sollte ich Dich sogar für zwei Wochen hintergehen und mit meinem Rucksack die Atacamawüste bestaunen – vergib mir.

Eine sehr weite Reise unternahm ich ebenso in mein Inneres. Deine Jahrtausende alten schamanischen Bräuche halfen mir, ein tieferes Bewusstsein dafür zu gewinnen, wer ich eigentlich bin, wo meine Wurzeln liegen, was ich will.

Und kaum warst Du mir sympathisch, so klappte es auch mit den ernsteren Dingen der Expedition. Vertrauen und Verantwortung übertrugst Du spät auf mich, doch sollte ich Dich nicht enttäuschen!
Einkäufe auf dem Groβmarkt, Übersetzungen von Filmen, Musikmeditation in öffentlichen Kindergärten, die meist lustige Mathespielstunde in der Schule, die Mitgestaltung einer neuen Jugendgruppe, das indirekte Wiederaufforsten durch die Züchtung von einheimischen Bienenvölkern, die Aktualisierung der Terra Mirimblogs - so langsam nahm die Arbeit Hand und Fuβ an. Natürlich durfte auch die Gartenarbeit nicht komplett fehlen, doch auch sie begann mir nun, da die schweiβtreibende Umpflügerei den Körper des Herkules von Heidelberg stählte, Freude zu bereiten. Und mit den Muskeln wuchsen nun auch die Freundschaften.
Ja, liebes Brasilien, ich muss dir einfach von Herzen dafür danken, dass Du so wunderbare Menschen dein Eigen nennen darfst.

Klar, wie überall gibt es schwarze Schafe und leider laufen unter deiner Herde auch ein paar bewaffnete Exemplare über die Weiden abgebrannter Regenwälder. Und Du hättest ihnen auch ruhig beibringen dürfen, ihren Plastikmüll nicht als ultima ratio auf die Straβe zu werfen und zu verbrennen! Jeder macht Fehler, auch deine gerissenen, falschen und korrupten Politiker machen nur nach, was ihnen ihre weiβen Brüder aus Übersee jahrhundertelang beigebracht haben. Und selbst wenn deine Bewohner ihr Kinderbier dem deutschen Reinheitsgebot vorziehen: die Sonne scheint aus ihren Herzen! Lass uns zusammen lachen über diese lachhafte Welt, die uns verschieden-gute Welten suggeriert. Wir wissen, dass es nur eine gibt. Und das ist die unsere. Versprich mir, dass wir uns treu bleiben werden. Dies ist ein Pakt. Dass unsere Liebe niemals verloren gehe, dein Meer niemals kalt werde, deine Sterne niemals ihren Glanz verlieren, der sich auf ewig in meinen Augen wiederspiegeln möge. Wenn ich sehnsüchtig in Deutschland am Neckarufer stehen werde, dabei die Augen schlieβe und an unser gemeinsames Jahr zurückdenke, so weiss ich, dass wir diesen Kampf gemeinsam gewonnen haben und, dass uns diese Verbindung auf ewig niemand mehr nehmen kann.

Oh mein Brasilien!
Wann sind wir wieder vereint?

Deus lhe abençoe, minha terra amada.
Não precisa ter medo nunca das tarefas que ainda estarão adiante de nós.
E quando você me quiser voltar, só basta me mandar um dos seus sonhos lindos que sempre me oferecia no lugar sagrado da Terra Mirim.
A paz esteja conosco.
Obrigado para tudo.

Seu Max

Mittwoch, 2. Juni 2010

Tambien está possible en el Chile?!

Saβ die Nostalgie im letzten Sommer allgemein entsprechend tief, als sich nach dem überwundenen Reifeabschluss ein Weltenbummler nach dem anderen in verschiedene Richtungen orientierte - nach Israel, Berlin, Nordirland, Köln, Nepal, Uganda, Südafrika, Colorado, Argentinien oder Hohenheim im Kreis Stuttgart -, so blieben jedoch drei wackere Siedler dieser Gemeinschaft zurück, die in einer verregneten und stürmischen Nacht in der dunkelsten Ecke der hintersten Kneipe der Stadt an einem Pakt der Glückseeligkeit schmiedeten.

Während ein trüber, grauer Zigarettenrauchschleier die Umrisse der alten Spielunke vernebelte, die meisten der einzelnen, älteren Besucher ihren biergestillten Kehlen eine mitternächtliche Auszeit verschafften und ihre Köpfe schnarchend auf der abgewetzten Holztheke niedergelassen hatten, sowie die in die Jahre gekommene, ächzende Musikanlage mit schlimmsten Country Hits der Spätfünfziger dafür sorgte, dass dem müden Wirt auch bloβ keine neuen Kunden mehr ins Haus kommen sollten, wurde in der besagten dunklen Ecke heiβ debattiert. Jeder der drei hielt eine kleine Karte in der Hand. Nun wurden diese auf den Tisch gelegt und aufgedeckt.

"Bolivien, Dorfkulturzentrum in einem Andendorf" sagte Julian, "Brasilien, Schul -und Bürgerprojekt im Regenwald" Max und Jonathan eröffnete "Ecuador, Fair Trade Handel in der Sierra". Ernste Blicke wurden unternehmerisch-cool untereinander ausgetauscht, man denke in etwa an Agent Smith aus "Matrix", ehe die drei auf die vor ihnen liegende Südamerikalandkarte herabsahen, welche an den Rändern schon völlig in der feuchten Biersuppe des Holztisches aufzuweichen drohte.

Wie aus dem nichts zog jeder synkron eine Reiβzwecke hervor und haute sie mit lauter Wucht in die Karte, so dass der betrunken wirkende, von Falten, Frisur und Bart her an Zauberer Gandalf erinnernde Thekenschnarcher zumindest kurz ins Stottern geriet. Die Karte zeigte nun die Stellen, von wo aus offensichtlich jeder der drei Südamerika zu entern gedachte. Tausende Kilometer voller Berge, Riesenflüsse, Dschungelgestrüpp, Rinder -und Kokafarmen trennte die Positionen voneinander.

"Wo, wie, wann?" klang es im Smith-Akkord auf. Es wurden verschiedenste Vorschläge von jedem in die Runde geworfen. "In Kuba einen Trabbi mieten, Salsa tanzen, bei Zigarren und Rum." ("Nein, drei der vier Sachen schaden dem körperlichen Wohlbefinden"), "Maccu Picchu und Cuzco erklimmen, die verborgene Inka-Schatzkammer suchen und finden! Anschlieβend einen 6000er nach dem anderen hinter uns lassen" ("Deine Mutter, aber nicht mit mir."), "Jungs, einfach nur Strand und Wellen?" ("Gibt's auch in Mitteleuropa."), "auf dem Floβ bis zur Osterinsel?".

Es sollte schier kein Ende an kreativen Einfällen und rhetorischen Konterschachzügen geben, bis schlieβlich nach einer kurzen Pause, in der alle drei gleichzeitig einen befreienden Schluck von ihrem 0,5-Liter Export-Weizen nahmen, ein Geistesblitz durch die angespannten Gesichter der drei waghalsigen Abenteurer zuckte:

"CHILE!!!! 10. APRIL!!!!"

durchbrach die Druckwelle des Schreies das Westvirginia-Gedudel der Kneipe und verdrängte sogar das laute Geräusch des Regenprasselns auf der Straβe.

Mit einem Mal waren alle Augen, die noch zuvor geschlossen und verranzt auf dem Tresen lagen, ungläubig auf die drei Halbstarken gerichtet und auch den kinnlade-offenstehenden Herren an den anderen Tischen im Raum blieb nichts anderes übrig. Die grauen Dunstschwaden schienen wie verflogen. Der alte Mann mit dem weiβen Zaubererbart erhob sich nun als letzter von seinem Platz und langsam, ganz langsam zeichnete sich ein Grinsen auf seinen Lippen ab, während er sich zur verdutzt dreinblickenden Menge umdrehte. Nun schwang er seinen Bierkrug energisch, ja, mit gerade zu jugendlichem Elan in die Höhe und brüllte hoch und laut "Auf Chile, auf das Leben, Carpe Noctem, Yeehaa!". "Yeeeehaaaa!!!" erwiderte der komplette Kneipenmob und es gab ein Fest bis in die frühen Morgenstunden, das die Welt noch nicht gesehen hatte. ----------------------------

Szenenwechsel. Santiago de Chile, 11. April 2010, 5 Uhr morgens.

Wie aus heiterem Himmel wurde ich laut aus dem Schlaf gerissen. Irgendein Handy klingelt, an der Tür klopft es. In meinem Kopf klopfte auch was, beziehungsweise hämmerte gewaltig. Was war geschehen? Halten wir kurz inne.

Am Vorabend war ich erfolgreich in Chile angekommen. Die Vorfreude, die ich während der ganzen Zeit in Brasilien auf diese zwei Wochen gehegt hatte, war riesig gewesen. Wenn ich gerade mal nicht so gut drauf war, so konnte ich getrost in die Zukunft auf diesen 10. April blicken - quasi eine präaktional-visionäre Therapie. Und genauso gab es auch immer wieder Momente, z.B. beim Karneval oder meinen recht einsamen VfB-Championsleague-Abenden, in denen ich dachte: "Was würde ich jetzt darum geben, mit den beiden hier zu sein und sich das gemeinsam anzuschauen!"

Und dann war ich also da. Nach einem anstrengenden Tag voller Fliegerei, Langeweile und Schlaf landete ich schlieβlich abends in Santiago. Per Taxi fuhr ich direkt zur WG einiger anderer Freiwilliger meiner Entsendeorganisation Amntena, die ihre Projektarbeiten in verschiedenen Einrichtungen in Santiago durchführen. Irgendwie konnte man auf den ersten Blick, obwohl es bei meinem Aufsetzen auf chilenischem Boden schon dunkel war, sehen, dass hier Vieles anders sein sollte, als in Brasilien. Die Straβen sind gut ausgebaut, trotz sichtlichen Schäden an manchen Brücken wegen des Erdbebens, in Santiagos Innenstadt sieht man sofort viele sehenswerte Gebäude und Parkanlagen, der Verkehr verläuft gut geordnet, weitestgehend mit neueren Autos, die in Salvador und Umgebung sicher schon zur Upper-Class gezählt werden dürften.

Natürlich ist auch die Sprache eine andere - aufgrund des 1492 geschlossenen Vertrages von Tordesillas (die Gino's-Eselsbrücke) zwischen den spanischen und portugiesischen Kolonialherren/mördern.
Das (chilenische) Spanisch klang für mich auf Anhieb sympathisch. Da ich in der Schule nie etwas mit anderen Sprachen als dem Englisch zu tun haben wollte - Französisch ist schuld! -, hatte ich mich bis zu diesem Jahr auch nicht ums Spanisch geschert. Gut, da war einmal der Malle-Urlaub vor einigen Jahren mit meinem Vater, aber soweit ich mich erinnen kann, sprachen dort alle Deutsch.

Umso erfreulicher war dann meine erste spanische Unterhaltung mit meinem Taxifahrer, die sich sogleich tiefgründigen Interpretation zum im Radio laufenden Geigenspiel des André Rieu widmete. Wie wunderbar! Eine Sprache, die man noch nie wirklich gehört hat und trotzdem versteht, weil man die "Schwestersprache" beherrscht. Ein nettes Gefühl.

Auch deswegen, weil der Herr mit dem Fable für Klassik meine meist brasilianischen Antworten genauso gut verstand. Solcherlei Begegnungen sollten mir noch öfters in den nächsten Tagen die Kommunikation erleichtern und nun steht mit Einschränkungen fest: sprachlich habe ich nicht nur Brasilien, sondern ganz Südamerika erschlossen. Daran hätte ich in den ersten drei Monaten meines Aufenthalts nicht einmal im Traum gedacht! Die Tatsache mindert nun nicht gerade die Chancen, diesen atemberaubenden Kontinent noch öfters zu besuchen - auch über die Grenzen des neuen "zweiten" Heimatlandes hinaus.

Der Rest des Abends war übrigens sehr amüsant - durch den verschlafenen Tag hatte ich sozusagen ein Anti-Jetlag, was sich in völliger nächtlicher Verausgabung im Szeneviertel Santiagos entladen musste. Nachdem ich freudig die anderen Amntena-Freiwilligen wiedersehen durfte und es viele Erfahrungen auszutauschen gab, lieβen wir es uns nicht nehmen, diese glückliche Begegnung gebührend zu feiern.

Spät nachts gegen 4 Uhr kamen wir wieder in der WG an und nun schlieβt sich der Kreis.

Eine einzige Stunde Schlaf und schon riss mich das Poltern am Fenster aus meinen noch nicht einmal richtig begonnenen Träumen. Ein blonder, gut aussehender, charmant grinsender, wohlgenährter, Lederjacke tragender, netter Mann stand mir gegenüber - Joshi, wie er leibt und lebt! Jubelhochjauchzend war die Müdigkeit mit einem Schlag wie verflogen. So lange hatte man sich nicht gesehen, so viele Dinge gab es zu erzählen, so viele Pläne zu schmieden. Wie lange wir nun frohen Gemüts und dem Leben dankbar im Hinterhof saβen, jegliche Essens und Getränkereste des Vorabends vernichteten, während sich langsam die Morgensonne über der Smogglocke Santiagos erhob, weiβ ich nicht.
Diese Begegnung der Wiedervereinigung hatte irgendwie etwas Surreales an sich. Da sitzt auf einmal dein jahrelanger Weggefährte vor dir, als hätte man sich erst gestern verabschiedet. Und gleichzeitig weiβ man natürlich, dass das ganz und gar nicht der Fall ist - zusätzlich auch noch tausende Kilometer von jeglichen uns beiden bekannten Ufern dieser Erde entfernt.

Doch wie uns das Glück nun einmal hold war, so mussten wir es noch zu einem weiteren Zusammenschluss zwingen. Der Dritte im Bunde, Schulz, wartete bereits im 1500 Km nördlich gelegenen San Pedro in der Atacamawüste. Da der nächste VIP-Reisebus erst abends starten sollte, machten wir einen ordentlichen, bitter nötigen Mittagsschlaf in der WG, nicht ohne vorher das Vanillehafermüsli und die Weintrauben zu frühstücken (vielen, vielen Dank an Jonas und Co. für diesen Komfort).

Und dann die Busfahrt. 24 Stunden. Die gingen recht schnell vorbei. Ich bekam eine deliziöse Kostprobe neuer deutscher Musik zu hören, wir lieβen uns gutes chilenisches Gebäck schmecken, 100 mal besser als das brasilianische Pendant (viva Empanada!), bewunderten die an uns vorbeirasende Landschaft sich mischender Bergriesen, karger Wüste und Küstenstreifen. Nicht zuletzt schliefen wir noch ein wenig. Siehe da, so waren wir auch schon in San Pedro. Samstag früh war ich in Brasilien aufgebrochen, jetzt, am Montagabend durfte die Reise endlich beginnen!

Dann stand er auch schon vor uns: bärtig wie wahlweise Reinhold Messner oder Klaus N.-B., die gewohnte Lockerheit im Gemüt, Grinsebäcksche - der gute alte Julian, wie wir ihn lieben! Wieder so ein wunderbarer Moment, als er plötzlich vor uns in der Türe des Hostals stand. Vermissung ade, die nächsten zwei Wochen war er unser, um das längste-dünnste Land der Welt unsicher machen.

Leckere Pizza und vielerlei Geschichten versüβten uns den geselligen Abend unter dem klarsten Sternenhimmel -und am trockensten Fleck der Welt (wenn man jetzt einmal den Südpol ausklammert). Gegenüber der Leichtvariante aus Brasilien hatte das chilenische Bier recht schnell unsere Herzen erobert. Hach wie schön - die Trinität war wieder hergestellt. Es wurden waghalsige Pläne für unser weiteres Vorgehen besprochen. Abgesehen von der Wüste wollten wir auf jeden Fall auch Meer, Stadtkultur und Berge zu Gesicht bekommen. Würden wir das in nur zwei Wochen alles unter einen Hut bekommen? Am nächsten Morgen, nach einem deftigen Frühstück, machten wir uns auf den Weg, um einen geeigneten Abenteuerveranstalter zu finden. Wir wollten das sogenannte "Sandboarden" ausprobieren - eine Mischung aus Snowboarden und Sand. Man schnallt seine beiden Füβe auf ein Brett und versucht, eine Sanddüne heil hinunter zu schieβen. Das sollte uns sogar ganz gut gelingen, der schwierige Teil des Unternehmens bestand eher darin, nach jeder Abfahrt das Brett wieder den Hügel hinaufzutragen. Immerhin befanden wir uns in einer hochgelegenen Wüste, etwa auf 3000 Meter ü.M. Meiner nicht gerade an die Höhe gewohnten Lunge machte das spürbar zu schaffen, trotz eines vergleichsweise kurzen Aufstiegs klopfte mir danach das Herz wie verrückt und die Luft schien irgendwie luftarm zu sein. Aber das war es auf jeden Fall wert!

Ein unglaubliches Panorama erwartete uns oben auf dem Hügelchen. Keine Wolke am Himmel, Fels -und Gesteinsformationen in alle Richtungen, die seit Urzeiten Klimaschwankungen und der brennenden Sonne trotzen, Vulkane in der Ferne, wo sich auch die Grenze zu Bolivien befindet.

Hinab geschwind - wie der Wind, ohne Rücksicht auf Verluste. So boardeten, nein besser: flogen, schlitterten, fielen, kugelten wir die Düne hinunter. Auf zu Olympia 2016 in Rio de Janeiro. Unser Guide fuhr uns im Anschluss noch auf ein Hochplateau inmitten der vielen gelb-braunen Schluchten, zum Rande des Vale de la Luna. Dort senkte sich die Sonne in ihrer violetten, blutroten Pracht und hüllte die komplette Atacamawüste in ein Meer aus langgezogenen Schatten. Ein sehr intensives Farbenspiel der ganz besonderen Art. Caspar David Friedrich hätte hier seine Staffelei aufgestellt, wäre es ihm damals möglich gewesen, her zu kommen.

Unseren zweiten und letzten Tag in San Pedro wollten wir noch einmal für einen schönen Ausflug nutzen. Mit einem dicken, alten Auto rumpelten wir weiter in die Berge hinauf, im Kofferraum die Mountainbikes. Eigentlich muss ich ja gestehen, beim Fahrradfahren jemand zu sein, der gerne die höchsten Gipfel erklimmt und jeder noch so unschaffbaren Herausforderung ins Auge sieht. In unserem Fall aber war ich nun doch recht froh, dass man eigentlich nur sitzen und bremsen musste - den 6000er Gipfel (ich habe in meinem Leben noch nie einen so hohen Berg gesehen!) sahen wir uns lieber von unten an, während wir so dahin düsten. Nicht allerdings, ohne vorher noch die thermischen Quellen zu testen, die ein wenig bergauf einem Vulkan entspringen. Ein schönes Bad inmitten eines Hochwüstencanyons genommen zu haben, das kann nicht jeder von sich behaupten. Wunderschöne Fotos wurden ebenfalls geschossen, die ich hier so liebend gerne gezeigt hätte. Warum nicht, dazu später.

Nach unser Abfahrt, bei der wir schlappe 1000 Negativ-Höhenmeter hinter uns lieβen, ging es gleich weiter. Unsere Wanderrucksäcke wurden geschultert, dem nicht immer liebenswürdigen Hostal Sonchek kehrten wir den Rücken und ab gings in den nächsten Nachtbus. Der straff organisierte Urlaubsplan musste abgearbeitet werden. Und so ging es nun in Richtung Meer. Am Fuβe der Wüste, die sich an einem Küstenabschnitt rasand in den Pazifik herabwindet, befindet sich Iquique, unser nächstes Ziel.

Es folgten drei gemütliche Tage Strandurlaub, wie er im Bilderbuche steht. Unser Hostal lag direkt an einer Bucht, was wir nur all zu gut auskosteten. Rummgammeln, Musik hören, Turnübungen frei nach Fabian Hambüchen, Fuβball gegen die Chilenos - eigentlich ein ernstzunehmender alternativer Entwurf für mein Leben nach dem Freiwilligendienst. Ergänzt wird dieser Plan noch durch den unfassbaren Genuss des brettlosen Bauchwellensurfens, dem wir uns passioniert hingaben. Vom ein oder anderen 4-Meter-Brecher wurden wir nach allen Regeln der Kunst zerbröselt - es gibt nichts Schöneres auf dieser Welt! Natürlich sind wir keine Kulturbanausen. Ein kleiner Rundgang durch die Altstadt des ansonsten eher von Plattenbauten gesäumten Iquique gehörte auch zum Programm. Lustigerweise fühlten wir uns ein wenig in einen alten Westernfilm versetzt. Die Häuser erinnerten vom Stil her an die Lucky Look Zeit - mit ihren Saloons und Sheriffsquartieren, Holzterrassen und linealgeträuen Häuseranordnungen nach Mannheimer Vorbild. Auch dem Fischmarkt statteten wir einen Besuch ab. Was so mancher als Fischgeruch bezeichnen mag, ist für mich persönlich eher ein Gestank der Verwesung. Auch die vielen anderen halbierten Meerestiere auf den Auslagen, die mich aus ihren groβen, toten Augen anstarrten, riefen bei mir nicht eben Hunger hervor. Schnell weiter. Zur Strandpromenade, von der aus man wunderbar die vielen Surfer von Iquique bestaunen konnte, die wie wild die Wellen durchbrachen, durch die Gegend geschleudert wurden und ihre Sprünge zum Besten gaben.

Zur Kultur gehört natürlich auch eine angemessene Teilnahme am Iquiquer Nachtleben! Was hatte ich gefastet und geschmachtet? Was hatte ich koscher, zöllibatär, ramadanisch, gesund und faul in meinem Regenwald herumgeschimmelt, in dem um 8.00 Uhr abends die Lichter ausgehen, damit die Leute am nächsten Morgen um 6.00 Uhr zum schamanischen Yoga fit sind? Nach so unglaublich lang ersähnten sieben Monaten betrat ich zum ersten Mal wieder eine Diskothek. Endlich, endlich, endlich wieder Carpe Diem et Noctem! Es musste ausgekostet werden...

Irgendwann spät nachts saβen wir zu dritt auf einem Baywatchhochsitz am Strand. Erschöpft waren wir diesen hinaufgeklettert, um uns von der anstrengenden Party unter uns ein wenig zu erholen und die frische Meeresbrise auf unsere gebräunten Gesichter einwirken zu lassen. Was uns wohl durch die schon etwas betrübten Köpfe ging in diesem Moment? Bei mir war es in etwa folgender Gedankenstrom: "Tanzmusik ist nicht ausgestorben, welch ein Segen! Wie lange ist es her, dass man einmal auf einer Fete getanzt hat, ohne wegen seiner Hautfarbe schräg angeschaut zu werden? Ohne billigste, monotone bahianische Fäkalmusik mit zugehörigem Fäkaltanz, den ich auch nicht beherrsche(n will)? Ich habe Durst. Bringt mir einen Cocktail. Wie schön ist doch das Meeresrauschen und die hellerleuchtete Hochhaussilouette Iquiques. Dieser Moment am Ende der Welt. So verweile doch, oh Augenblick!" Doch daraus sollte leider nichts werden. Ein Unbekannter war uns auf den Ausguck gefolgt und seitdem kann sich keiner von uns mehr an etwas erinnern.

Am nächsten Tag waren wir alle ein wenig müde. Der Blonde von uns dreien war gänzlich erschöpft vom Vorabend und lummelte sich den ganzen Tag mit seiner Kippa auf dem Kopf und in sein Handtuch eingehüllt im Sand herum. Da wir erst nachmittags aufgestanden waren, ging der Tag auch dementsprechend schnell herum. Den Abend vertrieben wir uns mit Billiard und einem Meisterwerk moderner Filmkunst, alias "Jackass the Movie II". Ein Streifen, in dem eine Bande hohler Menschen noch hohlere Dinge praktiziert. Sich von Riesenschlangen beiβen lässt, nackt oder als Affen verkleidet die Straβen New Yorks unsicher macht, mit Propangasflaschen als Antriebsraketen in Einkaufswägen Steilhänge hinabrast, um kurz darauf einen Gemüsestand dem Erdboden gleich zu machen, sich als Fischköder in karibische Haigewässer hinablässt. Wie der gemeine Leser erkennt, hatten wir endlich das angestrebte Niveau unserer gemeinsamen Urlaubszeit erreicht. Wieder eine lange Nachtbusfahrt, einige Hundert Kilometer waren wir die Küste Chiles hinabgefahren, um nun anderthalb Tage in La Serena zu zubringen. Doch was war das für ein Schock, als wir am neuen Ort eintrafen und ich im Hostal meinen Reiserucksack öffnete: Kamera und Handy. Weg.
Es konnte einfach nicht wahr sein, die vielen schönen Bilder von den Thermalquellen, vom Sandboarden, vom Wellenreiten, von der Feierei - alles weg, hinfort. Vor unserer Abreise aus Iquique hatte ich meinen Rucksack mit den Wertsachen in einer Ecke im Hostal stehen gelassen und wir waren noch etwas essen gegangen. Wir waren spät drann gewesen und mussten hektisch aufbrechen, deswegen war keine Zeit für eine Kontrolle der Sachen geblieben.

Aus dem Schreck wurde alsbald ein ziemlicher Ärger. Eigentlich hatten wir uns mit allen Bewohnern des recht kleinen Hostals gut verstanden und waren auch zusammen ausgegangen. Ein schwarzes Schaf musste unter diesen Leuten gewesen sein. Aber es half alles nichts, Kamera und Handy waren weg und sind es bis heute. Warum, wie und wo, das ist im Prinzip gleichgültig. Wichtig war nur, dass nun nicht auch noch Julians Kamera ihren Geist vollständig aufgab. Jonathans hatte schon beim Unterwassershooting mit den Robben vor Galapagos die "Game over''-Fahne gehisst und die des Herrn Barabas sträubte sich nun entschieden dagegen, ihr versandetes Objektiv auszufahren. In der Not musst du kreativ sein, dachten wir uns, und klebten die Linse schlieβlich in einem komplizierten Hightech-Verfahren mit Tesafilm ab. Auf dass sie sich für den Rest des Urlaubs nicht mehr schlieβen sollte!

Dennoch sollte uns das nicht die Laune verderben. La Serena hatte einen schönen Strand zu bieten, allerdings ohne jegliche Wellen und stattdessen mit eher frischen Temperaturen, wir waren spürbar weiter südlich als noch im recht warmen Iquique. So wurde leider auch aus der geplanten Wellensurfstunde nichts, die Julian und ich uns vorgenommen hatten.

Stattdessen versuchten wir, einen Tunnel bis zum anderen Ende der Welt zu graben, wo uns höchstwahrscheinlich die sibirische Permafrostdecke Probleme bereitet hätte. Nach einer anstrengenden Stunde Arbeit waren wir bereits 1,08 Meter tief ins Erdreich vorgestoβen und beschlossen, fürs erste das Geheimtunnelprojekt nach Russland auszusetzen, da es an schwerem Gerät mangelte.

Wie bekanntlich jeder weiβ, wird es bei zunehmender Nähe zum Erdkern immer heisser. Wir drei Arbeiter vom Tiefbauamt nutzten diesen Vorteil der Geothermie natürlich in all unserer Genialität aus, um der eisigen Kälte zu trotzen! So setzten wir uns genüsslich in unser Loch und lieβen es von oben mit Sand schlieβen, bis nur noch die Köpfe herauslugten. Das war für die erste Stunde noch sehr unterhaltsam. Und schön warm am Popö'sche. So langsam aber verspührte einer nach dem anderen den Drang, wieder etwas Abwechslungsreicherem nachzugehen, doch mussten wir ernüchtert feststellen, dass wir unter dem Gewicht der Sanddecke alleine keine Chance hatten, uns selbst zu befreien. Sollte dies das Ende unseres Urlaubs gewesen sein?

Als wir schlieβlich nach Einbruch der Nacht, dem Heranrücken der Flut und einem Regenguss sondergleichen schon jede Hoffnung auf Hilfe verloren hatten, stolperte glücklicherweise noch jemand über einen unserer Köpfe und so konnte das Abenteuer weiter gehen.

Und das führte uns direkt in eine Eisdiele, in der uns zwei Freunde erwarten sollten, die uns schon den bisherigen Urlaub begleitet hatten: Nussferatu und Framboisestein. Die Dracula-Edition von Schöller hatte uns mit ihren schaurigen Himbeer -und Schokogeschmäckern schlimmste Alpträume beschert. Zur Belohnung gab es von jedem ein Poserfoto zusammen mit den zwei.

Gestärkt durch unser transylvanisches Eis machten wir uns sogleich auf zur nächsten Stadt, die laut "Lonely Planet" mit die schönste in Chile sein muss: Valparaíso. Nach "Avatar", "Blade II" und "Dracula 12 - Schlacht auf dem Zentralfriedhof" während der Nachtfahrt von La Serena, erreichten wir die Stadt der Begierde in den frühen Morgenstunden. Ein Traum!

An einer sehr weit gezogenen Bucht des Pazifiks gelegen, in deren sich anfügendem Hinterland stetig die Hügelketten in den Himmel schlängeln, so bietet Valparaíso schon auf den ersten Blick eine derartig groβe farbliche und architektonische Vielfalt, dass man sich in den wenigen uns zur Verfügung stehenden Tagen unmöglich satt sehen konnte.

Diese Verwinkelungen der ineinander verschachtelten, schrägen Häuser auf den verschiedenen Cerras hatten zum Teil etwas Italienisches an sich. Mit ihren schmalen Gassen, Treppen und alten Bergbahnen, die scheinbar ohne jegliche Logik - wie in einem Labyrinth - miteinander harmonieren, könnte man vielleicht sogar auch eine Parallele zur historischen Altstadt von Salvador da Bahia ziehen. Mit einigen Abstrichen: in Salvador nehmen nur Malucos ("Verrückte") die steilen, unbeleuchteten und gefährlichen Wege nach oben, während es in Valparaíso gerade zu ein Genuss für uns drei war, diese kleinen Anstrengungen auf uns zu nehmen. Vorbei an unzähligen schönen Graffitis, vielfarbigen Hundehaufen und Hundehaufenerzeugern, zeichnenden und sich unterhaltenden Studenten schlendernd, hat man meist das glitzernde Meer im Rücken. Dreht man sich dann um, sieht man auf ein geschäftiges Hafenviertel herab, in dem sich viele Chilenos tummeln und ihren Geschäften nachgehen.

Von dieser entzückenden Szenerie lieβen sich nicht wenige chilenische Dichter und Künstler inspirieren. Unter ihnen auch Pablo Neruda, so etwas wie der Goethe dieses Landes, welcher erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstarb. Neruda hat sich sein eigenes Haus auf einem Hügelchen Valparaísos erbauen lassen, das wir natürlich besuchen mussten. Um es kurz zu halten: so ein Haus will ich auch haben. Ganz und gar kein Riesenpalast, dafür aber in so unglaublich schöner Lage. Wer sich übrigens mehr für die spezielle spanische Dichtung dieses völkischen Schriftstellers interessiert, der Wende sich an Jonathan.

Wir spazierten viel in dieser Stadt aus dem Bilderbuch herum, fanden etliche Motive für passende Land-Art-Aufnahmen der besonderen Weise, erkundeten gerade zu antik erscheinende Friedhöfe und Gefängnisse, denen oft noch die schweren Folgen des Erdbebens einen Monat zuvor anzusehen waren, wohlwühlten in der warmen Sonne oder am Kaminfeuer unseres sehr angenehmen Hostels, genossen die Championsleague-Liveübertragungen. Gemütliche, aktive Erholung könnte ich mir kaum besser vorstellen. Valparaíso wurde uns als Hochburg der nächtlichen Szene Chiles ausgewiesen und natürlich sollten wir uns diese Chance nicht so einfach entgehen lassen. Ein kleiner Abstecher ins benachbarte Viña del Mar verschlug uns in eine angesagte Tanzbar. Von Elvis bis Daddy Yankee - der fehlt wirklich nirgendwo in Südamerika - schwangen wir die Hüften bis zum Morgengrauen. Der Rückweg war nicht weniger lustig, so aβen wir riesige Guakamole-Burger und Sojaburger der Extraklasse zum etwas vorgezogenen Frühstück.

Gemütlichst wurde ausgeschlafen, ehe uns der wieder einkehrende Hunger und vor allem Durst aus dem Bett hiefte. Die selbstgemachte Marmelade im Hostal, in Einklang mit leckeren Cornflakes und guten DVDs zum endgültigen, ganz ganz langsamen Aufstehen, schmeckte unglaublich vorzüglich - ich kann mich nicht daran erinnern, in den letzten neun Monaten ansonsten überhaupt welche gegessen zu haben!

Ein wenig traurig waren wir ja schon. Es sollte unser letztes gemeinsames Frühstück in Valparaíso gewesen sein und damit auch der vorletzte Tag unserer Dreieinigkeit. Schweren Herzens packten wir unsere sieben Sachen zusammen, blickten noch einmal wehmühtig von unserem Hügel über die von der Sonne in Gold getauchten Häuserdächer hinweg und machten uns dann ein letztes Mal an den Abstieg. Mittags trafen wir in Santiago ein, Chiles Hauptstadt und gleichzeitig mit Abstand bevölkerungsreichstes Gebiet. U-Bahn, groβe Prachtbauten, Parkanlagen, Berge in der Ferne, Smog in der Höhe - genauso wie bei meiner Ankunft, die nun schon fast zwei Wochen zurücklag.

Santiago hat sehr viele Reize. Wir hatten nicht einmal die Zeit, uns jeden Tipp im Reiseführer durch zu lesen, jedoch wollten wir zumindest zwei Dinge auf unserem kurzen Trip nicht auslassen: eine Aussichtsfahrt auf den Hausberg San Cristobal und einen sogenannte "Kaffee auf zwei Beinen". Die Besteigung des Hügels mitten in der Stadt erfolgte mit einer gemütlichen Bergbahnfahrt. Oben, an der übergroβen Marienstatue angekommen, bot sich uns ein wunderschöner Ausblick auf diese 6-Millionen-Metropole in ihrem Herbstkleid. Ja, der Leser mag sich verwundert die Augen reiben: auf der Südhalbkugel sind die Jahreszeiten den europäischen entgegengesetzt. Bahia liegt zu nah am Äquator, um diesen Effekt tatsächlich spüren zu können, Santiago befindet sich deutlich südlicher. Vor diesem Panorama lieβen wir fürs Foto ordentlich unsere Muskeln spielen und setzten uns in Musterpose.

Die letzten Sonnenstrahlen erhellten noch schwach die Straβen des Zentrums, durch das wir nun noch schlenderten, um einen Kaffee auf zwei Beinen zu trinken. Kaffee auf zwei Beinen? Was zum Teufel ist das eigentlich? Im Lonely Planet wurde dies als DER Trend in Santiago angepriesen, jeder müsse das einmal gemacht haben! Als wir schlieβlich vor dem Eingang standen, waren wir uns nicht ganz sicher, ob wir tatsächlich das gefunden hatten, was wir finden wollten. Eine vollständig abgeklebte Türe mit einem rosa Lichtschlauch a lá Reeperbahn lieβ keinen Blick von auβen zu und uns schwante Böses. "Niveau", dachten wir dennoch einstimmig und traten ein.

Drinnen wartete eine Frau im Bikini auf uns, wir waren quasi die einzigen Gäste in diesem abgedunkelten kleinen Raum. Sie war weder hübsch noch nett, im Gegenteil, man könnte sie sogar als recht unfreundlich -und mit der Schönheit eines Framboisesteins ausgestattet bezeichnen. Die Attraktion, einen Kaffee gebracht zu bekommen und dabei zwei tolle Beine zu Gesicht zu bekommen, verpuffte schlagartig. Die brühend heiβen Kaffees wurden ohne Rücksicht auf Verluste hinuntergeschüttet und weil wir Gentlemen sein wollten, die - niveauvoll - nicht nur auf äuβere Werte fixiert sind, lieβen wir der Dame sogar noch drei Groschen in der Musikbox zurück, wodurch der Raum zumindest passend mit "The final countdown" aufatmete. Dann nichts wie raus aus und auf nimmer Wiedersehen! Der sogenannte Geheimtipp war wohl eher als Scherz der Reiseführerschöpfer zu interpretieren. Kaffee auf zwei Beinen - das ich nicht lache.

Während wir diesen Schrecken erst einmal sacken lassen mussten, begaben wir uns auf eine groβe Einkaufstour für unseren Henkersabend. Ja, nach gefühlt einem Tag war das Unternehmen fast an seinem Ende angelangt. Um diesen Abend nicht in all zu heftiger Melancholie untergehen zu lassen, wurden die Biervorräte dementsprechend groβ angelegt. Dann bereiteten wir unsere berüchtigte Urlaubspasta zu, die wieder einmal vorzüglich schmeckte. Wie so üblich am Vortag eines Marathons, sollten auch wir unsere nötigen Partykalorienspeicher auffüllen. Wenn man es sich recht überlegt, hatten wir uns glaube ich über die gesamte Zeit fast ausschlieβlich von Pizza, Nudeln und Empanadas (kleine Blätterteigtaschen mit leckerem Käse darin) ernährt - geschadet hat's nicht.

Mit der entsprechenden Bierseeligkeit, einer ordentlichen Portion Gel (Julian im Kurt Krömer-3-Wetter-Taft) und edlem Duftwasser auf unseren unwiderstehlichen Häuptern waren wir nicht zu bremsen. Wir fegten über die Tanzflächen des Ausgehviertels wie der Tasmanische Teuffel bei Space Jam, wiegten uns im Takt der elektronischen Klänge und fasten uns rythmisch in den Schritt wie unser Meister Michael Jackson, schnitten Gesichter wie Michael Ballack bei seinem 1-0 gegen Österreich 2008. Kein Halten gab es mehr, wir zogen in die Schlacht gegen die DJs, sie hatten keine Chance, flohen und ergaben sich. Irgendwann im Morgengrauen saβen wir noch einmal bei einem letzten Guakamoleburger beisammen, ehe wir uns wie die Untoten zurück in unsere Särge legten und zu Stein erstarrten. Jonathan musste kurz darauf schon wieder aufstehen, um seinen Flieger zu bekommen. Einen recht müden Abschied mussten wir hinter uns bringen. Ehe man sich versah, war er mit dem Taxi auch schon um die Ecke. Genauso ein surrealer Moment, wie derjenige seines Erscheinens.

Zum Glück hatte ich ja noch meinen Julian bei mir, um mich zu trösten. Anstatt unseren letzten gemeinsamen Tag in Chile mit Schlafen und Faulenzen vorbeiziehen zu lassen, rafften wir uns noch einmal auf, um trotz spürbar matten Gemütes noch etwas von Santiago zu sehen. Mit der Metro fuhren wir ein wenig durch die Gegend, sahen uns das schicke Zentrum an, spazierten träumerisch durch einen schönen Park am Stadtrand und genossen die letzten Sonnenstrahlen dieser Reise im "Brasilianischen Stadtteil", während uns merkwürdige Künstler ihre merkwürdigen Portraits zur Schau stellten. Eine letzte Pizza, was hätte es anders auch sein sollen, rundete den Tag schlieβlich gekonnt ab.

Mir nichts, dir nichts, saβ auch ich am nächsten Morgen im Flugzeug nach Hause, über den Wolken vor mich hin dösend und träumend. Ich träumte vom Ausblick des San Cristobal, von Vulkanen, von Nussferatu, von hunderttausend Jahre alten Felsformationen im Licht der untergehenden Sonne, von den ewigen Wellen des Stillen Ozeans, von Pablo Nerudas Haus und der Silhouette Valparaísos, vom Sandboarden, vom Transsibirischen Tunnel, von uns und dem Glück des Lebens. Nur wir zu dritt. Am Ende der Welt.

Dienstag, 18. Mai 2010

Olhe - que linda, essa Bahia!

Da nahte nun wieder ein Höhepunkt des aussergewöhnlichen Jahres. Nachdem ich meine Mutter bereits zur Neujahrswende empfangen durfte, war nun der männliche Elternteil im Anmarsch - und das nicht allein! Auch die (nicht böse) Stiefmutter war mit von der Partie.

Schon ein merkwürdiges Gefühl bestach mich an diesem Mittwoch, an dem die zwei ankommen sollten. Es war eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag wie jeder andere auch und irgendwie aber doch nicht. Schon die ganze vorherige Woche ging es mir ähnlich. Man weiss, dass da der Vater ans andere Ende der Welt geflogen kommt, um einen zu besuchen. Und obwohl das natürlich eine Situation ist, die so eher selten vorkommt, war da irgendwie eine Art von Vertrautheit in mir. Dass er in meiner Nähe sein sollte, ist ja eigentlich das Normale und nicht das Unnormale. Unnormal ist ja eher meine Situation hier. Andererseits ist dieses Land für mich in den letzten Monat gewissermassen so etwas wie eine Heimat geworden und daran gewöhnt man sich schliesslich von Tag zu Tag mehr - was ist eigentlich "normal" und was nicht? Gibt es überhaupt eine Norm auf dieser Erde? Ein diffuses Bauch-Gedanken-Spiel.

Wie dem auch sei. Da waren sie dann also auf einmal da. Lustig war es für mich, der sich mittlerweile an dunkle Hauttöne und bunte Kleidung gewöhnt hatte (manchmal vergesse ich sogar meinen "auffálligen" Anstrich), den Vater im typisch-deutschen, komplett weissen T-Shirt zu begrüssen, hervorgehoben nur durch die fast noch hellere Hautfarbe darunter. Man waren die weiss - lange nicht mehr so etwas gesehen! So würden sie jedenfalls nicht von hier fortgehen, völlig ausgeschlossen.

Geschichten vom Jahr und Neuigkeiten gabs natürlich viel zu viele. So wurden mir erst einmal meine zwei heiss ersehnten Gastgeschenke überreicht - eine Laugenbretzel und der Kicker! Jeder Biss war ein Genuss, jede Statistik, jedes Fussballerinterview und neue Wechselgerücht Balsam für die Seele. Natürlich verschob ich die Lektüre und das kulinarische Highlight auf später, denn zweifellos hatte man sich Vieles zu erzählen. Wie machen sich die Geschwister, die Grosseltern, die zwei neuen, pelzigen Mitbewohner in Braunschweig, wie macht sich Bahia, jede Menge Stoff für die Fahrt zur Pousada. Die erste Begegnung mit den brasilianischen Verhältnissen machten die beiden indes direkt am Terminal. Das bestellte Taxi kam und kam nicht und als wir uns dann endlich dazu entschlossen, im Hostel anzurufen, bekamen wir folgende skurile Antwort: Der Taxifahrer sei in einen Unfall verwickelt worden und könne nicht kommen, weil er nun "preso" sei. Preso: engl. "prisoned": zu Deutsch "eingesperrt, im Gefängnis". Kein Problem, wir nahmen ein anderes Taxi, verkehrstechnisch war dies jedoch der Anfang unserer grossen Odysee.

Es muss beeindruckend sein, wenn das erste, was man von Salvador erblickt, die nächtlich erleuchteten Hochhäuser sind, eine schier endlose und riesengrosse Stadt. So geschehen bei den beiden. Wiederum merkwürdig für mich, eine weitere meiner zahlreichen ermüdenden Fahrten durch diesen Moloch zu unternehmen, den ich aufgrund von nicht abebbendem Verkehr, Lärm und Gestank stellenweise ziemlich hassen gelernt hatte. An diesem Abend war das aber von geringer Bedeutung und es gab viel zu zeigen. Sachen, deren Anblick für mich schon alltäglich geworden war, bieteten jeden Menge neue Anblicke für meine zwei "Gäste". Wer noch nie die riesigen Bambusreihen und Kirchenhallen gesehen -oder einmal den brasilianischen Verkehr aus der Innenperspektive erlebt hat, der staunt bestimmt nicht schlecht und für den nötigen Adrenalinkick ist ganz nebenbei auch gesorgt.

Wir bezogen dann ein schönes Zimmerchen in der Nähe des Leuchtturms von Barra an der Südspitze der Stadt und am nächsten Morgen musste ich die beiden auch schon sehr früh in Richtung Terra Mirim verlassen, wo wir uns zwei Tage darauf wiedersehen sollten. Leider sind die Ferientage bei einem Freiwilligendienst wie meinem auf 18 begrenzt und da galt es, sparsam mit umzugehen, Wochenenden und Feiertage taktisch gewieft einzubauen. Zwei Tage später trafen Papinho und Sanne dann nach einer prägenden Irrfahrt in Terra Mirim ein. Vor lauter hilfsbereiten Brasilianern - einer zeigt nach links, der andere nach rechts und ein Dritter will einfach nur Smalltalk - waren die zwei ein bisschen überfordert gewesen. Hinzu hatte ich sie durch eine Gegend gelotst, die man nicht unbedingt im Reiseführer erläutert findet und die auf den ersten Blick für zwei frische Gringos in Brasilien etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen mag...

Aber dann waren sie ja da und wir machten eine schöne Tour durch Terra Mirim. Weil die beiden in Braunschweig eine grössere Gärtnerei leiten, kann man sich vorstellen, dass sie von der unglaublichen Vielzahl an Fruchtbäumen, Helikonien, Bambuswänden und anderen tropischen Gewächsen ziemlich begeistert waren. Und als dann kurz darauf ein sehr heftiges Unwetter einsetzte, hat sie wohl endgültig das Regenwaldfeeling gepackt.

Am nächsten Tag machten wir uns schon in der Frühe auf, um einmal halb Bahia zu durchqueren. Die Chapada Diamantina war unser erklärtes Ziel, für das sich lockere neun Stunden Busfahrt lohnen mussten. Und das taten sie mit Sicherheit. "Ein Land, in dem Milch und Honig fliessen.", so hat es einst der brennende Busch Moses beschrieben, als er vom geheiligten Land sprach, wohin es das versklavte Volk zu führen galt. Zugegebenermassen, wir kamen unter besseren Umständen dort an, waren nicht unser Leben lang versklavt gewesen, mussten keine Wüste zu Fuss durchqueren oder das Meer teilen - wir wollten einfach nur in' URLAUB! Und wer will schon Milch und Honig, wenn es Flüsse aus dunklem Kölsch (mit Schaumkrone) zu bieten gibt. Es waren drei vier wunderbare Tage. An so vielen Wasserfällen kamen wir vorbei, sprangen hinein, gingen einfach weiter. Vorbei an seltensten Heilpflanzen, Kaktusarten und ähnlichem Gewächs, vorbei an hundert Jahre alten Steinhütten der Diamantgräber, welche damals ihr Glück in dieser Region versuchten. In den bernsteinfarbenen Flüssen mit gesunder Wirkung für Haut und Haar tauchten wir gelegentlich unter, nahmen eine Hand voll Kiesel in die Hand und siebten diese anschliessend mit der Hoffnung auf einen millionenschweren Fund im Wasser. Wir liefen durch Canyons und ausgetrocknete Schluchten, versteckten uns bei Regen in Höhlen, lauschten den Geschichten unseres Führers, der von Hummerwölfen erzählte und, wie er meterlange Boa-Constrictors von den Strassen rettet oder als Kind von einem ausgewachsenen Jaguar verfolgt wurde. Jeden Abend genossen wir Pizza und Caipirinhas, die uns ausgesprochen hübsch serviert wurden, weshalb wir absolut keinen Anlass dazu sahen, das Restaurant zu wechseln. Und dann gabs abends sogar eine Dusche unter einem kleinen Felsvorsprung im Freien - mit Blick auf die sich vor uns ausdehnende verzauberte Landschaft.

Dass die Chapada Diamantina freilich auch traurige Seiten zu bieten hat, konnte uns unser Führer gelegentlich aufzeigen, in dem er uns durch einige verwüstete, abgebrannte Abschnitte leitete. Als jahrelanger Chef der freiwilligen Feuerwehr vor Ort kam er viel auf die Problematik des Nationalparks zu sprechen, der von vielen Einwohnern nicht gerade begrüsst wurde - unmenschliche Enteignungen mit waghalsigen Umsiedlungsaktionen, Brandstiftungen, Analphabetismus im Angesicht komplizierter Bürokratie, Probleme mit Umweltschutz -und Regierungsorganisationen und dergleichen machen es der Gegend schwer, in eine gemeinsame und gesunde Zukunft zu streben. Einen attraktiven Ausweg sehen viele Ansässige im sog. Öko -und Abenteuertourismus. Also darin, dass Leute von Ausserhalb angeworben werden, die die unzähligen Wander-, Kletter- und Bademöglichkeiten wahrnehmen und Geld in die Kasse spühlen - den Geld hat leider, wie so oft auf dieser Welt, auch an dieser Stelle das Sagen.

Wer also den Menschen vor Ort etwas Gutes tun möchte, als auch sich selbst in Form eines wunderschönen Urlaubs zu belohnen aufgelegt ist, der mache schleunigst einen Abstecher in die Chapada Diamantina. Am besten nach Mucugê, das Dorf in den wir waren und das zurecht noch als absoluter Geheimtipp gilt! Leider findet es sich in kaum einem Touristenführer richtig wieder, das hat politische Hintergründe. Und was das in Brasilien bedeutet, kann man sich leicht ausmalen - der Gouverneur von Bahia empfiehlt jedenfalls Fall Lencois, den Ort, an dem seine eigenen Hotels stehen und den er mit Staatsgeldern über einen neuen Highway erschlossen hat. Und somit darf Lencois auch in keinem Bahia-Prospekt fehlen, während Mucugê nur den Eingeweihten (wie den Bewohnern Terra Mirims) etwas sagt.

Auf Anfrage gebe ich auch gerne genauere Daten zur Anfahrt und über unsere fabelhaften Unterkunft mit top brasilianischem Frühstück - orginial Holzherd (!) - durch.

Doch dann mussten wir die in so kurzer Zeit lieb gewonnene Chapada Diamantina auch schon wieder hinter uns lassen. Morgens früh um 5 Uhr ging es mit dem ersten Bus in Richtung Salvador zurück. Es sollte eine der anstrengsten Fahrten in unser aller Leben werden. Nach ca. 7 Stunden aussteigen, 2 Stunden warten und weiteren 4 Stunden Fahrt dämmerte es bereits über dem Hafenstädtchen, von dem uns ein Boot zu unserem letzten Ziel - der Ilha Boipeba - bringen sollte. Doch hatten wir die letzte Minifähre knapp verpasst und liessen uns dann von einem Taxifahrer überreden, der uns zu einem nur 1,5 Autostunden entfernten Dorf fahren sollte. Von dort aus setzen einheimische Fischer auch noch zu später Stunde mit ihren eigenen Booten nach Boipeba. Unsere Knochen vom stundenlangen Sitzen bereits geschundenen Körper erlebten nun eine kleine Ganzkörpermassage der besonderen Art. Der Taxifahrer, Sanne, mein Vater, ich und noch zwei waghalsige Finnen, die sich auch dazu entschlossen, die einsame Insel aufzusuchen - zu sechst und mit einigen Koffern und grossen Rucksäcken gequetscht in einem Fiat-Pander, der seine besten Tage schon längst hinter sich hatte (mein Heidelberger Freund G.K. weiss nur zu gut, was das bedeutet). Abgesehen, dass der Unterboden des Autos wahrscheinlich von der geballten Last ein wenig durchhing und wir deshalb bei jedem noch so kleinen Hügelchen auf der Strasse aufsetzten, bestand ein nicht zu unterschätzender Teil des Weges aus einem erdigen Buckelpistenwaldweg. Einen solchen Tag vergisst man nicht in seinem Leben. Und er sollte immer noch nicht vorbei gehen. Als wir durchgeschüttelt und ermüdet im Hafen des kleinen Fischerdörfchens eintrafen, war bereits tiefe Nacht hereingebrochen. Ganz die bahianische Art, liessen sich unsere Fährmänner natürlich reichlich Zeit, duschten und assen wahrscheinlich noch zu Abend, ehe wir ablegen konnten. Und als sich dann auch noch herausstellte, dass der Motor unseres Bootes kaputt gegangen war, lagen unsere seit 18 Stunden maltretierten Nerven endgültig blank.

Irgendwie rauschten wir dann aber letztendlich doch noch durch die schwarze Finsternis. Über uns einer der klarsten Sternenhimmel, den man wohl je gesehen hat im Leben, die Milchstrasse unverkennbar. Mit der kühlen Meeresbrise im Gesicht und den dunklen Schatten an den Ufern zu unseren Seiten, die aus den Mangrovenwäldern der durchfrästen Küste herausragten, jagten wir dahin. Auf einmal überwiegte doch wieder die Vorfreude die einsame Insel. Und dann strandeten wir auch schon sanfst auf dem feinen Sand der Ilha Boipeba. Als der Motor schliesslich verstummte, hörte man nur noch das leise Rauschen der Wellen und einige heitere Kinderstimmchen aus dem Dunkeln herübertreiben...

Es folgte Erholung pur - von der Fahrt vom Vortag oder überhaupt, ich weiss es nicht. Sommer, Sonne, Sonnenschein. Heller Sand, Kokosnusswasser, Strandsquash, ein genüssliches Buch im Schatten der Palmen, zwischendurch mal ein wenig in den Wellen treiben. Mein Vater nahm Kontakt zu einer Sambaband aus Rio auf, die an einem Abend ein kleines Konzert in unserer Pousada gaben. So kam auch er zu einem Auftritt und für die richtige Ferienstimmung war gesorgt. Süsse Strassen- bzw. Strandhunde gab es auf Boipeba eher wenige zu sehen, ein „Pitschibully“ konnte seinem erhöhten Testosteronspiegel Ausdruck verleihen, in dem er mir mein Handtuch zum „Spielen“ entwendete. Bei so einer konzentrierten Kraftpackung und ebenso respekteinflössenden, haifischartigen Zahnreihen, zieht man es dann doch lieber vor, keinen Widerstand zu leisten. Der süsse kleine Pitschibully. Leider assen wir abends meistens in einem (sehr leckeren) vegetarischen Restaurant.

Eine Inselumrundung liessen wir uns auch nicht entgehen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Delfine gesehen! Allerdings nur die Rückenflossen, die sich kurz synkron an der Oberfläche erhoben und dann wieder abtauchten. Alleine zu wissen, dass diese Tiere in der Nähe sind, hat mich ziemlich fröhlich gestimmt. Flipper und Free Willy (ok, der war ein bisschen grösser), Delfine als Lebensretter, als Therapeuten, als Kommunikationswunder, als bisher einzige bekannte andere Art auf diesem Planeten, die nicht nur zum Kinderkriegen miteinander „spielt“. Wer weiss, vielleicht begegne ich dieses Jahr in Amazonien ja noch dem ein oder anderen rosa Flussdelfin. Was so ein kurzer Moment der Begegnung mit zwei Flossen alles in einem auslösen kann, ist schon erstaunlich.
Und dann kamen wir an einer Bar vorbei, sowas hat die Welt noch nicht gesehen: mitten im Meer. Eine einstöckige Holzkonstruktion , auf einer kleinen Sandbank aufgestellt und nur bei Ebbe (wir hatten Glück) erreichbar! Gut, eine kleine Offshoresteuer auf die Getränke und ein leicht merkwürdiger Anblick unserer Superspezialcocktails (hingen da nicht Tintenfischarme drinn?) war natürlich auch mit von der Partie. Aber was ist das schon gegen das verrückte Gefühl, inmitten von Wasser, das solangsam steigt und die Bar zu verschlucken droht, das Leben zu geniessen?

Auch eine brasilianische Fisch –und Meeresmuschelzucht erkundeten wir noch auf dem Rückweg. Da das bei keinem von uns Dreien wirklich Hunger verursachte, wollen wir darüber auch nicht all zu viele Wörter verlieren.

So plätscherten die Tage auf unserer einsamen bahianischen Insel seicht dahin. Es wurde früh ins Bett gegangen und spät aufgestanden, nur um sich kurz darauf wieder auf dem Sand niederzustrecken. Hektik, Stress und Arbeit wurden nach einem stillschweigendem Gentleman`s Agreement aus unseren Wortschätzen gestrichen. Genauso, wie es eben sein muss. Dann musste ich eines Sonntagmorgens schweren Herzens - wir sollten uns noch einmal in Salvador zum richtigen Abschied zu sehen bekommen - und zeitgleich voller positiver Energie aufbrechen. Die Arbeit rief. Kleine süsse Kinder und Übersetzungstexte.

Und so musste ich Vatti und Sanne als letzte Aussenposten auf unserer einsamen Insel zurücklassen, fuhr dieses Mal bei Tag mit einem Schnellboot durch das Labyrinth aus Mangrovenwäldern und gab meinen Bauch zur Sonnenbestrahlung frei. So lässt es sich leben!

Samstag, 10. April 2010

Currently not available

Max ist mal kurz fuer zwei Wochen nach Chile verreist. Dort trifft er die anderen Guerrileiros Fid...aeh Julian Barabas und Chenathan Guereiner, mit denen er die Atacamawueste, Pazifikstraende und Grossstadtdiskotheken durchkaemmt.

Wenn Sie wollen, koennen sie nach dem Punkt eine Nachricht hinterlassen.

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p.s.: Nach Max Rueckkehr gibt es
1.) frische Reiseberichte (da war ja auch noch der Vater im Maerzen vorbei gekommen)
2.) Bilder fuer die letzteren Berichte (ein kleines technisches Problem, aufgrund von 3.))
3.) hoffentlich weitere Gluecksmomente in Brasilien, denn er laesst ausrichten, dass es ihm sehr gut geht, er gesund und wohl auf ist (nur das Wetter spielt gerade nicht so richtig mit - siehe Foto).

Kapitel 4 - Teil 4: Wochen des Wandels?

Ich habe lange hin und her ueberlegt, wie ich diesen Teil des Blogs nun gestalten soll. Ich haette die gaehnend langen Gespraechsprotokolle fuer jederman zugaenglich machen koennen, was wohl zu viel des Guten gewesen waere (auf Anfrage aber gerne per Email). Genauso waere es moeglich gewesen, die Protokolle auf die wichtigsten Stellen zurueck zu stutzen, aber das verzerrt zwangslaeufig den wahren Hergang der Gespraeche und liesst sich ziemlich trocken.
Schlussendlich entschloss ich mich dann dazu, eine Art Zusammenfassung der fuer sehr entscheidenden Woche zu schreiben.

Es sollten drei Gespraeche stattfinden, die ueber die Zukunft des Verhaeltnisses zwischen uns Freiwilligen und der Stiftung Terra Mirim entschieden.

Erster Akt:
Unsere indirekte Verantwortliche Maria Isabel war ziemlich erstaunt, als ich ihr meine Situation am Dienstagmorgen nach der Rueckkehr aus Sao Paulo offenbarte. Ich gab ihr zu verstehen, dass ich mit den momentanen Vorgaengen in Terra Mirim in Bezug auf die deutschen Freiwilligen absolut unzufrieden sei und, dass dies auch Thema des Zwischenseminars in Sao Paulo gewesen war.

Ich als Freiwilliger kaeme mir unnuetzig vor, genauso wie meine Arbeit, die in meinen Augen so gut wie nur dazu diene, Arbeit zu sein. Ein soziales Motiv vermochte ich dahinter nur um zwei Ecken zu erkennen, genauso die Tatsache, dass sich offensichtlich die vorher gestellten Ansprueche an meine Arbeit in Bezug auf die Wirklichkeit zwangsweise um 180 Grad gedreht haetten. In der Schule herrsche kein Bedarf nach paedagogischem Personal, im Gegenteil: die etwa 10 fast vollstaendig freiwilligen Lehrkraefte haetten den Ablauf super im Griff, verstuenden es selbst aeusserst gut, Unterricht und andere Aktivitaeten mit den Kindern zu leiten.

Und auch im Umweltbereich habe sich eigentlich so gut wie Nichts unter Einbezug der Freiwilligen ereignet, abgesehen von der Routinefuetterung der Bienen. Somit muesse ich mir zu meinem Bedauern eingestehen, dass ich nach sechs Monaten keinerlei langfristig-nuetzliche Arbeit fuer niemanden an diesem Ort hinterlassen habe und durch eine soziale Krise ginge.

Dem nahm sich Isabel, die zu Beginn nur mit uns zwei Freiwilligen an einem Tisch sass, an, allerdings wurde aus dem sechs-Augen-Gespraech bald ein zehn-Augen-Gespraech und zwei Tage spaeter hatte sich die Sache auch bis zum Letzten durchgesprochen, was mich im Nachhinein ziemlich veraergert hat.

Es wurde versucht, beruhigend auf die Situation einzuwirken, den sozialen Kontext Terra Mirims mit allen Projekten und Aktivitaeten klar zu stellen und zu beschwichtigen. Viel wurde erzaehlt ueber dieses "avantgardistische" Modell einer Gemeinschaft, dass jeder seinen Beitrag dazu leisten muesse und unverzichtbar sei. Gleichzeitig koenne man aber mit der noetigen Bereitschaft, welche womoeglich bei uns Freiwilligen nur eingeschraenkt vorhanden gewesen sei, immer neue Impulse setzen, worueber wir doch noch einmal nachdenken sollten.

Schlussendlich machte ich den Verantwortlichen deutlich, dass es nicht meine Absicht sei, weiter in der zu Einrichtung bleiben, sollte sich nicht grundlegend etwas am Plan unserer Wochen aendern und ich zweifelte laut an den gegebenen introspektionellen Moeglichkeiten Terra Mirims, welche tiefgreifende Impulse setzen koennten.

Zweiter Akt:
Einen Tag nach dieser sehr direkten und offenen Aussprache erschien unerwartet die Leiterin der Oekologischen Schule, um mit uns Freiwilligen und den Tischteilnehmern vom vorherigen Tag ueber die ernste Angelegenheit zu sprechen. Als eine der aeltesten Mitarbeiter Terra Mirims sollte sie die im Urlaub befindliche Alba Maria gewissermassen vertreten und neuen Wind in die Gespraeche bringen.

Nachdem ich meine Ausfuehrungen des Gespraechs vom Vortag wiederholt hatte, begann die Frau mit einem langen Vortrag. Sie holte ziemlich weit aus, erzaehlte von europaeischen Sklaventreibern, die Brasilien als eine Minderheitsdiktatur errichtet und ein soziales Erbe der Ignoranz bis heute im Land hinterlassen hatten.

Und nun habe Alba Maria vor 20 Jahren Terra Mirim gegruendet. Einen Ort inmitten einer der sich am meisten industrialisierenden Region Bahias, inmitten grosser struktureller Armut in den anliegenden Siedlungen, Armut, die auf das kaltherzige und verbrecherisch handelnde Europa der letzten 400 Jahre zurueck zu fuehren sei. Nach dieser kleinen Zeitreise stieg sie schliesslich im Thema "soziale Arbeit" ein, nicht zu letzt auch wohl deshalb, weil sie Jahre lang in Gewerkschaften und als oeffentliche Paedagogigen aktiv war.

Es gaebe zwei grundsaetzlich unterschiedliche Ansaetze zur Vorstellung sozialer Arbeit: 1.) man koenne ohne jeden Bezug zu den Menschen in eine Favela gehen, Kondome verteilen, fuenf verschiedenen Schulklassen pro Tag kurz Unterricht geben und zwischen drinn noch alten, pflegebeduerftigen Leuten vor Ort das Gesaess abwischen (bezeichnet als "europaeisch-bourgoise"), 2.) - und das sei nun die Philosophie Terra Mirims - koenne man auf langfristige Zusammenarbeit setzen, auf gemeinsames Wachstum und bescheidene Ziele mit wenigen, auserwaehlten Menschen (sie schilderte dies am Beispiel der Lehrer in Terra Mirim mit ihren z.T. bedrueckenden Schicksalen) hinarbeiten, die als Vorbilder in ihren jeweiligen Gemeinden die Leute mit sich zoegen: dies Alles im Verbund mit einer intakten Natur und einem gesunden Lebensstil.

Sie zaehlte aehnlich wie Maria Isabel am Vortag viele Dinge auf, die Terra Mirim realisiere und bereits verwirklicht habe, Baumpflanzungen, Flussreinigungen, Jugendgruppen, die Schule, usw. Damit alle diese Dinge aber funktionieren koennten, benoetige es genauso einer guten Pflege, Wartung und Verwaltung des Ortes.

Darauf ging ich schliesslich tiefer ein und versuchte klar zu stellen, dass das Problem eben genau darin bestanden habe, dass sich die Freiwilligen fast ausschliesslich um letztgenanntere, unmotivierende Dinge gekuemmert haetten und das in der Schule, im Gegensatz zur Ankuendigung, kein wirklicher Bedarf an Helfern bestehe. Ausserdem verwiess ich dabei auch noch auf das z.T. ruppige und undankbare Arbeitskllima, sowie den Mangel an Veranwortung, der mir zugestanden werde.

Es stellte sich heraus, dass in Terra Mirim tatsaechlich die Meinung herrscht, Verantwortung nur selten an andere zu delegieren - aus Angst vor Fehlern, die "folgenschwer fuer alle sein koennen." Daraufhin versuchte ich den Leuten klar zu machen, dass ein paar angegammelte Fruechte oder eine ausnahmsweise nicht heiss, sondern nur warm aufgewaermte Suppe (Gemuesemarkteinkauf und Essensaufwaermen wurden mir erst vier Monate nach der Ankunft zugetraut) auch der Stiftung Terra Mirim nicht den Untergang bringen wuerden - im Gegensatz dazu sei es voellig normal, dass nicht alle Ablaeufe ohne zugestandene Eingewoehnungsfehler sofort funktionieren koennten, sondern vielmehr ehrliches Vertrauen und Hilfestellungen der Sache gut tun wuerden.

Im Nachhinein hoffe ich, dass an dieser Stelle vielleicht ein kleiner Ruck durch die Beteiligten gegangen ist und man den neuen Menschen ein wenig mehr vertraut und ihnen auch mal Fehler zugesteht.

Zum Thema Umgangston war die Erklaerung recht knapp und eigen: als eine Gemeinschaft, die sich fast ausschliesslich aus Frauen, den in diesem Landesteil immer noch unterdrueckten Geschlecht, zusammenstelle, haetten sich ueber die Jahre gewisse Resistenzen und Haerten bei den Bewohnerinnen eingebuergert, die sich auch im Leben miteinander gelegentlich zeigten. Natuerlich sei dies aber nicht immer so gemeint, wie es bei manchen Gespraechen rueberkaeme, im Herzen fuehlten sich alle Bewohner schliesslich beisammen.

In meinen Augen (das habe ich aber am Tisch nicht gesagt): Erklaerung - ja, Rechtfertigung - nein. Man sollte, und das ist eine interkulturelles Notwendigkeit, zwischen Freund und Feind unterscheiden koennen. Wenn beim Streichen mal ein Farbklecks auf dem Boden landet oder die Aepfel in der Vorratskammer zu hoch gestapelt sind, dann kann man das mit jedem Menschen vernuenftig regeln - auch ohne seinen abschaetzigen Kommentar zum Besten zu geben!

Nun wollten wir auch konstruktiv mit der Situation umgehen. Ich hatte mir eine Reihe von Dingen ueberlegt, die sich mit den Dingen realisieren liessen, die ich beherrschte und die man gebrauchen koenne. Alle moeglichen Unterrichtsvorschlaege, Schlagzeug, Gitarre, Volleyball, Basketball, Englisch, Baumpflanzaktionen, Muellsammeln, Aufklaerungsprojekte (Mist, zurueck in de Bourgoisie), kurzum: etwas, wovon meiner Meinung nach auch MENSCHEN profitieren koennten!

Diesen Ideen musste die Schulleiterin sogleich den Riegel vorschieben, machte aber Hoffnung, dass es dieses Schuljahr wohl einen Englischunterricht geben werde (bis heute - April - nicht geschehen), ansonsten wuerden Restzeit, der Grad an Verantwortung fuer einen Freiwilligen und Belastbarkeit der restlichen Terra Mirim-Mitarbeiter keine neue Projekteroeffnung zulassen. Schlussendlich wurde mir eine Rolle als Mathelehrer und Teilnehmer bei einem Kooperationsprojekt in Aussicht gestellt - schon deutlich bessere Konditionen als noch zu Dienstbeginn.

Darueber hinaus bat ich die uebrigen Gespraechsteilnehmer deutlich, mich schlichtweg auf dem Laufenden zu halten, wenn es um konkrete Projekte Terra Mirims, bei denen Moeglichkeiten zur Partizipation bestuenden, gehe. Dies sei in der Vergangenheit allzu oft vergessen worden und die Freiwilligen somit unfreiwillig als Aussenstehende ausgeklammert worden. Alle sicherten mir in dieser Hinsicht Unterstuetzung zu und direkt im Anschluss an das Gespraech wurde mir eine kleine Einfuehrung in aktuelle Entwicklungen gegeben - Warum nicht gleich so?

Womoeglich auch deswegen fuehlte ich mich in meiner Botschaft an die Leute besser verstanden und respektiert, es liess mich bis zum dritten Gespraech mit Alba Maria eine Woche spaeter von der Idee abruecken, der Einrichtung den Ruecken zu kehren. Einen Versuch zu wagen, erschien mir ploetzlich doch als die bessere Alternative im Vergleich zu einer neuen Projektsuche und der damit verbundenen Umsiedlung an einen voellig fremden Ort, an dem man ohne Freunde und Erfahrung wieder total bei Null haette anfangen muessen. Endlich halbwegs Lehrer, involviert in Veranstaltungen vor Ort, mit Vertrauen ausgestattet - das koennte es wohl sein!

Dritter Akt:
Nun war also fast eine Woche vergangen, bis zur Kuechinchefin wussten alle von meinen Problemen und diskutierten offensichtlich auch darueber, natuerlich ohne, dass mich irgendjemand darauf ansprechen sollte (leider keine seltene Unart in dem Brasilien, dass ich kennengelernt habe). Ich versuchte, meinen ueblichen Tagesablauf runterzuspuhlen, machte mir viele Gedanken ueber das Hier und Jetzt und wie die Zukunft aussehen koennte. Klar, es haette doch alles so einfach sein koennen! Gerade in Bahia, wo doch die hoechste Inkarnation der Laessigkeit selbst Menschen und Gesellschaft zu unterwandern vermag.

Doch ist das Leben eben nicht immer so locker, wie man es sich wuenscht – es galt, pragmatisch und moeglichst positiv an die Sache heranzugehen, wenn schon die absolute Erfuellung aller urspruenglichen Wuensche und vermittelten Vorstellungen nicht gegeben sei. Immerhin: eine anstaendige Taetigkeit als Lehrer und wahrscheinlich ein Portioenchen Respekt vor meinen Motiven sollte ich mir erarbeitet haben, nicht zu vergessen die klare Devise an meine Verantwortlichen: lasst mich auch Aufgaben uebernehmen, die dem Weltwaertsgedanken entsprechen.

Es galt, erst einmal pragmatisch mit der Situation umzugehen. Dass ich mich in dieser Woche heftig erkaeltete, wurde natuerlich sogleich als psychosomatische Reaktion von den Verantwortlichen ausgelegt, mag sein, aber es belastete mich nicht uebermaessig. Die Tatsache, sich offen ausgesprochen zu haben, gab mir in diesen Tagen eine positive Kraft. Dinge, die mich sonst nervten und ueber die ich mich innerlich unheimlich aufregen konnte, gab es zwar immernoch – anstatt mich aber reinzusteigern und darunter zu leiden, begann ich nun endlich wieder, Humor walten zu lassen, nicht alles so scharf zu sehen, den Alltagsabfluss zu leeren. Und siehe da: die Regenschauer lichten sich.
Und dann bekommt Dilan fuer ein Kleinprojekt eine Privatspende von 500 Euro (!).
Und dann kommt aus Deutschland eine liebe Postkarte fuer mich, ueber die ich mich gar nicht genug freuen konnte – man hat doch Leute, denen man etwas bedeutet, nur eben etwas weiter weg und das gibt einem ein sehr geborgenes Gefuehl.

Anfang naechster Woche dann ein sehr beruhigendes und resuemierendes Gespraech mit Alba Maria, die aus dem Urlaub zurueck gekommen war. Es wurde gesprochen ueber eine Vorstellung von Heroismus, die den Menschen heute ueber die Medien vermittelt wuerde, welche nicht den wahren Tatsachen entspricht.
Genauso gab sie uns unsere Entwicklung in Brasilien aus ihrer Sicht zu verstehen. Ihrer Meinung nach, haette vor allem zu Beginn des Dienstes ein Problem darin bestanden, dass wir uns nur sehr wenig mit Gleichaltrigen beschaeftigt hatten. Jugendliche muessten rauskommen in die Welt, sich vergnuegen mit Ihresgleichen, das Leben von der lockeren Seite sehen. Der Meinung bin ich allerdings auch sehr.

Im Nachhinein hoerte sich das fuer mich ausserdem recht bitter an, wurden wir doch zu Dienstbeginn ueberdeutlich vor dem Ausgehen in die Nachbarschaft gewarnt, ja, sogar dazu genoetigt, eine Unterschrift unter eine Erklaerung nach dem Motto „wenn ich rausgehe, bin ich fuer mich selbst verantwortlich und komme moeglichst vor Einbruch der Dunkelheit zurueck“ zu setzen (dumm nur, dass die Dunkelheit meist eine Stunde nach Dienstende unter der Woche einsetzt). Regelungen im Sinne von „nur 2 mal pro Woche in den Nachbarort“ waren kurzzeitig Gegenstand ernsthafter Absichten. Wie gesagt, das geschah alles waehrend den ersten Monaten des Dienstes, in denen natuerlich den Verantwortlichen unsere gesunde und sichere Eingewoehnung am Herzen lag. Jedoch sollte man das nicht vergessen, hat letztendlich doch die gute Absicht der Vorgesetzten allen Beteiligten geschadet und der Stimmung nicht gut getan – aus Fehlern lernt man eben.

Eigentlich hatte ich schon vor diesem letzten Gespraech gespuert, dass diese Woche voller Trubel ein positiver Wandel folgen sollte. Heute im April, also rueckblickend, weiss ich, dass mein Gespuehr an diesem Tag richtig lag. Ich fuehle mich so gut, wie lange nicht mehr: waehrend der Arbeit, beim Reisen, im Verhaeltnis zu den Mitbewohnern. Und letztendlich wieder die Feststellung, dass ein Blick in sich selbst und der offene Dialog nicht immer einfach, jedoch so gut wie immer erfolgreich sind.


Teil 1: Zwischen Tucanen, Strandparadies und Krokodilen
Teil 2: Wo Licht ist, ist auch Schatten
Teil 3: Metropolis
Teil 4: Wochen des Wandels?

Kapitel 4 - Teil 3: Metropolis


Und dann kam Sao Paulo.

Die beiden Amntena-Vorstaende Ludwig Mueller und Kurt Wohnhas hatten alle Brasilianer nach São Paulo eingeladen, zwei aus Porto Alegre, sowie Dilan und mich als auch noch zwei andere Maedels aus Salvadorcity. Es waren vier sehr schoene Tage, ergiebig und lustig zu gleich. Abgesehen von der Arbeit, die es in Bezug auf unsere Projekteinsaetze zu verrichten gilt, hatten wir einige kurze Gelegenheiten, die fuenftgroesste Stadt der Welt kennen zu lernen – mit ihren mehr als 20.000.000 Einwohnern und 8.000km² (Metropolregion).

Kurzbeschreibung direkt nach der Ankunft: eine Stadt, die nur aus Hochhaeusern zu bestehen scheint, bis zum Horizont, in jede Himmelsrichtung. Aber auch in der stets ueberfuellten Metro fuehlt man sich wie Ameise X4U61 auf dem Weg nach Y-!9. Ueberall Menschen, Autos, laute Geraeusche, Blinklichter. Der Inbegriff von Globalisierung, eine Millionen Japaner, genauso viele Deutsche und hunderte Nationalitaeten: alle sind sie in diesem riesigen Pott zu einer bunten Masse verschmolzen, die sich wie wild zielgerichtet durch die Strassen bewegt immer fort pulsiert. Aus meinem Hotelzimmerfenster konnte ich mir gut einen Eindruck von dieser niemals schlafenden Megacity machen. Tag und Nacht, 24 Stunden rund um die Uhr fahren auf der achtspurigen Strasse Autos, Autos, Autos. Das ist schon verrueckt, sich vorzustellen, ein Leben lang in so einer Stadt zu wohnen. Wie soll man je einen Bezug zur urspruenglichen Umwelt des Menschen herstellen koennen, wenn man in so einen Trichter geboren wird und aufwaechst, der keine echte Natur, kein Leben ohne Mangel kennt, kein Leben ohne Verkehr, ohne Geschwindigkeit, ohne Laerm? Da wuerde es mir gewaltig vor grauhen. Aber ein paar Tage reinschnueffeln geht schliesslich immer. Widmen wir uns aber dem Geschehen im Tagungsraum des Hotels zu. Dort wurde viel administratives geklaert, die anderen Freiwilligen stellten ihre Projekte vor und erzaehlten, wie es ihnen denn dabei ergangen war, uns wurden Videos und Fotos der anderen Amntena-Entsendeten in West-Suedamerika gezeigt, die diese zum Seminar in Chile mitgebracht hattten. Und auch Dilan und ich berichteten, wie es uns denn in den letzten sechs Monaten ergangen war. Unter dem Motto "Fides“ (lat.: Vertrauenswuerdigkeit, Ehrlichkeit) schilderten wir offen alle Dinge, wie sie unserer Sicht nach in Terra Mirim gut liefen oder - wie oben beschrieben - mit uns in Konfilkt geraten waren. Den beiden Vorsitzenden missfiel die Tatsache, dass unsere beiden Vorgaenger die Ferienregelung von Weltwaerts - 18 Tage - leicht uminterpretiert hatten, naemlich zu ueber 50 eben derer ummuenzten, denn das hatten sie so natuerlich nicht erwartet. Es erklaert aber fuer alle Beteiligten den Fakt, dass man in Terra Mirim bei Dilan und mir auf jeden Fall Samstagsschichten vorsieht (letztes Jahr nicht der Fall), genauso wie die Mitarbeit beim regelmaessigen Essensaufwaermen und Beete bewaessern ausserhalb der Arbeitszeiten und nicht das Nichtanerkennen von Heiligabend oder Silvester als Feiertage. Natuerlich stimmte die Verantwortlichen von Amntena unsere Bestandsaufnahme zur Arbeitssituation auch nicht unbedingt froehlich. Es wurde darueber diskutiert, wie man die momentane Situation denn aendern koenne, dass sich fuer alle Beteiligten Vorteile ergeben und Zufriedenheit einkehrt. So legten uns Kurt und Ludwig nahe, direkt nach der Ankunft mit den Verantwortlichen von Terra Mirim das offene Gespraech zu suchen. Und das sollten wir auch tun. Allerdings durfte am Vorabend des Abflugs ein gemeinsamer Besuch der stadtbekannten Churrascaria "OK" nicht fehlen, bei dem wir es uns einmal so richtig schmecken liessen. Die einmalige Gelegenheit, einen echten Tropfen Wein vorgesetzt zu bekommen - in Bahia ist das Bier die Domina - konnten wir uns einfach nicht nehmen lassen und mussten natuerlich jeden Jahrgang einzeln testen. Und auch das Essen liess nicht lange auf sich warten. Kaum hatten wir sieben uns an den runden Tisch gesetzt, da schossen schon sogleich mindestens fuenf Kellner herbei, die uns gleich einmal 20 Teller verschiedenster Vorspeisen unterjubeln wollten. Wir bestellten daraufhin schliesslich die noble Variante des "all you can eat" - "all you can eat + all we can cook and bring" und liessen uns verwoehnen. Ja, das darf einmal im Jahr auch sein! Es war ein laufendes Sushi-Fliessband, nur eben in noch lebendigerer Form der Kellner. Immer, wenn einer seinen Teller artig aufgegessen hatte, kamen sofort drei Kellner und fragten nach weiteren Wuenschen, bzw. kochten sie erst, um sie dem voellig ueberforderten Esser auch live unter die Nase zu halten. Allein schon diese Tatsache und der reichliche Wein und Caipirinhagenuss machten den Abend von Beginn an ueberaus gesellig und es wurde reichlich gelacht, gescherzt und konsumiert. Wie viele Langusten wurden an diesem Abend verzehrt und wer ist der Rekordhalter (Tipp: ich war es nicht!)? Daran konnte sich am naechsten Tag niemand mehr so wirklich erinnern.

Jedoch erinnerte mich am naechsten Vormittag, nach einer Nacht voller wilder Traeume, eine SMS auf meinem Handydisplay an das absolute Sahnehaeubchen des Vorabends: "Und? Gehen wir noch in eine Disko? Vergiss nicht, ich kann zaubern, was glaubst du, wie mir die Frauen deshalb zu Fuessen liegen? Melde dich." Was war geschehen? Waehrend die Glaeser im OK an unserem Tisch am Vorabend langsam immer wieder voll und leer wurden, hatte sich doch tatsaechlich ein etwas falscher Kellner unter die wuetigen Essensbringer gemischt! Dieses schelmige Gesicht war uns von Anfang an verdaechtig, soweit man es denn noch einzeln sah (okay, das war jetzt uebertrieben). Und als er dann anfing, seine Spielkarten zu zuecken, gab es kein Halten mehr. Ein Magier im Restaurant, der die Gaeste vorfuehrt – was fuer eine super Idee. Er trieb so manchen Scherz mit unserer Gruppe, ploetzlich war Ludwigs Uhr an Kirstins Handgelenk, „Kurti“ verhalfen auch gezinkte Karten nicht zur tieferen Erkenntnis, der Zauberer spuckte wie wild Karten durch die Luft, die wir vorher bemalten und ihm augenblicklich vorher in die Hand drueckten, goss mit verbundenen Augen mit einem Meter Abstand Schnaepse in unsere Muender und vieles mehr. Ein wahres Highlight an Entertaining. Nun gut, gegen Ende des Abends hatte er leichtes Spiel und wie die SMS zeigt, haette er es doch tatsaechlich noch fast geschafft, uns noch zu einer langen Nacht in Sao Paulo zu ueberreden.

In jedem Fall war dies ein Abend, an den ich genuesslich und mit Freude zurueck denken werde. Eine Mischung aus Zaubershow, Esswettbewerb und Winzerfest, wer hatte das schon erlebt?

Am naechsten Tag stiegen wir somit voller Frohsinn und guter Laune in den Flieger zurueck nach Bahia, die Vorsaetze waren nicht gerade gering und ein mulmiges Gefuehl machte sich in uns breit, als wir zur Landung ansetzten. Schliesslich mussten wir, egal wie das Resultat ausfallen sollte, so manchen ziemlich vor den Kopf stossen und das ist eigentlich nicht unser beider Spezialitaet. Vielleicht auch deswegen liessen wir uns vom Flughafentaxi direkt ins Nachbardorf zu unseren Freunden fahren, mitsamt den Koffern und einigen Reisestunden im Gemuet, anstatt sobald als moeglich in Terra Mirim einzuchecken. Das fanden die Verantwortlichen, wie wir am naechsten Tag erfahren sollten, gar nicht lustig, hatten sie doch den Taxifahrer - "ausser sich vor Sorge" - angerufen (nicht etwa uns), um sich zu informieren, was wir an diesem Sonntagabend so trieben. Die Vorzeichen hatten sich dadurch nicht verbessert, im Gegenteil, aber gemeinsam sollten wir die Sache irgendwie bewaeltigen, da waren wir uns sicher.

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Dienstag, 30. März 2010

Kapitel 4 - Teil 2: Wo Licht ist, ist auch Schatten

Die folgenden Zeilen werden nicht jedem gefallen, der das hier liest. Es geht um meine persoenliche Meinung, die ich im Sinne der Aufrichtigkeit auch aeussern sollte, wenn mir mal etwas nicht passt. Sie spielt im Sinne des Dialogs zwischen dem deutschen Staat, den ich in Brasilien vertrete und der die ganze Angelegenheit finanziert, meiner Arbeitsstelle Terra Mirim selbst, sowie meinen Spendern und meiner Entsendeorganisation Amntena hoffentlich eine Rolle. Nicht zu Letzt soll dieser Bericht den naechsten drei Freiwilligen, die in dieser Einsatzstelle unterkommen werden, vorzeitig helfen, sich auf das Leben und die Arbeit hier einzustellen - eine Hilfestellung, die ich leider vor meinem Aufbruch nicht erhalten habe, mit besten Gruessen an dieser Stelle an meine Vorgaenger. Aber wollen wir nicht unnoetig Sand aufwirbeln und widmen wir uns den Tatsachen, mit denen es umzugehen gilt.

Fangen wir also ganz von vorne an: mit der Vorbereitung auf Terra Mirim in Deutschland.
Im Laufe der Jahre 2008 und 2009, also waehrend meiner Zeit als Abiturient, bekam ich ueber meinen Verein Amntena Material zugeschickt, dass direkt von Terra Mirim stammte. Es sollte mir dabei helfen, mich auf das Jahr in Brasilien vorzubereiten. Meine Spender werden sich erinnern - an meinen Flyer, auf dem gross und schoen von DEM Konzept der "Integrativen Oekologie" als Vorzeigeleitlinie einer Oekologischen Schule erzaehlt wird. Es war davon die Rede, dass ich hauptsaechlich in paedagogischer Taetigkeit auf eben dieser Schule in Brasilien aktiv werden sollte. Sogar mein eigenhaendig unterzeichneter Arbeitsvertrag spricht von "Mithilfe in dem Projekt, Unterrichtsbegleitung" und das war - ganz nebenbei - auch bei Dilan, meiner deutschen Kollegin hier, der Fall.

Weitere Informationen bekam ich im Vorfeld des "Partnerdialogs" noch in Form einer Kurzbeschreibung Terra Mirims. Idyllisch-poetisch wurde darin beschrieben, wie man sich um die Kinder in der Schule kuemmert, wie die etwa zwanzig Bewohner stets gemeinsam einem spirituellen, schamanischen Leitgedanken folgen, durch den sie viele soziale Projekte verwirklichen. Dass sie Baeume pflanzen, die Umwelt mit Hilfe der ortsansaessigen Bevoelkerung zu schuetzen versuchen und "mit eigenen Haenden die Fluesse" reinigen.

Jetzt meine ganz neutrale Frage an die Leser - gehen Sie einmal tief in sich - : Was hat man sich bei dieser Informationslage im Vorfeld des Dienstes unter seiner Arbeit vorzustellen? Dass man fuenf von elf Schichten in der Woche in einem Sekretariat auf Anrufe wartet, Akten ordnet, Telefonlisten erstellt und den Tuerknopf betaetigt, wenn jemand das Gelaende betreten oder verlassen will (Dilan)? Dass man seine Zeit hauptsaechlich damit zubringt, Blaetter und Grass zu kehren, zu putzen, Essen fuer die Gemeinschaft aufzuwaermen, Werkzeuge zu polieren, Beete zu bewaessern und eine von niemanden benutzte Bibliothek in Stand zu halten? Aber der Reihe nach, will ich mich doch nicht als arroganter, staendig unzufriedener Bourgoise aus Deutschland outen, der an allem etwas auszusetzen hat und sowieso keine Lust auf nichts hat. Jedoch ist eine, fuer die Leute hier in Brasilien selbstverstaendliche (!), Diskrepanz zwischen Werbeaufruf in Deutschland und Wirklichkeit wohl fuer jeden auf den ersten Blick ersichtlich.

Natuerlich muss ganz klar gesagt werden: wir Deutschen wussten, dass wir in einer schamanischen Gemeinschaft unterkommen, dass die Gemeinschaft ihre Regeln hat - wie feste Essenszeiten, Verzicht auf Fleisch und Alkohol und das fanden wir sehr interessant. Mir als Vegetarier faellt es ohnehin leicht, Gemuese und Soja zu essen und sein Feierabendbier kann man auch ausserhalb des Gelaendes zu sich nehmen. Oder auch mal zwei. Kein Problem soweit zu dieser Idee. Im Gegenteil, mit grosser Spannung blickte ich der Sache entgegen, die mich mit ernaehrungsmaessig Gleichgesinnten zusammen bringen sollte.

Auch dem Schamanismus wandten wir uns sehr offen und interessiert zu: Was heisst das, wenn eine Schamanin wie Alba Maria Terra Mirim leitet? Wie sieht das Leben einer Gemeinschaft aus, die sich auf ewig untrennbar und sehr tief mit der Natur verbunden hat? Ja, was ist Schamanismus ueberhaupt? Auf die Antworten war ich vor meiner Abreise nach Brasilien sehr gespannt und auch im Partnerdialog mit der Vertreterin von Terra Mirim Deutschland und Albas Sohn Tiago gegen Ostern wurde diese Vorfreude geschuert.

Letztendlich war meine Vorstellung von Terra Mirim im August 2009, also kurz vor Entsendung, so: Hauptsaechlich Arbeit im Lehrbereich (auch wenn ich die Sprache noch lange nicht sicher beherrschte, es musste ja wohl dennoch moeglich sein, Wissen an den Mann zu bringen!), zusaetzlich Mithilfe in Projekten zum Umweltschutz wie beispielsweise beim Bienenprojekt oder beim Baumpflanzen und natuerlich die Teilhabe an sozialen Aufgabrn fuer den "Dienst im hoeheren Sinn", der doch in der Kurzbeschreibung Terra Mirims so angepriesen wurde. Auch die Tatsache, dass es gelegentlich Theaterstuecke aufzufuehren gibt, machte mir Mut, hatte ich doch schon fuenf Jahre Theater auf dem Buckel und koennte bestimmt meine Ideen an der ein oder anderen Stelle mit einbringen, genauso wie moeglicherweise meine Schlagzeug- und Gitarrenkenntnisse vielleicht sogar hilfreich den Jugendlichen vor Ort vermitteln.

Zeitsprung, wir befinden uns jetzt in einer der ersten Montagsbesprechungen zur Erstellung des Wochenplans von Dilan und mir, gut drei Wochen nach unserer Ankunft. Die Zeit bis dahin war fuer mich alles andere als einfach. Hatte ich doch erstens den anstrengenden, aber nicht besonders produktiven Sprachkurs in den Knochen, fuer den ich zwei Wochen lang vier Stunden taeglich mit dem Bus nach Salvador und zurueck fuhr - fuer nur anderthalb Stunden langweiligsten Unterricht. Und ausserdem erhielt ich bei meiner regelmaessigen nachmittaglichen Rueckkehr Arbeiten, die so ganz und gar nicht der Voelkerverstaendigung oder aehnlichen Vorstellungen internationaler Zusammenarbeit entspricht. Da hiess es fast immer "Unkraut pfluecken". "Anstatt raus in die Welt zu gehen und Leuten etwas von dir - im hoeheren Sinne - geben zu koennen, wird man dazu verbannt, vor einem Beet zu knien und Grashalme abzuernten, sich also mit dem Kleinsten vom Kleinen abzugeben - Arbeiten, die nichts und niemandem helfen", das waren meine mich peinigenden Gedanken, die natuerlich nicht halfen, die ein oder andere Heimwehattacke wegzustecken - "war nicht alles doch eine voellig schwachsinnige Idee? Haette ich nicht ein Jahr lang einfach einen Zivildienst machen koennen und mein Leben im Kreise der Familie und Freunde geniessen sollen?" Nein, immernoch fuehlte ich mich zu einer guten Sache berufen, die ihren Sinn hat.

Und nun kommt doch die so auf Harmonie und produktives Zusammenleben geeichte Schamanin bei der Wochenbesprechung daher und poltert tatsaechlich nach unseren ersten zaghaften Verbesserungsvorschlaegen unserer Arbeit gegenueber los: "Ihr seid Freiwillige der Gemeinschaft Terra Mirim, NICHT der Oekologischen Schule!" Verwirrung und Entsetzen holten mich ein. Sollten wir nun etwa doch nicht in der Schule arbeiten oder in Projekten des Umweltschutzes eine Rolle spielen? Doch doch, gewiss: zwei Schichten woechtentlich in der Schule, sowie eine Schicht zur Fuetterung der Bienen wurden mir zugesprochen. Macht drei von elf. Ich konnte es mir eines Abends dann nicht mehr verkneiffen und oeffnete eine Schublade in der Rezeption, in der die Arbeitsplaene unserer Vorgaenger lagerten. Und ich traute meinen Augen nicht: diese hatten tatsaechlich, wie es unsere Werbung in Deutschland ja vermittelte, so gut wie jeden Tag in der Schule gearbeitet, teilweise sieben Schichten. Da fuehlt man sich ehrlich gesagt einfach nur verarscht. Vor allem bei dem Gedanke daran, dass Alba Maria beim oben geschilderten Treffen nicht uerwaehnt liess, dass "ALLE vorherigen Freiwilligen zu gleichen Teilen in allen Bereichen Terra Mirims gearbeitet" haetten. Der Glaube daran war zu Recht ins Wackeln geraten.

"Freiwillige der Gemeinschaft Terra Mirim", was sollte das nun also heissen? Wir durften es erfahren. Es ist eigentlich ganz einfach. Als Freiwilliger der Gemeinschaft Terra Mirim hilft man der Gemeinschaft, dass diese ihren hoeheren Taetigkeiten nachgehen kann. Ein Beispiel: wenn ich Unkraut pfluecke, muessen andere der Gemeinschaft das nicht machen und koennen sich "wichtigeren" Dingen widmen. Dumm nur, dass die schamanische Philosophie an dieser Stelle im Weg steht, die da so schoen besagt: "Es gibt hier keine wichtigen und unwichtigen Dinge - Alles ist wichtig." Das hatten sie in der Sowjetunion auch posaunt, die "Arbeiter und Bauern" verrichteten gegenseitige Dienste an sich im Sinne der Bruederlichkeit und Gleichheit. Aber, wie es nun einmal so ist: manche waren gleicher als andere. Und dieses Gefuehl liess mich auch in Terra Mirim nicht los.

Warum durfte ich ploetzlich Werkzeuge polieren, Yoga-Matten desinfizieren, Gemuese fuer die Gemeinschaft einkaufen gehen, Pflaenzchen giessen, Blaetter kehren, Unkraut jaehten und Dilan in der Rezeption hinter dem Schreibtisch versauern? Klare Antwort von Seiten der Einrichtung: "Weil es absolut wichtig fuer uns alle ist und es sonst niemand machen kann. Wir sind voll auf euch angewiesen. Wir jehten das Unkraut, damit die Beete schoener werden, damit die Leute, die hier vorbeikommen es schoener finden, damit diese vielleicht oefters hierher kommen, damit alles bekannter wird und expandieren kann in seiner Rolle als avantgardistisches Weltmodel" Aha. Da haben wir also den Widerspruch gefunden, der Terra Mirim und die Werbung der Einrichtung entzweit: Es werden Freiwillige (aus dem Ausland!) gerufen, um bei den vielfaeltigen und sehr tollen (!) Projekten mitanzupacken. Gleichzeitig ist man aber "absolut angewiesen" auf deren Hilfe beim Erhalten und inneren Zusammenhalten des Ladens, egal mit welchen Interessen, Staerken und Motivationen diese Menschen in Brasilien landen.

Und das ist so ganz und gar nicht in Ordnung, vor allem, dass ich mir in spaeteren Gespraechen - zu denen wir noch kommen werden - den offenen Vorwurf gefallen lassen musste, Opfer meiner existenzialistischen Motive zu sein. Welch Paradoxie und Demuetigung zugleich! Ein Jahr in Brasilien, fernab der Familie und Freunde, die man vermisst, ohne Lohn, mit Samstagsschichten und all das nicht um hauptsaechlich zu helfen, sondern um davon zu profitieren und sich selbst zu verwirklichen? Natuerlich hat man unglaublich viel davon, man lernt eine neue Sprache und Kultur, eine andere Lebensart kennen, aber im Vordergrund stand von mir urspruenglich ganz klar eine erfolgreiche Arbeit und die Hoffnung, Jugendlichen und Kindern etwas auf den Weg geben zu koennen.

Und selbst wenn es denn so ist, dass mich auch Abenteuerlust und der einfache Wunsch, etwas ganz Neues zu erleben nach Brasilien gelotst haetten - wer kann einem dies veruebeln? Es ist im Grunde genommen die philosophische Grundfrage nach dem Selbsterhaltungstrieb: Kann ich wirklich ein Leben lang selbstlos sein, nur fuer andere bestehen und allen Interessen vor meinen Vorrang lassen? Auch die Menschen in Terra Mirim leben nicht ohne Eigenmotive an diesem Ort, das muss klargestellt sein. Die vielen schamanischen Rituale, Gesaenge, Meditationen, Koch -und Saftkurse, Yogastunden, der ultragesunde Lebensstil, eine "Meisterin" und Mutter fuer alle und auch diese selbst reist gern und viel um die Welt - unverkennbar wichtige Motive, wenn nicht sogar DIE Motive vieler Teilnehmer, an der Gemeinschaft Teil zu haben. Und es ist ja niemandem zu veruebeln, ganz im Gegenteil! Es ist doch voellig in Ordnung und verstaendlich, den Traditionen der Vorfahren und indigenen Voelker dieser Welt zu folgen, gesund im Einklang mit der Natur zu leben, innerlich heilen duerfen, die Welt zu erkunden und sich von der Leistungsgesellschaft abzukoppeln. Und es ist gut so, dass jeder seinen Spass an der Sache hat, den das formt doch gerade eine glueckliche Gesellschaft. Aber eins muss klar sein: in Terra Mirim zu leben, heisst Selbsterfuellung im allerhoechsten Sinne - sich auf eine innere Reise zu machen und daraus Kraft zu schoepfen fuer die anstehenden (moeglichst sozialen) Aufgaben, darin liegt das Kernmotiver fast aller Bewohner. Liebe deinen Naechsten wie dich selbst, heisst es so schoen auch im Christentum. Also dann doch keine 100% bedingungslose Hingabe aller Kraefte fuer das Leben anderer Menschen. Man kann darueber eine philosophische Diskussion entfachen, ob es ueberhaupt moeglich ist, ohne Selbsterhaltungstrieb zu leben? Man wuerde vielleicht bei Jesus Christus als moeglichem Vorbild landen und sich Gedanken darueber machen, ob das Paradies auf Erden somit existieren kann. Ein spannendes Thema in jedem Fall nicht nur fuer Theologen!

Jetzt will ich aber nicht uebermaessig schwallen: die Zeit zwischen September und Februar war, auch aufgrund des Urlaubs um die Weihnachtszeit, sehr ergiebig und lehrreich. Meine Motivation konnte ich immer wieder an bestimmten Punkten zurueckgewinnen. Sei es eine spassige Stunde mit meinen Volleyballmaedels, das dreitaegige EcoArtfestival, der langsam einsetzende Englischunterricht mit unserer einen Schuelerin (dieses Jahr werden es wohl mehr sein!), die Jugendgruppe - eine wirklich tolle Initiative mit viel Potenzial, welche Freude auf mehr macht -, die "Demonstration", bei der Dilan und ich durchs Dorf gingen und Flugblaetter verteilten, die Fortschritte beim Sprechen, das Finden von Freunden ausserhalb, die Ausfluege zu Straenden, nach Salvador.

Aber an manchen Tagen zog es mich doch ziemlich tief runter, dieses Gefuehl, den Zweck zu verfehlen. Vielleicht in diesem Fall speziell durch den Kontrast zur grossen Reise mit meiner Mutter hervorgerufen, so waren einige Arbeitsttage des Januars und Februars mehr frust-, als lustreich. Das lag auch mit Sicherheit daran, dass die Oekologische Schule nun zu allem Ueberfluss auch noch Sommerferien hatte, die zwei fixen Schichten also vorruebergehend wegfielen. Anstatt nach abwechslungsreichen Alternativen zu suchen, bedeutete dies aber nur: noch mehr Rezeption fuer Dilan (bis zu 7 von 11 Schichten) bzw. Blaetterfegen/Beete pflegen fuer mich. Und das, obwohl wir wiederholt zu verstehen gegeben haben, dass wir uns als Projektarbeiter sehen und nicht als Diener der Gemeinschaft.

Ein wahrer Durst nach sozialer Verantwortung liess mich in der sommerlichen Trockenzeit Bahias schmachten.


Teil 1: Zwischen Tucanen, Strandparadies und Krokodilen
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Teil 3: Metropolis
Teil 4: Wochen des Wandels?