Die folgenden Zeilen werden nicht jedem gefallen, der das hier liest. Es geht um meine persoenliche Meinung, die ich im Sinne der Aufrichtigkeit auch aeussern sollte, wenn mir mal etwas nicht passt. Sie spielt im Sinne des Dialogs zwischen dem deutschen Staat, den ich in Brasilien vertrete und der die ganze Angelegenheit finanziert, meiner Arbeitsstelle Terra Mirim selbst, sowie meinen Spendern und meiner Entsendeorganisation Amntena hoffentlich eine Rolle. Nicht zu Letzt soll dieser Bericht den naechsten drei Freiwilligen, die in dieser Einsatzstelle unterkommen werden, vorzeitig helfen, sich auf das Leben und die Arbeit hier einzustellen - eine Hilfestellung, die ich leider vor meinem Aufbruch nicht erhalten habe, mit besten Gruessen an dieser Stelle an meine Vorgaenger. Aber wollen wir nicht unnoetig Sand aufwirbeln und widmen wir uns den Tatsachen, mit denen es umzugehen gilt.
Fangen wir also ganz von vorne an: mit der Vorbereitung auf Terra Mirim in Deutschland.
Im Laufe der Jahre 2008 und 2009, also waehrend meiner Zeit als Abiturient, bekam ich ueber meinen Verein Amntena Material zugeschickt, dass direkt von Terra Mirim stammte. Es sollte mir dabei helfen, mich auf das Jahr in Brasilien vorzubereiten. Meine Spender werden sich erinnern - an meinen Flyer, auf dem gross und schoen von DEM Konzept der "Integrativen Oekologie" als Vorzeigeleitlinie einer Oekologischen Schule erzaehlt wird. Es war davon die Rede, dass ich hauptsaechlich in paedagogischer Taetigkeit auf eben dieser Schule in Brasilien aktiv werden sollte. Sogar mein eigenhaendig unterzeichneter Arbeitsvertrag spricht von "Mithilfe in dem Projekt, Unterrichtsbegleitung" und das war - ganz nebenbei - auch bei Dilan, meiner deutschen Kollegin hier, der Fall.
Weitere Informationen bekam ich im Vorfeld des "Partnerdialogs" noch in Form einer Kurzbeschreibung Terra Mirims. Idyllisch-poetisch wurde darin beschrieben, wie man sich um die Kinder in der Schule kuemmert, wie die etwa zwanzig Bewohner stets gemeinsam einem spirituellen, schamanischen Leitgedanken folgen, durch den sie viele soziale Projekte verwirklichen. Dass sie Baeume pflanzen, die Umwelt mit Hilfe der ortsansaessigen Bevoelkerung zu schuetzen versuchen und "mit eigenen Haenden die Fluesse" reinigen.
Jetzt meine ganz neutrale Frage an die Leser - gehen Sie einmal tief in sich - : Was hat man sich bei dieser Informationslage im Vorfeld des Dienstes unter seiner Arbeit vorzustellen? Dass man fuenf von elf Schichten in der Woche in einem Sekretariat auf Anrufe wartet, Akten ordnet, Telefonlisten erstellt und den Tuerknopf betaetigt, wenn jemand das Gelaende betreten oder verlassen will (Dilan)? Dass man seine Zeit hauptsaechlich damit zubringt, Blaetter und Grass zu kehren, zu putzen, Essen fuer die Gemeinschaft aufzuwaermen, Werkzeuge zu polieren, Beete zu bewaessern und eine von niemanden benutzte Bibliothek in Stand zu halten? Aber der Reihe nach, will ich mich doch nicht als arroganter, staendig unzufriedener Bourgoise aus Deutschland outen, der an allem etwas auszusetzen hat und sowieso keine Lust auf nichts hat. Jedoch ist eine, fuer die Leute hier in Brasilien selbstverstaendliche (!), Diskrepanz zwischen Werbeaufruf in Deutschland und Wirklichkeit wohl fuer jeden auf den ersten Blick ersichtlich.
Natuerlich muss ganz klar gesagt werden: wir Deutschen wussten, dass wir in einer schamanischen Gemeinschaft unterkommen, dass die Gemeinschaft ihre Regeln hat - wie feste Essenszeiten, Verzicht auf Fleisch und Alkohol und das fanden wir sehr interessant. Mir als Vegetarier faellt es ohnehin leicht, Gemuese und Soja zu essen und sein Feierabendbier kann man auch ausserhalb des Gelaendes zu sich nehmen. Oder auch mal zwei. Kein Problem soweit zu dieser Idee. Im Gegenteil, mit grosser Spannung blickte ich der Sache entgegen, die mich mit ernaehrungsmaessig Gleichgesinnten zusammen bringen sollte.
Auch dem Schamanismus wandten wir uns sehr offen und interessiert zu: Was heisst das, wenn eine Schamanin wie Alba Maria Terra Mirim leitet? Wie sieht das Leben einer Gemeinschaft aus, die sich auf ewig untrennbar und sehr tief mit der Natur verbunden hat? Ja, was ist Schamanismus ueberhaupt? Auf die Antworten war ich vor meiner Abreise nach Brasilien sehr gespannt und auch im Partnerdialog mit der Vertreterin von Terra Mirim Deutschland und Albas Sohn Tiago gegen Ostern wurde diese Vorfreude geschuert.
Letztendlich war meine Vorstellung von Terra Mirim im August 2009, also kurz vor Entsendung, so: Hauptsaechlich Arbeit im Lehrbereich (auch wenn ich die Sprache noch lange nicht sicher beherrschte, es musste ja wohl dennoch moeglich sein, Wissen an den Mann zu bringen!), zusaetzlich Mithilfe in Projekten zum Umweltschutz wie beispielsweise beim Bienenprojekt oder beim Baumpflanzen und natuerlich die Teilhabe an sozialen Aufgabrn fuer den "Dienst im hoeheren Sinn", der doch in der Kurzbeschreibung Terra Mirims so angepriesen wurde. Auch die Tatsache, dass es gelegentlich Theaterstuecke aufzufuehren gibt, machte mir Mut, hatte ich doch schon fuenf Jahre Theater auf dem Buckel und koennte bestimmt meine Ideen an der ein oder anderen Stelle mit einbringen, genauso wie moeglicherweise meine Schlagzeug- und Gitarrenkenntnisse vielleicht sogar hilfreich den Jugendlichen vor Ort vermitteln.
Zeitsprung, wir befinden uns jetzt in einer der ersten Montagsbesprechungen zur Erstellung des Wochenplans von Dilan und mir, gut drei Wochen nach unserer Ankunft. Die Zeit bis dahin war fuer mich alles andere als einfach. Hatte ich doch erstens den anstrengenden, aber nicht besonders produktiven Sprachkurs in den Knochen, fuer den ich zwei Wochen lang vier Stunden taeglich mit dem Bus nach Salvador und zurueck fuhr - fuer nur anderthalb Stunden langweiligsten Unterricht. Und ausserdem erhielt ich bei meiner regelmaessigen nachmittaglichen Rueckkehr Arbeiten, die so ganz und gar nicht der Voelkerverstaendigung oder aehnlichen Vorstellungen internationaler Zusammenarbeit entspricht. Da hiess es fast immer "Unkraut pfluecken". "Anstatt raus in die Welt zu gehen und Leuten etwas von dir - im hoeheren Sinne - geben zu koennen, wird man dazu verbannt, vor einem Beet zu knien und Grashalme abzuernten, sich also mit dem Kleinsten vom Kleinen abzugeben - Arbeiten, die nichts und niemandem helfen", das waren meine mich peinigenden Gedanken, die natuerlich nicht halfen, die ein oder andere Heimwehattacke wegzustecken - "war nicht alles doch eine voellig schwachsinnige Idee? Haette ich nicht ein Jahr lang einfach einen Zivildienst machen koennen und mein Leben im Kreise der Familie und Freunde geniessen sollen?" Nein, immernoch fuehlte ich mich zu einer guten Sache berufen, die ihren Sinn hat.
Und nun kommt doch die so auf Harmonie und produktives Zusammenleben geeichte Schamanin bei der Wochenbesprechung daher und poltert tatsaechlich nach unseren ersten zaghaften Verbesserungsvorschlaegen unserer Arbeit gegenueber los: "Ihr seid Freiwillige der Gemeinschaft Terra Mirim, NICHT der Oekologischen Schule!" Verwirrung und Entsetzen holten mich ein. Sollten wir nun etwa doch nicht in der Schule arbeiten oder in Projekten des Umweltschutzes eine Rolle spielen? Doch doch, gewiss: zwei Schichten woechtentlich in der Schule, sowie eine Schicht zur Fuetterung der Bienen wurden mir zugesprochen. Macht drei von elf. Ich konnte es mir eines Abends dann nicht mehr verkneiffen und oeffnete eine Schublade in der Rezeption, in der die Arbeitsplaene unserer Vorgaenger lagerten. Und ich traute meinen Augen nicht: diese hatten tatsaechlich, wie es unsere Werbung in Deutschland ja vermittelte, so gut wie jeden Tag in der Schule gearbeitet, teilweise sieben Schichten. Da fuehlt man sich ehrlich gesagt einfach nur verarscht. Vor allem bei dem Gedanke daran, dass Alba Maria beim oben geschilderten Treffen nicht uerwaehnt liess, dass "ALLE vorherigen Freiwilligen zu gleichen Teilen in allen Bereichen Terra Mirims gearbeitet" haetten. Der Glaube daran war zu Recht ins Wackeln geraten.
"Freiwillige der Gemeinschaft Terra Mirim", was sollte das nun also heissen? Wir durften es erfahren. Es ist eigentlich ganz einfach. Als Freiwilliger der Gemeinschaft Terra Mirim hilft man der Gemeinschaft, dass diese ihren hoeheren Taetigkeiten nachgehen kann. Ein Beispiel: wenn ich Unkraut pfluecke, muessen andere der Gemeinschaft das nicht machen und koennen sich "wichtigeren" Dingen widmen. Dumm nur, dass die schamanische Philosophie an dieser Stelle im Weg steht, die da so schoen besagt: "Es gibt hier keine wichtigen und unwichtigen Dinge - Alles ist wichtig." Das hatten sie in der Sowjetunion auch posaunt, die "Arbeiter und Bauern" verrichteten gegenseitige Dienste an sich im Sinne der Bruederlichkeit und Gleichheit. Aber, wie es nun einmal so ist: manche waren gleicher als andere. Und dieses Gefuehl liess mich auch in Terra Mirim nicht los.
Warum durfte ich ploetzlich Werkzeuge polieren, Yoga-Matten desinfizieren, Gemuese fuer die Gemeinschaft einkaufen gehen, Pflaenzchen giessen, Blaetter kehren, Unkraut jaehten und Dilan in der Rezeption hinter dem Schreibtisch versauern? Klare Antwort von Seiten der Einrichtung: "Weil es absolut wichtig fuer uns alle ist und es sonst niemand machen kann. Wir sind voll auf euch angewiesen. Wir jehten das Unkraut, damit die Beete schoener werden, damit die Leute, die hier vorbeikommen es schoener finden, damit diese vielleicht oefters hierher kommen, damit alles bekannter wird und expandieren kann in seiner Rolle als avantgardistisches Weltmodel" Aha. Da haben wir also den Widerspruch gefunden, der Terra Mirim und die Werbung der Einrichtung entzweit: Es werden Freiwillige (aus dem Ausland!) gerufen, um bei den vielfaeltigen und sehr tollen (!) Projekten mitanzupacken. Gleichzeitig ist man aber "absolut angewiesen" auf deren Hilfe beim Erhalten und inneren Zusammenhalten des Ladens, egal mit welchen Interessen, Staerken und Motivationen diese Menschen in Brasilien landen.
Und das ist so ganz und gar nicht in Ordnung, vor allem, dass ich mir in spaeteren Gespraechen - zu denen wir noch kommen werden - den offenen Vorwurf gefallen lassen musste, Opfer meiner existenzialistischen Motive zu sein. Welch Paradoxie und Demuetigung zugleich! Ein Jahr in Brasilien, fernab der Familie und Freunde, die man vermisst, ohne Lohn, mit Samstagsschichten und all das nicht um hauptsaechlich zu helfen, sondern um davon zu profitieren und sich selbst zu verwirklichen? Natuerlich hat man unglaublich viel davon, man lernt eine neue Sprache und Kultur, eine andere Lebensart kennen, aber im Vordergrund stand von mir urspruenglich ganz klar eine erfolgreiche Arbeit und die Hoffnung, Jugendlichen und Kindern etwas auf den Weg geben zu koennen.
Und selbst wenn es denn so ist, dass mich auch Abenteuerlust und der einfache Wunsch, etwas ganz Neues zu erleben nach Brasilien gelotst haetten - wer kann einem dies veruebeln? Es ist im Grunde genommen die philosophische Grundfrage nach dem Selbsterhaltungstrieb: Kann ich wirklich ein Leben lang selbstlos sein, nur fuer andere bestehen und allen Interessen vor meinen Vorrang lassen? Auch die Menschen in Terra Mirim leben nicht ohne Eigenmotive an diesem Ort, das muss klargestellt sein. Die vielen schamanischen Rituale, Gesaenge, Meditationen, Koch -und Saftkurse, Yogastunden, der ultragesunde Lebensstil, eine "Meisterin" und Mutter fuer alle und auch diese selbst reist gern und viel um die Welt - unverkennbar wichtige Motive, wenn nicht sogar DIE Motive vieler Teilnehmer, an der Gemeinschaft Teil zu haben. Und es ist ja niemandem zu veruebeln, ganz im Gegenteil! Es ist doch voellig in Ordnung und verstaendlich, den Traditionen der Vorfahren und indigenen Voelker dieser Welt zu folgen, gesund im Einklang mit der Natur zu leben, innerlich heilen duerfen, die Welt zu erkunden und sich von der Leistungsgesellschaft abzukoppeln. Und es ist gut so, dass jeder seinen Spass an der Sache hat, den das formt doch gerade eine glueckliche Gesellschaft. Aber eins muss klar sein: in Terra Mirim zu leben, heisst Selbsterfuellung im allerhoechsten Sinne - sich auf eine innere Reise zu machen und daraus Kraft zu schoepfen fuer die anstehenden (moeglichst sozialen) Aufgaben, darin liegt das Kernmotiver fast aller Bewohner. Liebe deinen Naechsten wie dich selbst, heisst es so schoen auch im Christentum. Also dann doch keine 100% bedingungslose Hingabe aller Kraefte fuer das Leben anderer Menschen. Man kann darueber eine philosophische Diskussion entfachen, ob es ueberhaupt moeglich ist, ohne Selbsterhaltungstrieb zu leben? Man wuerde vielleicht bei Jesus Christus als moeglichem Vorbild landen und sich Gedanken darueber machen, ob das Paradies auf Erden somit existieren kann. Ein spannendes Thema in jedem Fall nicht nur fuer Theologen!
Jetzt will ich aber nicht uebermaessig schwallen: die Zeit zwischen September und Februar war, auch aufgrund des Urlaubs um die Weihnachtszeit, sehr ergiebig und lehrreich. Meine Motivation konnte ich immer wieder an bestimmten Punkten zurueckgewinnen. Sei es eine spassige Stunde mit meinen Volleyballmaedels, das dreitaegige EcoArtfestival, der langsam einsetzende Englischunterricht mit unserer einen Schuelerin (dieses Jahr werden es wohl mehr sein!), die Jugendgruppe - eine wirklich tolle Initiative mit viel Potenzial, welche Freude auf mehr macht -, die "Demonstration", bei der Dilan und ich durchs Dorf gingen und Flugblaetter verteilten, die Fortschritte beim Sprechen, das Finden von Freunden ausserhalb, die Ausfluege zu Straenden, nach Salvador.
Aber an manchen Tagen zog es mich doch ziemlich tief runter, dieses Gefuehl, den Zweck zu verfehlen. Vielleicht in diesem Fall speziell durch den Kontrast zur grossen Reise mit meiner Mutter hervorgerufen, so waren einige Arbeitsttage des Januars und Februars mehr frust-, als lustreich. Das lag auch mit Sicherheit daran, dass die Oekologische Schule nun zu allem Ueberfluss auch noch Sommerferien hatte, die zwei fixen Schichten also vorruebergehend wegfielen. Anstatt nach abwechslungsreichen Alternativen zu suchen, bedeutete dies aber nur: noch mehr Rezeption fuer Dilan (bis zu 7 von 11 Schichten) bzw. Blaetterfegen/Beete pflegen fuer mich. Und das, obwohl wir wiederholt zu verstehen gegeben haben, dass wir uns als Projektarbeiter sehen und nicht als Diener der Gemeinschaft.
Ein wahrer Durst nach sozialer Verantwortung liess mich in der sommerlichen Trockenzeit Bahias schmachten.
Teil 1: Zwischen Tucanen, Strandparadies und Krokodilen
Teil 2: Wo Licht ist, ist auch Schatten
Teil 3: Metropolis
Teil 4: Wochen des Wandels?
Dienstag, 30. März 2010
Mittwoch, 24. März 2010
Kapitel 4 - Teil 1: Zwischen Tucanen, Strandparadies und Krokodilen
Hallo erstmal, ich weiss gar nicht, ob sie`s wussten, aber neulich war ich im Urlaub.
Die vergangenen Wochen und Monate stecken voller Begebenheiten. Selten habe ich in meinem Leben eigene Freude, Glueck, Trauer und Wut dermassen real miteinander verschmolzen erlebt. Zum Zerreissen war es manchmal. Und dann wieder einfach traumhaft. Einige Zeit habe ich damit verbracht, das vergangene halbe Jahr zu reflektieren und aufzuarbeiten. Im Kreise einiger Arbeitskollegen gelte ich womoeglich auch deswegen als vertraeumter und zerrueckgezogener Mensch. Hatte ich bis zu meiner Ankunft in Brasilien noch mit vielen Mitgenossen ueber "Carpe Diem" philosophiert - die Kunst, das Hier und Jetzt zu geniessen und zu fuellen -, so stellte ich fest, dass dies leider oft leichter gepredigt als gelebt ist.
Entfaltungsgrenzen zu spueren ist eine bittere Sache, aber so lernt man seine Anpassungsfaehigkeit und Improvisationstalente kennen. Dass die naechsten sechs Monate anders sein sollen als die zurueckliegenden, steht fuer mich fest. Und dennoch habe ich unglaubliche Bilder in meinem Kopf, die nahe an meine Vorstellungen vom Paradies heranreichen: die kilometerlangen Wasserfaelle bei Iguacu - "in einem Land vor unserer Zeit" -, gelblich leuchtende Krokodilaugen bei sternenklarer Nacht auf einem See im groessten Sumpf der Welt, vor Glueck strahlende Gesichter beim Singen, Tanzen, Capoeira, Meeresbaden, Fluesse aus Gold (oder, je nach Ansicht, bierfarben)...
Beginnen moechte ich mit diesem Rueckblick an jener Stelle, an der ich vor Weihnachten aufgehoert hatte, zu schreiben.
Am Heiligabend kam meine Mutter hier in Brasilien an. Knapp zwei Wochen sollten wir uns gemeinsam auf zu Abenteuern machen, dabei zuerst Salvador -, dann Iguacu am Argentinisch-Brasilianisch-Paraguayanischen Dreilaendereck besuchen und letztendlich in Mato Grosso das Pantanal kennenlernen.
Wir beschlossen, Weihnachten in Terra Mirim zu verbringen, im Kreise meiner Arbeitskollegen. Dieses Weihnachtsfest sollte ein wenig anders verlaufen, als man es normalerweise gewoehnt ist. Zuerst einmal die Temperatur - 35 Grad an Heiligabend! Da wundert es wenig, dass der Weihnachtsbaum von einem Aluminium-Plastik-Imitat ersetzt wurde. Auch mit der familiaeren, kuscheligen Atmosphaere war es eher wenig in Einklang zu bringen. So feierten wir etwa mit 30 Leuten (hauptsaechlich Alba Marias Familie und andere Mitbewohner Terra Mirims) im grossen "Haus der Kuenste", wo normalerweise Theatervorfuehrungen oder Aehnliches vor einem Publikum fuer bis zu 150 Leute ablaeuft. Aus einem kleinen und engen Kreis wurde also ein grosses und weites Quadrat.
Die Einleitung des Weihnachtsabends mit schamanischen Mantras haben meine Mutter und ich verpasst, kamen wir doch etwas spaet aus Salvador zurueck. Danach durfte eine Schnitzeljagd ueber das Gelaende von Terra Mirim nicht fehlen, bei der alle Teilnehmer am gemuetlichen Fest der Liebe in drei Gruppen eingeteilt wurden, die schliesslich im Dunkeln durch die Gegend rannten, um Zettelchen einzusammeln und die verschiedenen Sammelpunkte abzuklappern.
Anschliessend wurde im grossen Sahl eine kleine Leinwand aufgestellt. Mit Hilfe eines Beamers durften sich alle eine Folge einer japanischen Zeichentricksendung (auf Portugiesisch) ansehen. Die hatte recht wenig, besser gesagt gar nichts, Weihnachtliches an sich. Dennoch liessen es sich die Verantwortlichen der Einrichtung Terra Mirim vor dem Vorspielen der tiefgruendigen und hochaufwendig produzierten Serie nicht nehmen, zu erklaeren, dass es um Energien in jedem Einzelnen ginge, um Weisheit und Willenskraft. Abgesehen davon, dass wir Deutschen den schwerverstaendlichen Text nicht aufnehmen konnten, empfanden wir es eher als RTL-II Nachmittagsprogramm fuer Kinder, denen es die Eltern nicht verbieten, fern zu sehen. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser ja noch an Serien wie "Pokemon" und kann sich dadurch einen weihnachtlichen Vergleich ermoeglichen. Aber dann sollte der Abend lustig-froehlich weitergehen. Ein Dunkeltanz-Wettbewerb mit Kerzen wurde veranstaltet (bis auf Mutti tanzten alle) und die weihnachtliche Kaminfeueratmosphaere ward nun perfekt.
Bereit also zur Bescherung: jeder hatte im Vorfeld einen "Wichtelfreund" per Los gezogen und musste diesem ein Geschenk organisieren. Jedoch wurde das Geschenk nicht bloss ueberreicht, sondern der Empfaenger wurde in einem Gedicht, mit einer Schauspieleinlage, ueber Standbilder oder sonstige Moeglichkeiten praesentiert.
So wurde fuer mich ein Capoeirarythmus getrommelt und mir feierlich mein heiss ersehntes Capoeiratrainingsbuch ueberreicht.
Dann war das eigentliche Fest auch schon vorbei und man verbrachte noch z.T. ein wenig Zeit an einem kleinen Feuerchen, sprach miteinander, ich hatte dazu mit meiner Mutter bis zu diesem Zeitpunkt ja kaum Gelegenheit gehabt, waehrend die handvoll brasilianischen Jugendlichen zurueck zum Computer eilten und Counter Strike - "Isch baller disch weg, Bumm, Knall, Blut, Gewalt..." - spielten.
Fazit: Eine interessante und neue Erfahrung, die sich auf jeden Fall gelohnt hat. Weihnachten im Kreise der Familie, am Kamin, am echten Weihnachtsbaum, mit Weihnachtsliedern und Eiseskaelte draussen ist aber fuer mich allemal weihnachtlicher, auch gehoert ein Weihnachtsmarkt mit seinem duftenden Crêpes -und Gluehweinstaenden dazu, sowie das gute alte Weihnachtskarussel und vielleicht auch eine Schlittschuhbahn. In meinen Augen konnte man dieses Weihnachtsfest schon als merkwuerdig bezeichnen, vielleicht bin ich aber auch in diesem Fall einfach nur ein Spiesser.
Aber Heiligabend hatte ja auch noch was ganz Anderes zu bieten: er sollte den Beginn meines "Mutterschaftsurlaubs" einleiten! Die naechsten drei Tage wohnten meine Mutter und ich in einem sehr schicken Hotel in Salvador. Zum ersten Mal seit 4 Monaten hatte ich an diesen Tagen mal wieder ein richtiges Bett unter meinem Ruecken. Mit einer richtigen Matratze, bei der man beim sich Drauflegen nicht sofort die festgeschraubte Holzplatte spuehrt. Und dann dieses schicke kleine Bad, mit einer verlaesslich funktionierenden (Warmwasser-)Dusche und die Groesse des Zimmers! Die ca. 7m² meines Terra Mirim-Zimmers waren - gefuehlt - schon alleine vom Hotelbett geschlagen und es blieb trotzdem derart viel befreiender Platz. Und ein Balkon im 10. Stock mit Meerblick zum Sonnenaufgang durfte bei diesem "Luxus" natuerlich auch nicht fehlen.
Aber kommen wir einmal endlich zum eigentlichen Urlaub und lassen wir die durch die neue Raumkonstellation zustande gekommenen persoenlichen Gluecksmomente aussen vor.
Da haben wir also in drei Tagen:
- eine Inselrundfahrt mit viel Sonne, Fruechten und froehlich-heiterem bahianischem Temperament auf einer Schaluppe unternommen
- die Meeresschildkroetenstation am Praia do Forte besucht
- ein naechtliches afro-brasilianisches Livekonzert im Pelourinho erlebt
Dieses hat meiner Mutter sehr sehr gut gefallen, welche daraufhin unbedingt dem Saenger ohne Portugiesisch zu erklaeren versuchte, wie wahnsinnige toll es denn war. Der fand das auch recht amuesant und liess sich gerne auf einen netten Smalltalk ein. Aufgrund des Ursprungs der Band (Olodum) aus einem Strassenkinderprojekt, der guten Musik und dem netten Saenger, ist diese Trommelgruppe nun um einen deutschen Fan reicher geworden!
Aber wie es nun einmal so ist: ein so riesiges Land wie Brasilien verfuegt ueber weit mehr Waldflaechen, Riesenfluesse und sonstige Gebiete, als es einer europaeischen Vorstellungskraft vielleicht moeglich ist, sich auszumalen. Man stelle sich vor, ein Deutscher erzaehlt einem Brasilianer vom nicht kleinen Odenwald und seinen vielen schoenen Wanderwegen. Da kann der Brasilianer ja eigentlich gar nicht anders als schmunzeln: einige Nationalparks wie z.B. spezielle Indianer-Reservate koennen doppelt so gross wie Baden-Wuerttemberg sein. Das Pantanal, ein riesiges Sumpfgebiet - da sollten wir ja auch noch durchreisen - hat eine aehnlich grosse Flaeche wie Westdeutschland. Von Konstanz bis Flensburg, von Aachen bis ins Harz: Sumpf, Seen, Grassflaechen. Unvorstellbar.
Unvorstellbar auch die Hitze, die uns beim Ausstieg aus dem Flugzeug in Iguacu erwartete. Dachte ich, durch die bahianischen Temperaturen bereits ein UV-trainiertes, sonnenresistentes Wesen geworden zu sein, so musste ich mir angesichts der 40 Grad bei gefuehlten 99 Prozent Luftfeuchtigkeit eingestehen, dass es dazu noch weit war, womoeglich unerreichbar fuer einen europaeischen Gringo wie mich. Aber dieses unglaubliche regionale Klima hat womoeglich auch erst diese grosse Vielfalt an Flora und Fauna im Gebiet von Iguacu ermoeglicht, die meine Mutter und ich nun bestaunen durften.
Da kamen wir also vormittags in unserem Hotel an und sahen schon an einigen Blumenbeeten und Straeuchern, was fuer ein buntes und flatterndes Feuerwerk die Blueten umschwirrte. Riesige Schmetterlinge (bis zu 30cm Spannbreite!) in allen moeglichen Farben flogen umher, saugten mit ihren langen Ruesseln am Nektar, liessen sich treiben im Wind. Atemberaubend ist das wirklich - muss man gesehen haben! Und der grosse Baum ueber dem Eingangsportal war Herberge dutzender Vogelnester, die in ihrer eigentuemlichen Art unter den Aesten hingen. Das weckte uns etwas uebermuedete Gemueter recht schnell wieder auf und als unsere deutschsprachige Fuehrerin uns direkt bei der Ankunft im Hotel mitteilte, dass es noch an diesem Tag zur brasilianischen Seite der groessten Wasserfaelle der Welt (Cataratas de Iguacu) gehen wuerde, war auch das letzte Koernchen Schlaf aus den Augen gerieben und der volle Elan zurueckgekehrt.
Erstmal musste jedoch das Hotel bezogen werden, eine aufgrund organisatorischer Probleme im Vorfeld nicht ganz einfache Angelegenheit. Und dann roch das zu beziehende Zimmer auch noch streng urinoes, ein Zimmertausch war die Folge, bei dem es zumindest nur aus dem Kleiderschrank aehnlich duftete, aber den konnte man gluecklicherweise ja schliessen. Es ist eben nicht immer alles so geordnet in Suedamerika. Dann war die Hektik endlich vorbei und meine etwas aufgebrachte Mutter auch schon wieder am Runterkuehlen, Sonnencreme wurde dick aufgetragen - und ab gings zum nahegelegenen Eingang des brasilianischen Nationalparks, der sich am Rande der Wasserfaelle erstreckt.
Dank unserer deutschen Fuehrerin, die in einer suedbrasilianischen Auswandererkolonie aus dem Hunsrueck aufgewachsen war (die haben sogar ein Oktoberfest in Brasilien aufgemacht!), durften wir schon auf dem Hinweg einige Informationen zu den Wasserfaellen und dem ansaessigen Regenwaldgebiet sammeln und uns gleichzeitig an der Riesenwarteschlange vorbeidraengeln.
Die groessten Wasserfaelle der Welt - Niagara-Faelle sind ein Klacks dagegen -, die groesste Vielfalt an Baeumen auf der Welt, noch heute Rueckzugsgebiet fuer Jaguare, Riesenottern, Aras, Tucane, Papageien, Riesenspinnen, Nasenbaeren, Riesenschmetterlinge und, und, und. Da kam man schon im Vorraus ziemlich ins Staunen und als wir nach und nach immer deutlicher den Klang des stuerzenden Wassers des Rio Iguacu zu hoeren begannen und die Luft noch feuchter wurde (da wird man wirklich nass), hielt sich die Vorfreude kaum noch in Grenzen. Dann oeffnet sich hinter einer Biegung schliesslich der dichte, dunkelgruene Baumvorhang und es bietet sich einem ein unglaublicher Anblick.
Es eroeffnet sich einem eine Sicht hinweg ueber ein tief ausgeschnittenes Flusstal, auf der anderen Seite rauschen auf einer kilometerlangen, geschwungenen Wand in unregelmaessigen Abstaenden kleine, grosse und sehr grosse Wassermassen hinunter, treffen unten auf Fels und Wasser, werden zu Nebel und huellen die ueppigen Regenwaldbaeume, Lianen und Voegelschwaerme am unteren Ende in einen undurchsehbaren, durch sich bildende und verschwindende Regenboegen heiteren, hellgrauen Schleier.
Atemberaubend sieht das aus und man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr weg. Ich fuehlte mich versetzt in einen dieser Dinosaurierfilme ("In einem Land vor unserer Zeit"), die ich frueher gerne geguckt habe. Da wurden solche Landschaften aber mit dem Computer erstellt und das hier war nun ploetzlich so unrealistisch real. Wie in einer anderen Zeit fuehlt man sich ploetzlich, so klein im ewigen Kreislauf der Dinge. Und auch die Tatsache, dass das Wasser aus Argentinien nach Brasilien faellt, ist irgendwie belustigend.
Ueberall diese Schmetterlinge! Vier, fuenf setzen sich auf eine Hand und lassen sich forttragen, waehrrend sie mit ihrem kitzligen Ruesselchen das Salz von der menschlichen Haut abschluerfen. Orchideen schlagen ihre Luftwurzeln in alle Richtungen, ein Hoellenlaerm kommt von den Baeumen, an denen die Zigarden im Schreien wetteifern, hier eine Hoehle einer Vogelspinne, dort ein etwa ein Meter langer Nasenbaer, der seine Scheue gegenueber Menschen scheinbar voellig verloren zu haben scheint. Es ist ein Paradiesgarten, durch den wir da spazierten. Entlang auf der gegenueberliegenden Seite der Wasserfaelle durch den Atlantischen Regenwald.
Der Nationalpark von Iguacu ist eines der groessten noch existierenden Gebiete des Atlantischen Regenwaldes und man muss hoffen, dass nicht auch er irgendwann dem Flaechenbedarf von Milliarden Menschen auf dieser Erde zum Opfer faellt.
Eine ganze Weile spazierten wir also auf der brasilianischen Seite, ohne dass die lebendige Mauer aus Wasser aus Argentinien Enden wollte. Bis wir letztendlich in einer Art Trichterschlucht ankamen, der sogenannten "Garganta do diabo" (Teufelsschlund). Wahnsinnigerweise fuehrt ein von Menschen erbauter Weg zu einer Plattform, die inmitten dieser gigantischen Flut von allen Seiten steht. Links, rechts, hinten, oben, unten - ueberall rauschendes Wasser. In einem Land vor unserer Zeit!
Die Klamotten warfen wir unserer Fuehrerin zu und kurzerhand ging es auf die Plattform, wo man vom Nebel der donnernden Wassermassen eingehuellt und geduscht wird. Ich schwoere: so eine Dusche baue ich mir spaeter einmal in mein Traumhaus: auf 10m² mit 360 Grad-Funktion, Vogelgezwitscher -und Wasserrauschenlautsprechern, original brasilianischem Naturstein, Tag -und Nacht- und Vollmondmodus mit kuenstlichem Sternenhimmel, sowie nicht zu vergessen Plastiklianen zum nackigen, duschenden Tarzanschwingen! Deshalb wollte ich schon immer Architekt werden.
Am naechsten Tag sollte das Erlebnis nicht minder schoen ausfallen: es ging nun auf die argentinische Seite der Faelle, also auf jene, wo man von oben dem herunterstuerzenden Wasser hinterher blicken kann. Der Nationalpark bestach durch einen offenen Bimmelzug, der den Weg vom Eingang zu den eigentlichen Wasserfaellen gut ueberbrueckt. Schoener ist dies in jedem Fall als die brasilianische Variante, bei der man die paar Kilometer pflichtweise entweder mit dem Auto oder einem Reisebus zurueck legen muss.
Mit der Urwald-Lok ging es direkt – wir waren die erste Gruppe an diesem Morgen – zur Garganta do Diabo. An jenem Tag durch Touristen fast noch unbesucht, liefen wir ein Stueck von der Endstation des Zuges auf einer Bruecke ueber den von gruen-bewachsenen Inselchen und Untiefen durchzogen, aber dafuer unglaublich breiten Iguacu-Fluss, bis wir dieses Mal auf einer Plattform zum Stehen kamen, die nun oben, am Rande des Teufels-Abgrunds steht.
Auch hier packt einen ein leichtes Kribbeln wenn man dem Wasser hinterherschaut, dass sich von allen Richtungen in diesen riesigen Trichter ergiesst. Die Leute auf der brasilianischen Seite, die wie wir am Vortag eine Dusche auf dem unteren Vorsprung der Wasserfaelle nahmen, konnte man von oben nicht sehen. Denn ab ca. 50 Metern Tiefe kommt auch von unten Wasser nach oben gestroemt, naemlich in Form eines Nebelvorhangs, der durch den Aufprall des schweren H2Os auf dem harten Stein aufsteigt. Es ist schon ein etwas anderes Gefuehl, dem Wasser hinterherzublicken, als den Panoramablick auf der Brasilienseite zu geniessen.
Und als waere das nicht schon genug gewesen, unternahmen wir an diesem leicht verregneten, aber deshalb nicht unangenehmen Nachmittag, noch einen Ausflug zum Itaipú. Itaipú, das ist nichts Geringeres als das groesste Kraftwerk dieser Erde. Ein paar Zahlen muss man sich dazu einmal auf der Zunge zergehen lassen: der Stausee hinter diesem Wasserkraftwerk ist doppelt so gross wie der Bodensee, die Stromleistung ist ca. sechs mal groesser, als jene des im Jahre 2006 staerksten Kernkraftwerks dieser Welt und immernoch groesser als jene des Drei-Schluchten-Damms in China, der Bau kostete 16,6 Milliarden Dollar, vom Beginn des Baus bis zur vollstaendigen Inbetriebname des Stauwerks vergingen nicht weniger als 32 Jahre, zum Bau wurden 12,57 Kubikhektar (kann man mit so einer Einheit etwas anfangen? 1 Kubikhektar ist ein Wuerfel mit den Kantenlaengen 100 x 100 x 100 Meter) Beton verwendet, die nahe gelegene Stadt Foz do Iguaçu mit ihren 300.000 Einwohner wurde alleine aus dem Grund Unterbringung der Arbeiter aus dem Boden gestampft und zu Zeiten der Inbetriebnahme versorgte das Kraftwerk ganz Paraguay, sowie ein Viertel der Energienachfrage Brasiliens.
Alle diese Fakten sprechen fuer sich und es war interessant, bei der kleinen Doppeldeckerbusrundfahrt auf der etwa 8 Kilometer langen Staumauer mit solchen Informationen versorgt zu werden. Was alles moeglichst ist, was Menschenhaende alles fertig bringen koennen, beeindruckte uns beide nicht wenig.
Allerdings wurde natuerlich von den Betreibern der Touri-Fahrt, die gleichzeitig mit den Kraftwerksbetreibern unter einer Decke stecken, nicht unbedingt hervorgehoben, dass fuer den Bau 40.000 Menschen – vorzugsweise Indianer – zwangsumgesiedelt werden mussten, bevor ihre urspruenglichen Jagdgruende im Atlantischen Regenwald fuer immer in den Fluten des Stausees versanken.
Versunken sind damit auch die sogenannten Wasserfaelle von „Sete Quadas“, in ihrer Dimension den Iguaçu-Faellen wohl ebenbuertig. So bleibt schon ein Geschmaeckle nach dieser Tour bei uns zurueck und man koennte viel darueber diskutieren: Ist es vertretbar, ein Projekt mit derartigen Folgen fuer Mensch und Umwelt zu realisieren, wenn stattdessen keine Kohle –und Atomkraftwerke gebaut werden muessen, deren langfristige Verschmutzungsprobleme fuer alle Erdlinge womoeglich noch viel schlimmer ausfallen? Zeit fuer Philosophie!
Ein anstrengender, aber gleichzeitig atemberaubender und sehr interessanter Tag war zu Ende gegangen. Halt – noch nicht ganz! Am recht ueppigen Abendbuffet bedienten wir uns nicht unbedingt zurueckhaltend und verspeisten koestlichste Gerichte, die, da wir uns ja in Suedbrasilien aufhielten, mehr an die heimische Kueche erinnern als in Bahia. Mit richtigem Koernerbrot, Kartoffelsalat, Tomate und Mozzarela-Schnittis und soweiter. Gleichzeitig gab es live Gaucho-Musik im Paraná-Stil geboten und die Kellner sahen irgendwie alle lustig aus mit ihren roten Halstuechern und den ganz flachen Cowboyhueten. Ganz so lustig ging es mir dann allerdings einige Stunden spaeter nicht mehr.
Da muss den Herren Koechen wohl ein kleines Maloerchen bei irgend einer Sossenzubereitung passiert sein. Mein Magen drehte sich im Kreis und liess mich erzittern, der Gang zur Toilette wurde fuer die folgenden 24 Stunden zum Routineritual im Fuenfminutentakt. Und als haetten wir uns abgesprochen, so knuepfte meine Mutter nahtlos an meine Taetigkeiten an, nachdem bei mir nach vielen Stunden zumindest Cola und Elektrolytloesung so langsam wieder drinn bleiben wollten. So verbrachten wir beide unsere Neujahrswende – schlafend, rueckwaertstrinkend.
Und dann war der kurze Aufenthalt auch schon vorrueber und ab gings ins Flugzeug, weiter nach Cuiabá, der Hauptstadt von Mato Grosso. Diese liegt ein paar hundert Kilometer oestlich der Grenze zu Bolivien, also im aeussersten Mittelwesten Brasiliens und gleichzeitig an der Nordspitze des groessten Feuchtgebiets der Welt: dem Pantanal.
Mehr als 650 Vogelarten – das sind mehr als es in ganz Europa zusammen gibt -, Jaguare, Pumas, Kaimane, Hyazinth-Aras, Wasserschweine, Piranhas, Riesenottern, Riesenstoerche, Ameisenbaeren, Tapire, Fischerbussarde, Koenigsgeier, man koennte stundenlang fortfahren mit der Aufzaehlung der Arten, die das Gebiet beherbergt, das in seiner Fauna mit Sicherheit eines der vielfaeltigsten Oekosystem der Welt ist.
Da ueberkam meine Mutter schon einmal der Schlaf. Damit war es dann allerdings vorbei, nachdem wir nach einem kurzen Imbiss bei einer sehr netten bekannten Familie Pedros Halt gemacht hatten. Denn dieses Dorf war der letzte zivilisierte Vorposten vor dem Eingang ins Pantanal. Und sobald wir uns, gut mit Anti-Muecke eingecremt, auf die Transpantaneira machten, eine alte Schotterpiste aus Militaerzeiten, wackelte das Auto so stark hin und her, dass an ein Nickerchen nicht mehr zu denken war.
Diese „Strasse“, die ca. 50 Kilometer tief ins Pantanal hineinrakt hat uebrigens eine lustige Geschichte. Im Uebermut der Militaerdiktatur-Jahre visionierte man ueber das irrsinnige Projekt, eine Strasse durch das Pantanal hindurch zu bauen. Nur vergassen die Herren Generaele beim aberwitzigen Planen zu bedenken, dass zur Regenzeit ungefaehr zwei Drittel des Pantanals unter Wasser liegen. Als man das feststellte, hatte man allerdings schon mit den Bauarbeiten begonnen. Kurzerhand beliess man es dann dabei, die lediglich mit Schotter und Erde aufgeschuettete Piste so zu lassen, wie sie zu diesem Zeitpunkt war. Und heute dient sie Hauptverkehrsader fuer Touristen. Das heisst allerdings nicht, dass es von auslaendischen Abenteurern wimmelt, im Gegenteil. Die Strasse ist groesstenteils wie ausgestorben und zur Linken und Rechten erstreckt sich nach einigen Kilometern Viehweide schliesslich das freie und unberuehrte Sumpfgebiet.
Und so fuhren wir nun also dahin auf dieser einsamen, durch die eisensalzhaltige Erde rotgefaerbte Piste. Aufgrund der Fahrbahneigenschaften haben wir fuer die nur 20 Kilometer etwa anderthalb Stunden gebraucht, dafuer aber dabei schon jede Menge gesehen. Gluecklicherweise kann Pedro sowohl die brasilianischen, als auch die deutschen Namen der Tiere allesamt auswendig (Englisch kommt bald!) und so hielten wir immer wieder an, um Eisvoegel (Vogel des Jahres 2009), Fischreiher, Falken, Sumpfhirsche oder Kaimane zu bestaunen.
Kaimane, ja diese Krokodile sehen auf den ersten Blick ziemlich furchteinfloessend aus. Ein Riesenmaul mit Zaehnen am anderen Ende, sowie die Haltung, in der die Tiere im Wasser liegen tun dazu ihr Uebriges. Denn zu sehen sind im Wasser eigentlich nur die zwei Nasenloecher, sowie die stechenden und suchenden Augen dieser Reptilien. Stundenlang koennen sie so bewegungslos im Wasser verharren, um dann schlagartig mit einem grossen "Happs" einen vorbeischwimmenden Fisch runterzuschlucken.
Bis in die 60er Jahre wurden die Brillenkaimanbestaende im Pantanal kontinuierlich vom Menschen dezimiert. Eine schoene Krokodilhandtasche war in Europa guenstig zu haben. In dieser Hinsicht ist die Lage heute deutlich entspannter, geschaetzte 35 Millionen Kaimanen bevoelkern nun wieder das Pantanal und werden deutlich besser geschuetzt.
Dennoch floriert der illegale Tierhandel bei anderen Arten nach wie vor. Die Jaguarpopulation erholt sich nur langsam, genauso finden Hyazinth-Aras und andere sehr seltene Voegel immer noch auslaendische Abehmer, die bereit sind, viel Geld dafuer auf den Tisch zu legen. Eine Schande ist das. Aber wir koennen da nur bei uns selbst anfangen: Auf dass wir niemals Jaguarpelze kaufen moegen und jeden, der die Dreistigkeit hat, derartiges zu tragen oder vom Aussterben bedrohte Arten in irgend einer Form hortet, zur Rede stellen, notfalls auch etwas haerter als erlaubt. Und wer so etwas in Geschaeften vorfinden sollte, hat das Recht mit Verweiss auf das Washingtoner Artenschutzabkommen Anzeige zu erstatten und sollte davon auch Gebrauch machen!
Wenn dies aber nur die einzige Bedrohung des Pantanals waere. Viel groessere Bedrohungen kommen durch Industrie und Landwirtschaft auf dieses Gebiet zu. Schaetzungen zufolge, wird bereits 2050 nichts mehr von der Biodiversitaet und urtuemlichen Flaeche des Pantanals uebrig bleiben, wenn die Zerstoerung weiter in diesem Masse fortschreitet.
Illegaler Holzeinschlag und Brandrodungen haben schon 17 Prozent des Gebiets unwiderruflich Platt gemacht. 17 Prozent der Flaeche der ehemaligen Bundesrepublik, das ist wohl in etwa soviel wie der Baumbestand von Schwarzwald, Schwaebischer Alb und Odenwald zusammen.
Sojaplantagen und Viehhaltung sorgen ihrerseits fuer die Unnutzbarmachung des Bodens, der schon nach einigen Jahren naehrstoffarm wird, da derartige, monokulturelle Landwirtschaft seine Degradation unglaublich schnell befoerdert. Nach ein paar Jahren sind also die Farmer stets gezwungen, neue Flaechen abzubrennen und weiterzuziehen.
An den Randgebieten des Pantanals ansiedelnde Grossindustrien tun auch noch ihr Uebriges dazu, die Zerstoerung dieser einzigartigen Landschaft voran zu treiben. Dazu zaehlen vor allem die Produktionsstaetten von Bioethanol, also jene, die Zuckerrohr in Fahrzeugtreibstoff umwandeln. Bei diesen Prozessschritten enstehen hochgiftige chemische Verbindungen, die ungeklaert in die Flusssysteme des Pantanals eingeleitet werden. Natuerlich sterben dadurch die Fische, absolute Nahrungsgrundlage und Basis der Nahrungspyramide des gesamten Oekosystems.
Und auch die Zeit der Goldgraeber ist nicht, wie vermutet, im 19. Jahrhundert vorbeigegangen, sondern haelt auch heute in dieser Region bedrohlichen Einzug. Mit riesigen Maschinen graben diese Menschen ganze Gebiete um und waschen die Goldverbindungen mittels des Gebrauchs von Quecksilber und Amalgamverbindungen aus dem Gestein. Dass Quecksilber sehr toxisch ist, wissen wir alle, denn nur deshalb wurden Quecksilberthermometer damals abgeschafft - aus Gruenden der Gesundheitsgefaerdung fuer den Menschen. Und diese chemischen Abfaelle landen nun im Grundwasser des Sumpfgebiets und verrichten dort ihr furchtbares Werk, die schleichende Infiltrierung des Nahrungsnetzes und Vergiftung der Tier -und Pflanzenarten.
Das Mass an Verantwortung, dass wir Menschen uns in Bezug auf unsere Natur auferlegen, ist, wenn ueberhaupt, minimal. Wir vergessen zu oft, dass auch wir Tiere sind, die auf unsere Umwelt angewiesen sind. Muss es denn immer erst zur absoluten Oekokatastrophe kommen, bis der Mensch Einhalt gebaehrt? Das ist schlichtweg ein trauriges Kapitel Geschichte und man kann nur hoffen, dass es irgendwann zur Umkehr kommt. Und zwar bevor wir merken, dass unsere eigene Gesundheit unter den Umstaenden leidet - Vogelgrippe, BSE und Antibiotika-Fisch sind doch erst der Anfang des "Rueckschlags der Natur", den wir selbst provoziert haben, das kann man meiner Meinung nach nicht leugnen.
Nach dieser kleinen Abschweifung wollen wir uns aber wieder der Reise widmen. Angekommen in unserer mitten im offenen Dschungel gelegenen Pousada, wurden wir sogleich mit unseren Ausflugsmoeglichkeiten vertraut gemacht. Ausritte durchs Gelaende, Tag -und Nachttouren auf einem kleinen Ruderboot, Safaris mit dem VW, Spaziergaenge, sowie Piranhafischen - alle diese Angebote sollten wir in den folgenden vier Tagen wahrnehmen, man kommt ja schliesslich nicht alle Tage am Ende der Welt vorbei.
Es folgten sehr entspannte und gleichzeitig aufregende Ausfluege durch die (noch) intakten Gebiete dieser Welt. Im Detail moechte ich jetzt nicht jede Einzelheit aufzaehlen, aber es gibt drei Dinge, die Dank ihrer Originalitaet auf jeden Fall erzaehlt werden muessen.
Da waere zum Einen das Piranhafischen. Recht frueh am Morgen machten wir uns auf zu einem etwas groesseren See in der Naehe. Mit im Gepaeck ein kleines Eimerchen mit Rindfleischstuecken, sowie zwei Bambusangeln mit spitzen Haken. Da im Januar noch Regensaison im Pantanal ist, wussten wir schon im Vorraus, dass es nicht allzu leicht werden sollte, eines dieser fleischfressenden Suesswassermonsterchen an die Leine zu bekommen. Denn in der Regenzeit dehnen sich Fluesse und Seen derartig aus, dass sich eine riesige zusammenhaenge Gewaesserflaeche ueber der Grasslandschaft ausbreitet.
Somit koennen sich die Fische gut vermehren, da es ein grosses Nahrungsangebot fuer sie gibt und weniger Konkurrenz aus den eigenen Reihen zu befuerchten ist. Zur Trockenzeit sieht die Sache dann aber schon ein wenig anders aus. Aufgrund der ungemein heissen Temperaturen verdunstet dann das Wasser schnell und weicht auf die urspruenglichen Seen und Fluesse zurueck. Jedoch bleiben dann auch immer vereinzelte Miniseen ueber die Landschaft verstreut uebrig, in denen sich die Fische versammeln, die nicht rechtzeitig den Weg zurueck in einen Fluss gefunden haben, bevor sie vom Festland abgeschnitten wurden. Ihnen steht hoechstwahrscheinlich kein Tod durch Altersschwaeche vor, werden sie doch entweder durch die verdunstenden Pfuetzen irgendwann qualvoll vertrocknen, an Nahrungsmangel sterben (durch die Mitkonkurrenten), oder aber von den Horden anderer, groesserer Tiere - vor allem der Kaimane - erbarmungslos verspeist, die sich in der Trockenzeit so richtig satt fressen koennen. Und das im Verbund zu 35.000.000 Tieren, die pro Tag bis zu sechs Kilo Fisch "einatmen" koennen.
Es sollte also leider nicht allzu leicht sein, einen Piranha im grossen See zu fangen, den wir nun aufsuchten. Bis schliesslich nach einigen Minuten meine mit Rindfleischkoeder bestueckte Angel fuer einen Bruchteil einer Sekunde aufzitterte. Ich zog sofort daran und stellte erstaunt fest: das Fleisch war weg! Schnell einen weiteren Koeder aufgesetzt, Angel reingehalten, Zittern, Angel raushalten, wieder weg! Der Piranha schien gefallen an dem Spiel mit mir zu haben, doch hatte er die Rechnung ohne unseren Guide gemacht, der auf der anderen Seite des Bootes seelenruhig seine Angel auswarf. Der hatte sich ueber Jahrzehnte langes Training eine sehr schnelle Reaktionsfaehigkeit angeeignet und wuchtete dann urploetzlich den nun nicht mehr so schlau drein schauenden Piranha an Bord.
Meine Mutter und ich waren davon nicht so begeistert, sei es wegen diesem ekligen Gezappel, oder aber eher durch dieses Riesengebiss, dass sich vor uns entbloesste. 40% vom Koerper ist Beissapparat und die Zaehne sind spitz wie jene eines uebergrossen Brotmessers. Schauderhaft, sich vorzustellen, dass die meisten Brasilianer keine Hemmungen haben, in solchen Gebieten baden zu gehen. Abgesehen von den anderen spitzzaehnigen Kreaturen, die da im trueben Wasser ihren Jagdtrieben nachgehen wie z.B. Wasserschlangen, von denen wir eine etwa 3 Meter lange einmal mit ein wenig Abstand ueber die Wasseroberflaeche rasen - ja, wirklich: wie ein ferngesteuertes Motorboot fuer Kinder! - sehen konnten. Nun gut, jetzt haben wir also ein Foto von einem Piranha in unserem Repertoire und vielleicht auch eine Geschenkidee fuer den naechsten Geburtstag unserer Freunde mit dem Aquarium.
Ein anderes Intermezzo ergab sich auf einem Aussichtsturm in einem kleinen Waeldchen, auf den wir abenteuerlustig und mit Feldstecher bewaffnet hinaufstiegen. Oben angekommen wurden wir jedoch schon von ein paar Freunden erwartet, mit denen wir so nicht gerechnet hatten. Eine Affenfamilie machte es sich in der Sonne bequem, stopfte sich im Liegen Fruechte und Blaetter in die Muender, sprang gelegentlich in den Nachbarbaeumen umher und schien absolut keine Scheue vor uns Menschen zu haben. Fuer die, die es genau nehmen, es waren Bruellaffen, die groesste im Pantanal vorkommende Art, wenngleich ein ausgewachsenes Tier einem Mensch lediglich bis zu den Knien reicht.
Mit grosser Kulleraugen wurde man genaustens begutachtet. Diese Affen kamen auch nicht auf die Idee, uns mit ihren Exkrementen zu bewerfen, wie es ja schon so manchem Besucher im Heidelberger Zoo ergangen ist. Nein, es waren aeusserst friedliche Erfahrungen, vielleicht sogar schon zu friedlich. Fuer einen ausgebufften Wilderer gaebe es nichts Leichteres, als sich derart vertrauender Geschoepfe Herr zu machen. Aber da wir gluecklicherweise von einem anderen Schlag sind, genossen wir einfach diesen seltenen Moment des Einklangs.
Und drittens waeren da natuerlich die Bootsausfluege, die wir je nach Laenge mit dem Paddel oder einem kleinen Motor zuruecklegten. Wer kann schon von sich behaupten, einer 9-koepfigen Riesenotterfamilie beim Jagen zugesehen zu haben? Wir koennen es! Atemberaubend, wie sich diese ueberdimensionalen marderaehnlichen Tiere in fester Formation - wahrscheinlich so eine Art Familienhierarchie - durch das Wasser schlaengeln und es nach Fisch durchkaemmen. Vor unserem herannahenden Boot machten sie aber doch recht schnell kehrt, so dass dieser Anblick micht all zu lange waehren sollte. Aber dem mussten wir nicht nachtrauern, lag doch das naechste Highlight schon vor uns.
Kaimanfuetterung war angesagt, ein Erlebnis, an das sich meine Mutter nicht unbedingt gerne erinnern wird. In der Naehe einer sehr seichten Uferstelle begann unser Guide ploetzlich allerhand lustige Geraeusche von sich zu geben - er kann alle Laute von Affe bis Maeusebussard - und rief auch noch einen Namen. "Zico, Zico." Ein brasilianischer Fussballstar der 80er Jahre im letzten Winkel dieser Erde? Nur fast! Zico ist das Hauskrokodil Pedros, dem er und die Besitzer der nahegelegenen Pousada es in jahrelangem Training beigebracht hatten, Fisch auf Kommando von der Holzstange zu vespern. Und tatsaechlich: aus einer seerosenbewachsenen Stelle tauchten ploetzlich gespenstische zwei Augen auf und im Wasser hinter ihnen machte sich eine schlaengelnde Bewegung ganz offensichtlich bemerkbar - der Schwanz des Kaimanen hatte angefangen, langsam in unsere Richtung zu rudern.
Der Fotograf unseres Pantanalbildbandes muss so ein Typ gewesen sein, aber nun gut, der ist auch ohne Essen monatelang durchs Pantanal gewandelt und hat sich nur von Flusswasser und Fisch ernaehrt, ist also nicht unbedingt unser Massstab. Allerdings will ich auf keinen Fall die Gefahr von Krokodilen im Allgemeinen verharmlosen. Australische Salzwasserkrokodile haben dort schon einige Fischer und Hafenkaispaziergaenger auf dem Gewissen und auch die Modelle in Florida oder in Amazonien sollen nicht ganz so pazifistisch gegenueber Menschen eingestellt sein. Die Garantie gebe ich also hiermit nur fuers Pantanal ab, wie gesagt: die Leute baden dort mit den Krokodilen zusammen, keine 10 Meter weg von ihnen.
Ja, diese und viele andere schoene Dinge haben wir im Pantanal erlebt, ich habe in meinem Leben noch nie so einen faszinierenden und klaren Sternenhimmel gesehen, geschweige denn nachts die im Scheinwerferlicht leuchtenden Krokodilaugen, die orangefarben reflektieren...nur einen Jaguar habe ich nicht erspaehen koennen, obwohl ich heimlich immer verzweifelt Ausschau hielt.
Vielleicht komme ich genau deswegen im Sommer wieder, wenn Trockenzeit ist. Hinsichtlich meiner Urlaubsplanungen bin ich noch nicht ganz sicher, wo ich denn hin will - die Auswahl ist einfach zu gross (genau wie bei der Torhueterfrage zur Fussball-WM, Lehmann zum Zweiten?). Feststeht jedoch sicher: es gibt noch ein weiteres kleines Paradies auf dieser Welt und es geht darum, jede Moeglichkeit wahrzunehmen, es zu schuetzen!
Nach diesem Superurlaub - trotz Erbrechungsunterbrechungn - trennten sich meine Mutter und ich schon in Mato Grosso, sie flog direkt ueber Sao Paulo zurueck ins eisige Deutschland, waehrend ich mich nachdenklich nach Salvador aufmachte. Dort sollten mich, wie es mein Vater so schoen formuliert, die Abenteuer des Alltags erwarten, zu dem ich in diesen Tagen Gott-sei-Dank ein wenig Abstand gewonnen hatte. Dieser war dringend notwendig. Denn wie sich im naechsten Bericht zeigen wird, ist lange nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen in der "harmonischen Gemeinschaft" von Terra Mirim gewesen.
Teil 1: Zwischen Tucanen, Strandparadies und Krokodilen
Teil 2: Wo Licht ist, ist auch Schatten
Teil 3: Metropolis
Teil 4: Wochen des Wandels?
Donnerstag, 17. Dezember 2009
Kapitel 3 - Vorwort
Hohoho, frohe Weihnachten ruft es aus Brasilien!
Nach einigen Wochen schriftlicher Abstinenz meinerseits, gibt es nun wieder einiges zu lesen aus dem sommerlichen Terra Mirim. Sehr viel hat sich getan seit Ende Oktober und wir deutschen Freiwilligen wurden gerade zu in den Dschungel dieser etwas anderen Gesellschaft hineingesogen. Aufgrund der Fuelle von Dingen, die ich erzaehlen moechte, werden die Berichte der besseren Uebersicht halber in vier Themen aufgeteilt. Diese befinden sich im Blog unterhalb dieser Inhaltsuebersicht.
Folgendes werde ich nun genauer beschreiben:
- Ein Intermezzo mit dem brasilianischen Gesundheitssystem ergab sich im November
- Ausserdem gab es noch eine gemeinnuetzige Halloweenfeier und weitere Aktivitaeten unserer Jugendgruppe im geliebten Nachbardorf Palmares
- Ebenso widmen wir uns der wahlweise alternativ-afrikanischen oder molochigen Millionenstadt Salvador aus verschiedenen Perspektiven
- Wer die brasilianischen Fussballspieler in Deutschland betrachtet, dem faellt auf, dass sie beim Torjubel gerne die Haende zum Himmel strecken und dabei ihr Jesusfoto unter dem Trikot entbloessen - der Einfluss der christlichen Kirche in Brasilien ist
Ich hoffe, es gibt noch interessierte Leser, die trotz der fast zweimonatigen Entbehrung hin und wieder einmal reinschnuppern und sich ueber den Dienst, der mir mittlerweile doch sehr Freude macht, informieren. In diesem Sinne wuensche ich eine frohe Weihnacht nach Deutschland, nicht zu vergessen einen guten Rutsch.
Ich selbst verreise ueber diese Zeit mit meiner Mutter in den Sueden Brasiliens, was wohl Gegendstand meines naechsten grossen Berichts sein wird.
Herzliche Gruesse aus Bahia,
Max
Nach einigen Wochen schriftlicher Abstinenz meinerseits, gibt es nun wieder einiges zu lesen aus dem sommerlichen Terra Mirim. Sehr viel hat sich getan seit Ende Oktober und wir deutschen Freiwilligen wurden gerade zu in den Dschungel dieser etwas anderen Gesellschaft hineingesogen. Aufgrund der Fuelle von Dingen, die ich erzaehlen moechte, werden die Berichte der besseren Uebersicht halber in vier Themen aufgeteilt. Diese befinden sich im Blog unterhalb dieser Inhaltsuebersicht.
Folgendes werde ich nun genauer beschreiben:
- Ein Intermezzo mit dem brasilianischen Gesundheitssystem ergab sich im November
- Ausserdem gab es noch eine gemeinnuetzige Halloweenfeier und weitere Aktivitaeten unserer Jugendgruppe im geliebten Nachbardorf Palmares
- Ebenso widmen wir uns der wahlweise alternativ-afrikanischen oder molochigen Millionenstadt Salvador aus verschiedenen Perspektiven
- Wer die brasilianischen Fussballspieler in Deutschland betrachtet, dem faellt auf, dass sie beim Torjubel gerne die Haende zum Himmel strecken und dabei ihr Jesusfoto unter dem Trikot entbloessen - der Einfluss der christlichen Kirche in Brasilien ist
Ich hoffe, es gibt noch interessierte Leser, die trotz der fast zweimonatigen Entbehrung hin und wieder einmal reinschnuppern und sich ueber den Dienst, der mir mittlerweile doch sehr Freude macht, informieren. In diesem Sinne wuensche ich eine frohe Weihnacht nach Deutschland, nicht zu vergessen einen guten Rutsch.
Ich selbst verreise ueber diese Zeit mit meiner Mutter in den Sueden Brasiliens, was wohl Gegendstand meines naechsten grossen Berichts sein wird.
Herzliche Gruesse aus Bahia,
Max
Kapitel 3 - Teil 1: Einblicke ins Gesundheitssystem
"Als Max Stammnitz eines Novembermorgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er seinen Ruecken in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt." Nicht nur der rot-gepunktete Ruecken, auch die Rueckseite meiner Beine hatte sich unter starkem Juckreiz dem Muster meines Tour de France - Bergtrikots angepasst. Auch meiner deutschen Projektpartnerin Dilan machten schon laenger eiternde Pusteln an den Fuessen zu schaffen, so dass wir uns genoetigt sahen, nun einen Dermatologen aufzusuchen. Auf Rat einer Medizinerin, welche oefters in Terra Mirim zu Besuch ist, wendeten wir uns an einen Hautarzt in Salvador und bekamen auch prompt einen Termin fuer den Folgetag.
Das Verkehrschaos des morgendlichen Salvadors konnte uns an diesem Tag nicht viel anhaben, abgesehen von der Tatsache, dass uns der Bus auf der falschen Seite der sechsspurigen Strasse ohne Ampel aussteigen liess - die zum Ueberqueren notwendigen Kenntnisse konnten uns bisher weder die Capoeiraausbildung, noch der intensive Wunsch nach Wellensurftraining vermitteln. Trotz staendiger Sichtweite des Krankenhauses, betraten wir dieses deshalb mit Verspaetung. Bereits im Eingangsbereich nahmen wir jedoch wahr, dass dieses Hochhauskrankenhaus eher das Wort (Luxus-)"Hotel" verdient haette. Bewachte Parkplaetze, perfekt geschnittene Hecken und ein Springbrunnen vor dem blankgeputzten glaesernen Eingangsportal und das alles inmitten der stinkenden, lauten Millionenstadt - mit Panorama-Blick auf die riesigen Armenviertel ("Favelas"). Dieser wahnsinnige Kontrast bestaetigte sich kurz darauf noch eindrucksvoller, als sich unsere Fahrstuhltuer oeffnete und ein adrett-gekleideter Fahrstuhlfahrer uns netter Weise seine Dienste anbot.
In der wohlklimatisierten, mit Flachbildfernseher ausgestatteten Praxis des Dermatologen Dr. Martins angekommen, wurden wir freundlich von der Sekretaerin begruesst. Als zahlungsfaehiger Europaeer durfte man sich bereits im Vorraus einer 200 Reais (ca. 80 Euro) Eintrittsgebuehr erfreuen. "Separate but equal" sagte man in den USA bis Mitte des 20. Jahrhunderts wohl dazu.
Waehrend Dilan bereits beim Doktor vorgeladen wurde, nutzte ich die Zeit damit, einige Blicke durch das kleine Wartezimmer zu werfen und blieb mit Erstaunen bei einem grossen Werbeplakat stehen, aus dem hervorging: Dies ist gleichzeitig eine Praxis fuer plastische Chirurgie! Von der Botox-Spritze bis zum Silikonimplantat kann man so ziemlich alles in Anspruch nehmen. Ploetzlich glaubte ich, in jedem der (weisshaeutigen!) Gesichter in den komfortablen Wartesesseln eine Straffung im Gesicht zu erkennen. Und dann wieder der Blick aus dem Fenster auf tausende von schiefen Ziegelhuetten mit Wellblech. Ekelhaft.
Schlussendlich war dann alles ganz harmlos. Ein nachtaktiver Parasit hatte sich wohl ueber mein neues Bettlaken den Weg auf meinen Ruecken gebahnt. Mir wurden vom aeusserst netten Dr. Martins zwei - ausnahmsweise billige - Salben verschrieben und das Problemchen war nach einer Woche erledigt. Aber der Eindruck vom Gesundheitssystem bleibt: Wer zahlt, darf rein. Wer nicht zahlt, geht zu einem (kostenlosen) Krankenhaus fuer alle Anderen. Eine (marxistische) Klassengesellschaft?
Teil 1 - Einblicke ins Gesundheitssystem
Teil 2 - Palmares, ein Dorf wehrt sich
Teil 3 - Salvador da Bahia
Teil 4 - Die christliche Kirche in Brasilien - ein Segen?
Das Verkehrschaos des morgendlichen Salvadors konnte uns an diesem Tag nicht viel anhaben, abgesehen von der Tatsache, dass uns der Bus auf der falschen Seite der sechsspurigen Strasse ohne Ampel aussteigen liess - die zum Ueberqueren notwendigen Kenntnisse konnten uns bisher weder die Capoeiraausbildung, noch der intensive Wunsch nach Wellensurftraining vermitteln. Trotz staendiger Sichtweite des Krankenhauses, betraten wir dieses deshalb mit Verspaetung. Bereits im Eingangsbereich nahmen wir jedoch wahr, dass dieses Hochhauskrankenhaus eher das Wort (Luxus-)"Hotel" verdient haette. Bewachte Parkplaetze, perfekt geschnittene Hecken und ein Springbrunnen vor dem blankgeputzten glaesernen Eingangsportal und das alles inmitten der stinkenden, lauten Millionenstadt - mit Panorama-Blick auf die riesigen Armenviertel ("Favelas"). Dieser wahnsinnige Kontrast bestaetigte sich kurz darauf noch eindrucksvoller, als sich unsere Fahrstuhltuer oeffnete und ein adrett-gekleideter Fahrstuhlfahrer uns netter Weise seine Dienste anbot.
In der wohlklimatisierten, mit Flachbildfernseher ausgestatteten Praxis des Dermatologen Dr. Martins angekommen, wurden wir freundlich von der Sekretaerin begruesst. Als zahlungsfaehiger Europaeer durfte man sich bereits im Vorraus einer 200 Reais (ca. 80 Euro) Eintrittsgebuehr erfreuen. "Separate but equal" sagte man in den USA bis Mitte des 20. Jahrhunderts wohl dazu.
Waehrend Dilan bereits beim Doktor vorgeladen wurde, nutzte ich die Zeit damit, einige Blicke durch das kleine Wartezimmer zu werfen und blieb mit Erstaunen bei einem grossen Werbeplakat stehen, aus dem hervorging: Dies ist gleichzeitig eine Praxis fuer plastische Chirurgie! Von der Botox-Spritze bis zum Silikonimplantat kann man so ziemlich alles in Anspruch nehmen. Ploetzlich glaubte ich, in jedem der (weisshaeutigen!) Gesichter in den komfortablen Wartesesseln eine Straffung im Gesicht zu erkennen. Und dann wieder der Blick aus dem Fenster auf tausende von schiefen Ziegelhuetten mit Wellblech. Ekelhaft.
Schlussendlich war dann alles ganz harmlos. Ein nachtaktiver Parasit hatte sich wohl ueber mein neues Bettlaken den Weg auf meinen Ruecken gebahnt. Mir wurden vom aeusserst netten Dr. Martins zwei - ausnahmsweise billige - Salben verschrieben und das Problemchen war nach einer Woche erledigt. Aber der Eindruck vom Gesundheitssystem bleibt: Wer zahlt, darf rein. Wer nicht zahlt, geht zu einem (kostenlosen) Krankenhaus fuer alle Anderen. Eine (marxistische) Klassengesellschaft?
Teil 1 - Einblicke ins Gesundheitssystem
Teil 2 - Palmares, ein Dorf wehrt sich
Teil 3 - Salvador da Bahia
Teil 4 - Die christliche Kirche in Brasilien - ein Segen?
Kapitel 3 - Teil 2: Palmares, ein Dorf wehrt sich
Seit geraumer Zeit nun, pflegen Dilan und ich oefters, bei unseren wochenendlichen Ausgaengen sowie abendlichen Anlaessen, das Nachbardorf Palmares aufzusuchen. Ein wenig Abwechslung vom ruhigen Paradiesgarten Terra Mirim kann zwei 20jaehrigen ja nicht schaden, dachten wir uns.
Das Jugendgruppencamping vor einigen Wochen hat uns Deutsche in die Dorfgemeinschaft integriert, spaetestens bei der Aufnahmepruefung (Glas Spuelmittel mit Knoblauch, Zahnpasta....trinken) sind wir Teil der Familie geworden. Man lernte sich naeher kennen und, was mir meine Zeit hier seitdem deutlich bereichert hat, knuepfte Freundschaften mit einheimischen Jugendlichen ohne festen Bezug zu Terra Mirim.
So erfuhren wir nach und nach, dass diese Jugendgruppe unter der Leitung einiger End-20iger (zumindest laut Ausweis) noch in den Kinderschuhen steckt und aus dem Wunsch erwachsen ist, jugendliche Interessen mit sozialen Motiven zu verbinden, sowie gleichzeitig die Jungen und Maedchen von der Strasse zu holen, wo der Weg auf die schiefe Bahn geteert liegt. Gemeinsam wurde dann im Oktober ein tolles Halloweenfest auf die Beine gestellt: ein Partyraum, mit nahe gelegenem Regenwassertank bzw. Pool, wurde organisiert, genauo wie leckeres Essen afrikanischer Rezeptur. 250 Menschen sollten den "Saal" fuellen und ein DJ spielte Charthits von den Beatles bis Bushido (!). Und das beste an der Sache: die Eintrittsgebuehr - wahlweise ein Kilo Reis, Zucker, Bohnen, o.Ae. - wurde von allen erbracht, anschliessend gesammelt und am darauffolgenden Tag an beduerftige Familien verteilt. So profitierte das ganze Dorf davon: Umsatz fuer den voellig ueberlaufenen Laden an der Ecke, ein super Maskenfest, an das sich die meisten zwar dunkel, aber gleichzeitig mit Freude zurueckerinnern, und volle Baeuche in Palmares.
Natuerlich sollte die Gruppe nach dieser Art Einweihungsfeier nicht wieder ausseinanderdiffundieren und so entschloss man sich dazu, regelmaessig woechentliche Gruppensitzungen einzuberufen, um aktuelle Geschehnisse und Ideen zu besprechen. Auf diese Weise wurde kuerzlich mit der Planung zum Hausbau fuer die Familie eines Maedchens unserer Gruppe begonnen. Deren aktuelle Behausung kann man gut mit "einsturzgefaehrdete, schiefe Lehmhuette" beschreiben, die eigentlich nur von den Moebeln an den Waenden etwas Halt bekommt. Der Spatenstich wurde bereits gesetzt und der Grundriss im Boden abgegraben. Das Problem besteht nun darin, die Beteiligung der Gruppe aufrechtzuhalten, bis das Haus wirklich fertig ist. Aus Zeitproblemen laesst sich der Bau nur an Sonntagen durchfuehren und das macht es schwierig, den ein oder anderen zu motivieren, mit anzupacken. Doch die Zuversicht besteht!
Ueber unsere neuen Freunde wurden wir mit der Zeit ins Leben dieses Dorfes integriert. So kennt man mittlerweile die bahianische Koechin von der Ecke, den Friseur fuer 1,50 Euro, den Supermarkt (Wein ist billiger als Wasser), den Playstationraum und nicht zu vergessen die fuenf verschiedenen Kirchen im 5000 Einwohner-Oertchen. Aber auch die offenkundigen Probleme fallen uns natuerlich ins Auge und da ich es als Weltwaertsentsendeter als meine Aufgabe verstehe, die Tuer fuer andere Realitaeten auch nach Deutschland zu oeffnen, moechte ich darauf ein wenig naeher eingehen.
Eigentlich hat der gesamte Ort keine wirkliche Wassersversorgung. Viele Einwohner holen ihr Wasser mit Hilfe von Eimern aus einem Fluss oder aus (teils verschmutzten) Brunnen, nur einige Strassen sind ans oeffentliche Trinkwassersystem angeschlossen, das sich im uebrigen manchmal wochenlange Auszeiten goennt. Die hygienischen und somit gesundheitlichen Risiken hieraus sind unuebersehbar. Zusaetzlich dazu wird dies dadurch verschlimmert, dass eine Kanalisation nicht existiert. Abwaesser aller Art werden ungeklaert in die umliegenden Gewaesser abgeleitet. Gewaesser, in denen gebadet wird. Gewaesser, aus denen getrunken wird.
Kommen wir zur Abfallentsorgung. Eine kleine Anekdote hierzu: Eines Tages goennte ich mir ein Wasser in Palmares. Natuerlich gibt es dies hier NUR in Plastikflaschen abgefuellt, noch dazu NUR in 500ml Flaschen - welchen Vertrag die Getraenkehersteller mit der Kunststoffindustrie abgeschlossen haben, moechte ich gar nicht erst wissen. In jedem Fall aber hat die brasilianische Politik an diesem Punkt noch viel Potenzial nach oben, bzw. sind noch einige Korruptionsfaelle in einigen Umweltministerien in einigen Bundesstaaten abzuarbeiten. Nun genoss ich also diesen edlen Tropfen bei knapp 40 Grad im Schatten und ehe ich mich versah, war mein Lebenselixier auch schon zur Neige gegangen. Als beispielgebender, umweltbewusster Buerger blickte ich mich nun auf der belebtesten Strasse des Dorfes nach einem (Plastik)Muelleimer um. Leider wurde ich nicht fuendig. Meinem von Ratlosigkeit gezeichneten Gesicht, entgegnete ein Junge der Jugendgruppe, obendrein Mitglied der "Naturschutz-Jugend" von Terra Mirim, ich solle den Muell einfach auf den Boden werfen. Ein kurzer Blick zur Seite machte mir klar, dass diese Praxis im Dorf wohl schon lange gaengig ist, dennoch wollte ich zumindest den Grund von meinem Gegenueber erfahren, der wie folgend lautet: "wenn wir Muell auf den Boden werfen, haben unsere Freunde eine Arbeit und koennen Geld verdienen, in dem sie ihn wieder aufheben." Waeren da nicht die vielen Muecken und Strassenhunde, welche sich vom Abfall ernaehren und so Krankheiten verbreiten, ganz abgesehen vom Gestank und des nicht gerade aesthetischen Anblicks, den man auf keiner Postkarte aus Brasilien zu Gesicht bekommt.
Eine andere Tatsache wird Palmares leider haeufig zum Verhaengnis: das Dorf liegt an einer grossen Bundesstrasse und wird durch diese in zwei Teile geteilt. Denn eine Ampel gibt es nicht und die Strasse fuehrt vollkommen geradeaus durch den Ort. In der Vergangenheit kamen nicht wenige Einwohner bei dem Versuch um, die Strassenseite in ihrem Dorf zu ueberqueren. Kein Wunder - beim zeitweise ununterbrochenen Verkehrsstrom bei Tempo 70. Auch ein aelteres Mitglied der Jugendgruppe ist querschnittgelaehmt - er wurde von einem Auto in Palmares angefahren. Aus diesen Gruenden gab es eines Morgens in Palmares einen grossen Protest mit Vollsperrung der Strasse und dem halben versammelten Dorf darauf. Erwirkt hat dieser zumindest, dass am Ortsein -und ausgang kleine Betonhuegel den ungebremsten Durchverkehr behindern. Dieses Geschehen fand vor der Zeit statt, als Dilan und ich hier angekommen sind. Doch die Tatsache, dass der achtjaehrige Sohn unserer geliebten Jugendgruppenleiterin Mitte November, auf dem Buergersteig laufend, ueberfahren und lebensgefaehrlich verletzt wurde, zeigt uns, dass die Thematik hier noch lange nicht geloest ist. Gluecklicherweise geht es dem Jungen wieder gut und er wird Anfang Januar wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden koennen!
Eine andere Quelle des Unmuts ergibt sich zusaetzlich durch die unmittelbare Naehe zur Strasse: die Durchreise von ungebetenen Gestalten aus anderen Gegenden Bahias. Vor allem in der Vorweihnachtszeit - jeder braucht ein Geschenk - wurden direkt an der grossen Strasse einige Autos und Motorraeder gestohlen, sowie ein Supermarkt ueberfallen. Aufgrund der Ferne zwischen dem Sitz der naechsten Polizeistation in Simoes Filho und dem Aussendistrikt Palmares kam die gerufene Polizei regelmaessig eine Stunde nach den Geschehen am Ort an, was natuerlich auf Dauer auch keine Loesung sein darf. Vor zwei Wochen wurde nun zusammen mit dem Major der Polizei in Simoes Filho und etwa 50 Vertretern der in den Aussenbezirken des Stadtgebiets lebenden Menschen (Entsandter von Terra Mirim - Max S.) eine Sicherheitskonferenz einberufen, um den Problemen auf den Grund zu gehen. Da die Polizei mit nur 150 Einsatzkraeften ein riesiges Gebiet einer in die laenge gezogenen 150.000 Einwohnerstadt kontrollieren muessen, gibt es von deren Seite leider absolut nicht viel zu erwarten. Eine anonyme Hotline wurde eingerichtet und, eine gute Sache, ein Sicherheitsrat aus engagierten Buergern gegruendet. Dieser wird nun woechentlich tagen, mit der Polizei in Kontakt stehen, Informationen austauschen und gleichzeitig aber in den umliegenden Doerfern alle Geschehnisse geordneter dokumentieren.
Ein sehr interessanter Prozess wird hier meiner Meinung nach in Gang gesetzt, weil, aehnlich wie bei den noch nicht lange vergangenen Strassenprotesten, neuerdings die Solidaritaet der Mitmenschen untereinander angekurbelt wird. Der Dialog unter den Bewohnern wird gestaerkt und ein oeffentliches Bewusstsein entwickelt, was sich in naher Zukunft auch politisch aeussern soll. Abgesehen von einer weiteren erfolgreichen Strassensperre im Dorf als Zeichen des Protests gegen eine illegale Chemikalienverkippung im angrenzenden Wald, bestehen endlich Initiativen zur Mobilisierung fuer eine gemeinsame Stimme nach einer vernuenftigen Wasserversorgung. Dilan und ich versuchen, so viel wie moeglich von diesen Prozessen mitzuverfolgen und eine Art Dialogschnittstelle ueber die fachkundigen Buergerrechts -und Umweltexperten in Terra Mirim mit den Einwohnern Palmares zu fuellen. Da wir schliesslich auch im Projekt mit einer anderen Jugendgruppe arbeiten, gibt es einen regen Informationsaustausch.
Eine durch uns Deutsche mitgeplante, erst wenige Tage alte, Protestinitiative hat ca. 30 Jugendliche aus der Region und Terra Mirimvertreter vor die Tueren des Rathauses der Stadt gefuehrt. Dort bereiteten wir uns auf einen Protest gegen ein zwielichtiges neues Umweltgesetz vor - die erste "Demonstration" hier seit Menschengedenken! Mit der noetigen Ruhe und einem organisierten Gespraech zwischen dem Umweltminister und fuenf Vertretern aus unseren Reihen konnten so Schluesselforderungen zum Thema der Buergerbeteiligung an Umweltfragen ins neue Gesetz aufgenommen werden. Ein grosser Erfolg, auch wenn, zum Unmut mancher Demonstranten, die gemalten "Keine Demokratie" - Plakate erst einmal eingerollt blieben. Wer dazu mehr lesen moechte, kann gerne auch einmal HIER VORBEISCHAUEN.
Wie man sieht, tut sich einiges im Vale do Itamboata und in Palmares! Ich persoenlich bin der Meinung, dass vor allem der letzte Abschnitt dieses Berichts genau das wiederspiegelt, was ich unter "Weltwaerts" verstehe. Demokratieverdruss in Buergerinitiativen abfliessen zu lassen, Realitaeten aktiv zu vergleichen, Flugblaetter zu verteilen, gemeinsam die Probleme anzugehen - das ist ein Freiwilligendienst im Sinne der Voelkerverstaendigung.
Und genau deshalb schaetze ich diesen neu dazu gewonnenen Aufgabenbereich auch so sehr, wie kaum etwas anderes hier.
Und genau deswegen ist Palmares fuer mich auch ein wunderbarer und liebenswuerdiger Ort, an dem es ausserdem wunderbare Menschen gibt. Palmares gibt uns Allen etwas zurueck, anstatt, wie wir Deutschen uns leider des Oefteren anhoeren mussten, im Uebermass in seinen Problemen zu versinken!
Teil 1 - Einblicke ins Gesundheitssystem
Teil 2 - Palmares, ein Dorf wehrt sich
Teil 3 - Salvador da Bahia
Teil 4 - Die christliche Kirche in Brasilien - ein Segen?
So erfuhren wir nach und nach, dass diese Jugendgruppe unter der Leitung einiger End-20iger (zumindest laut Ausweis) noch in den Kinderschuhen steckt und aus dem Wunsch erwachsen ist, jugendliche Interessen mit sozialen Motiven zu verbinden, sowie gleichzeitig die Jungen und Maedchen von der Strasse zu holen, wo der Weg auf die schiefe Bahn geteert liegt. Gemeinsam wurde dann im Oktober ein tolles Halloweenfest auf die Beine gestellt: ein Partyraum, mit nahe gelegenem Regenwassertank bzw. Pool, wurde organisiert, genauo wie leckeres Essen afrikanischer Rezeptur. 250 Menschen sollten den "Saal" fuellen und ein DJ spielte Charthits von den Beatles bis Bushido (!). Und das beste an der Sache: die Eintrittsgebuehr - wahlweise ein Kilo Reis, Zucker, Bohnen, o.Ae. - wurde von allen erbracht, anschliessend gesammelt und am darauffolgenden Tag an beduerftige Familien verteilt. So profitierte das ganze Dorf davon: Umsatz fuer den voellig ueberlaufenen Laden an der Ecke, ein super Maskenfest, an das sich die meisten zwar dunkel, aber gleichzeitig mit Freude zurueckerinnern, und volle Baeuche in Palmares.
Natuerlich sollte die Gruppe nach dieser Art Einweihungsfeier nicht wieder ausseinanderdiffundieren und so entschloss man sich dazu, regelmaessig woechentliche Gruppensitzungen einzuberufen, um aktuelle Geschehnisse und Ideen zu besprechen. Auf diese Weise wurde kuerzlich mit der Planung zum Hausbau fuer die Familie eines Maedchens unserer Gruppe begonnen. Deren aktuelle Behausung kann man gut mit "einsturzgefaehrdete, schiefe Lehmhuette" beschreiben, die eigentlich nur von den Moebeln an den Waenden etwas Halt bekommt. Der Spatenstich wurde bereits gesetzt und der Grundriss im Boden abgegraben. Das Problem besteht nun darin, die Beteiligung der Gruppe aufrechtzuhalten, bis das Haus wirklich fertig ist. Aus Zeitproblemen laesst sich der Bau nur an Sonntagen durchfuehren und das macht es schwierig, den ein oder anderen zu motivieren, mit anzupacken. Doch die Zuversicht besteht!
Eigentlich hat der gesamte Ort keine wirkliche Wassersversorgung. Viele Einwohner holen ihr Wasser mit Hilfe von Eimern aus einem Fluss oder aus (teils verschmutzten) Brunnen, nur einige Strassen sind ans oeffentliche Trinkwassersystem angeschlossen, das sich im uebrigen manchmal wochenlange Auszeiten goennt. Die hygienischen und somit gesundheitlichen Risiken hieraus sind unuebersehbar. Zusaetzlich dazu wird dies dadurch verschlimmert, dass eine Kanalisation nicht existiert. Abwaesser aller Art werden ungeklaert in die umliegenden Gewaesser abgeleitet. Gewaesser, in denen gebadet wird. Gewaesser, aus denen getrunken wird.
Kommen wir zur Abfallentsorgung. Eine kleine Anekdote hierzu: Eines Tages goennte ich mir ein Wasser in Palmares. Natuerlich gibt es dies hier NUR in Plastikflaschen abgefuellt, noch dazu NUR in 500ml Flaschen - welchen Vertrag die Getraenkehersteller mit der Kunststoffindustrie abgeschlossen haben, moechte ich gar nicht erst wissen. In jedem Fall aber hat die brasilianische Politik an diesem Punkt noch viel Potenzial nach oben, bzw. sind noch einige Korruptionsfaelle in einigen Umweltministerien in einigen Bundesstaaten abzuarbeiten. Nun genoss ich also diesen edlen Tropfen bei knapp 40 Grad im Schatten und ehe ich mich versah, war mein Lebenselixier auch schon zur Neige gegangen. Als beispielgebender, umweltbewusster Buerger blickte ich mich nun auf der belebtesten Strasse des Dorfes nach einem (Plastik)Muelleimer um. Leider wurde ich nicht fuendig. Meinem von Ratlosigkeit gezeichneten Gesicht, entgegnete ein Junge der Jugendgruppe, obendrein Mitglied der "Naturschutz-Jugend" von Terra Mirim, ich solle den Muell einfach auf den Boden werfen. Ein kurzer Blick zur Seite machte mir klar, dass diese Praxis im Dorf wohl schon lange gaengig ist, dennoch wollte ich zumindest den Grund von meinem Gegenueber erfahren, der wie folgend lautet: "wenn wir Muell auf den Boden werfen, haben unsere Freunde eine Arbeit und koennen Geld verdienen, in dem sie ihn wieder aufheben." Waeren da nicht die vielen Muecken und Strassenhunde, welche sich vom Abfall ernaehren und so Krankheiten verbreiten, ganz abgesehen vom Gestank und des nicht gerade aesthetischen Anblicks, den man auf keiner Postkarte aus Brasilien zu Gesicht bekommt.
Eine andere Tatsache wird Palmares leider haeufig zum Verhaengnis: das Dorf liegt an einer grossen Bundesstrasse und wird durch diese in zwei Teile geteilt. Denn eine Ampel gibt es nicht und die Strasse fuehrt vollkommen geradeaus durch den Ort. In der Vergangenheit kamen nicht wenige Einwohner bei dem Versuch um, die Strassenseite in ihrem Dorf zu ueberqueren. Kein Wunder - beim zeitweise ununterbrochenen Verkehrsstrom bei Tempo 70. Auch ein aelteres Mitglied der Jugendgruppe ist querschnittgelaehmt - er wurde von einem Auto in Palmares angefahren. Aus diesen Gruenden gab es eines Morgens in Palmares einen grossen Protest mit Vollsperrung der Strasse und dem halben versammelten Dorf darauf. Erwirkt hat dieser zumindest, dass am Ortsein -und ausgang kleine Betonhuegel den ungebremsten Durchverkehr behindern. Dieses Geschehen fand vor der Zeit statt, als Dilan und ich hier angekommen sind. Doch die Tatsache, dass der achtjaehrige Sohn unserer geliebten Jugendgruppenleiterin Mitte November, auf dem Buergersteig laufend, ueberfahren und lebensgefaehrlich verletzt wurde, zeigt uns, dass die Thematik hier noch lange nicht geloest ist. Gluecklicherweise geht es dem Jungen wieder gut und er wird Anfang Januar wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden koennen!
Eine andere Quelle des Unmuts ergibt sich zusaetzlich durch die unmittelbare Naehe zur Strasse: die Durchreise von ungebetenen Gestalten aus anderen Gegenden Bahias. Vor allem in der Vorweihnachtszeit - jeder braucht ein Geschenk - wurden direkt an der grossen Strasse einige Autos und Motorraeder gestohlen, sowie ein Supermarkt ueberfallen. Aufgrund der Ferne zwischen dem Sitz der naechsten Polizeistation in Simoes Filho und dem Aussendistrikt Palmares kam die gerufene Polizei regelmaessig eine Stunde nach den Geschehen am Ort an, was natuerlich auf Dauer auch keine Loesung sein darf. Vor zwei Wochen wurde nun zusammen mit dem Major der Polizei in Simoes Filho und etwa 50 Vertretern der in den Aussenbezirken des Stadtgebiets lebenden Menschen (Entsandter von Terra Mirim - Max S.) eine Sicherheitskonferenz einberufen, um den Problemen auf den Grund zu gehen. Da die Polizei mit nur 150 Einsatzkraeften ein riesiges Gebiet einer in die laenge gezogenen 150.000 Einwohnerstadt kontrollieren muessen, gibt es von deren Seite leider absolut nicht viel zu erwarten. Eine anonyme Hotline wurde eingerichtet und, eine gute Sache, ein Sicherheitsrat aus engagierten Buergern gegruendet. Dieser wird nun woechentlich tagen, mit der Polizei in Kontakt stehen, Informationen austauschen und gleichzeitig aber in den umliegenden Doerfern alle Geschehnisse geordneter dokumentieren.
Ein sehr interessanter Prozess wird hier meiner Meinung nach in Gang gesetzt, weil, aehnlich wie bei den noch nicht lange vergangenen Strassenprotesten, neuerdings die Solidaritaet der Mitmenschen untereinander angekurbelt wird. Der Dialog unter den Bewohnern wird gestaerkt und ein oeffentliches Bewusstsein entwickelt, was sich in naher Zukunft auch politisch aeussern soll. Abgesehen von einer weiteren erfolgreichen Strassensperre im Dorf als Zeichen des Protests gegen eine illegale Chemikalienverkippung im angrenzenden Wald, bestehen endlich Initiativen zur Mobilisierung fuer eine gemeinsame Stimme nach einer vernuenftigen Wasserversorgung. Dilan und ich versuchen, so viel wie moeglich von diesen Prozessen mitzuverfolgen und eine Art Dialogschnittstelle ueber die fachkundigen Buergerrechts -und Umweltexperten in Terra Mirim mit den Einwohnern Palmares zu fuellen. Da wir schliesslich auch im Projekt mit einer anderen Jugendgruppe arbeiten, gibt es einen regen Informationsaustausch.
Eine durch uns Deutsche mitgeplante, erst wenige Tage alte, Protestinitiative hat ca. 30 Jugendliche aus der Region und Terra Mirimvertreter vor die Tueren des Rathauses der Stadt gefuehrt. Dort bereiteten wir uns auf einen Protest gegen ein zwielichtiges neues Umweltgesetz vor - die erste "Demonstration" hier seit Menschengedenken! Mit der noetigen Ruhe und einem organisierten Gespraech zwischen dem Umweltminister und fuenf Vertretern aus unseren Reihen konnten so Schluesselforderungen zum Thema der Buergerbeteiligung an Umweltfragen ins neue Gesetz aufgenommen werden. Ein grosser Erfolg, auch wenn, zum Unmut mancher Demonstranten, die gemalten "Keine Demokratie" - Plakate erst einmal eingerollt blieben. Wer dazu mehr lesen moechte, kann gerne auch einmal HIER VORBEISCHAUEN.
Und genau deshalb schaetze ich diesen neu dazu gewonnenen Aufgabenbereich auch so sehr, wie kaum etwas anderes hier.
Und genau deswegen ist Palmares fuer mich auch ein wunderbarer und liebenswuerdiger Ort, an dem es ausserdem wunderbare Menschen gibt. Palmares gibt uns Allen etwas zurueck, anstatt, wie wir Deutschen uns leider des Oefteren anhoeren mussten, im Uebermass in seinen Problemen zu versinken!
Teil 1 - Einblicke ins Gesundheitssystem
Teil 2 - Palmares, ein Dorf wehrt sich
Teil 3 - Salvador da Bahia
Teil 4 - Die christliche Kirche in Brasilien - ein Segen?
Donnerstag, 10. Dezember 2009
Kapitel 3 - Teil 3: Salvador da Bahia
Wenn man sich einmal zwei Wochen Urlaub nehmen moechte vom stressigen deutschen Alltag, dabei noch ununterbrochen 35 Grad geniessen und etwas Neues erleben will, dann kann man scheinbar getrost in Salvador unterkommen. Aber sein Leben dort verbringen? Heute zaehlt die Metropole, von der man als Tourist meist kaum mehr als 1% der Oertlichkeiten zu sehen bekommt, knapp drei Millionen Einwohner, von denen ein sehr grosser Teil in einer der 99 Favelas beheimatet sind.Aber wollen wir diese Mega-Stadt nicht voreilig beurteilen, sondern erst einmal etwas genauer und von mehreren Seiten unter die Lupe nehmen.
Zunaechst muss man sich vor Augen halten, dass in jedem Brasilien-Reisefuehrer Salvador und vor allem das historische Altstadtviertel - “Pelourinho” – nicht fehlen duerfen. Im Gegenteil: abgesehen vom Zuckerhut und der Jesusstatur in Rio de Janeiro ist es wohl der am meisten angepriesene Ort dieses riesigen Landes. Dass sich Unmengen an Touristen jede Woche durch die engen Gassen draengen, hat sich auch unter den Einheimischen bis in den letzten Winkel Brasiliens durchgesprochen.
So werfen wir uns also in Touristenschale und schlendern im Ottonormaloutfit - Gomez-Trikot, Adiletten und Badehose – durch die historische Altstadt Salvadors.
Als interessierter Deutscher habe ich mich natuerlich vorher gruendlich informiert ueber dieses Viertel: Zur Zeit des Atlantischen Dreieckhandels (ca. 1680-1888) wurden unzaehlige Sklaven aus Westafrika nach Brasilien verschleppt, die auf den Reis-, Kakao-, Baumwoll -und Zuckerrohrplantagen der Nordoststaaten die agrikulturelle Wachstumsgrundlage fuer das expandierende und sich industrialisierende Europa legten. Die geographische Lage der Allerheiligenbucht, als einer der am naechsten an der westafrikanischen Kueste liegenden Punkte Suedamerikas, sowie schier endlose ungenutzte Landflaechen im Hinterland Bahias, trugen dazu bei, dass sich ein profitables, fast ausschliesslich auf Sklavenarbeit gestuetztes Kolonialreich unter der portugiesischen Krone etablieren konnte. Und Salvador wurde so zum Eintrittstor und Handelszentrum fuer dieses ausbeuterische und unmenschliche Treiben des fruehen Brasiliens.
Oberhalb von einer Steilkueste gelegen und mit wundervollem Blick auf die „Baia dos Todos-os-Santos“ ausgestattet, enstand langsam diese Stadt mit den vielen, reich mit Gold verzierten Kirchen und dem Aufzug, der zur Hafenstadt und zum Sklavenmarkt hinabfuehrt. Bis 1763 war das damals hauptsaechlich auf das Pelourinho begrenzte Salvador sogar Hauptstadt der brasilianischen Kolonie.
Nachdem das moerderische Geschaeft erst 1888 – also sehr spaet – sein Ende genommen hatte, setzte ein breiter kultureller Wiederfindungsprozess bei der nun befreiten afrikanisch-abstaemmigen Bevoelkerungsmehrheit in Bahia ein, denn zur Sklavenzeit waren Religionsausuebungen, Gebrauch der afrikanischen Muttersprache und Gesang natuerlich verboten. Dies hatte zum Verlust einer Jahrtausende alten Kultur gefuehrt. So entwickelte sich in der Fruehphase des 20. Jahrhunderts nun mehr eine Mischkultur aus verschiedensten abendlaendischen und afrikanischen Einfluessen. Angefangen vom Capoeira, ehemals eine Verteidigungskampftechnik im Sklavenkrieg, ueber die afro-brasilianischen Trommelmusikstile bis zu den vreschiedenen Mischreligionen - vieles ist auch heute noch auf den Pflastersteingassen zwischen den engen Haeusern des Pelourinhos quicklebendig!
Dass diese kleine, bunte und verwinkelte Altstadt heute DAS Kulturzentrum Nordostbrasiliens ist, ist lustigerweise aber gar nicht so selbstverstaendlich. Bis in die Neunzigerjahre war das Viertel schrittweise immer weiter zu einer Favela verkommen – viele drogenabhaengige Bewohner, organisierte Kriminalitaet und verfallene Haeuser liessen keine Moeglichkeit zu, das „Pelô“ fuer Auslaender und die 99% der friedlebenden Brasilianer attraktiv zu machen. Dann nahmen sich die UNESCO und der Staat ein Herz und machten gemeinsam eine ordentliche Grundrenovierung der heruntergekommenen Strassen, Plaetze und Kirchen. Das Mietniveau stieg wieder und viele ehemalige Bewohner des Problemviertels Pelourinho zog es daraufhin in billige Siedlungen am Stadtrand, in die Unruhebezirke von Heute. Oberflaechlich wurden die Probleme also geloest, in Wirklichkeit aber nur ausgelagert.
Wer nun einmal das angepriesene Pelourinhogefuehl von Heute aus der Distanz zu fassen bekommen moechte, kann sich das super Musikvideo zu „They don`t care about us“ von Michael Jackson mit der Afrotrommelgruppe „Olodum“ ansehen, welches die Altstadt in all ihren (mit Computer bearbeiteten) Farben vibrieren laesst. Ein Werbekatalog Salvadors koennte genau diese Seiten nicht besser aufzeigen.
So, nun aber genug Geschwaetz, man will ja schliesslich hautnah die Pelô-Atmospaehre erleben. Tauchen wir also ein in diese etwas andere Welt.
Ueber den kleinen Busbahnhof im Hafenviertel der Unterstadt und den bereits erwaehnten fast 150 Jahre alten Aufzug „Elevador Lacerda“ schummeln wir uns rein und spazieren sogleich durch das bunte Vergnuegen. Begruesst wird man sofort von einer Vielzahl an Musikrichtungen, die sich je nach genauem Standort vermischen koennen, da sich oft z.B. Bob Marley-Klaenge ins eine und liebesgesuelzte "Arrosha"-Rythmen ins andere Ohr verirren und eine gemeinsame, mitunter schaeusslich dissonante Kombination ergeben. Die Musikreviere sind offensichtlich, wie auch schon oft in Brasilien festgestellt, sehr nah beieinander markiert. Im Pelourinho reiht sich ein Souvenirladen an den anderen (die Souvenirs hier sind super!), zusaetzlich gibt es auch viele Bierstaende, Acarajé (das – weit hergeholt - fettige bahianische Doenerpendant) und Popcorn an jeder Ecke. So wird man staendig von einer herben, scharf-wuerzigen Duftwolke umhaucht, solange man sich nicht in eine der nach Urin stinkenden Seitenstrassen verirrt.
Als ob diese Fuelle an Sinneseindrucken nicht schon genug waere, laufen dem leider nicht unauffaelligen, mit der Digitalkamera herumstolzierenden Deutschen staendig Menschen ueber den Weg, die einem, zunaechst kostenlos, Stoffbaendchen mit „tollen“ Spruechen ums Handgelenk binden wollen. Ein kleiner Smalltalk, „where are you from?...“, eine (ueber)nette brasilianische Begruessung und schon geht es ans Eigentliche. Denn nun wird man angefluestert und auf das reichhaltige Drogensortiment des doch so unscheinbaren Stoffbaendchenumbinders aufmerksam gemacht. Von Haschisch bis Crack ist alles im Sonderangebot. Wenn man dem Gegenueber dann zu verstehen gibt, dass man ungluecklicherweise eine truebe Nichtraucher- bzw. Nichtschnupferexistenz fuehrt, wundert der sich ziemlich. Allerdings bietet er einem dann freundlich an, ihm trotzdem Geld zu schenken. Nein, da hat er Pech gehabt. Ein „filho da puta“ muss man dann ueber sich ergehen lassen, das uebersetze ich aber lieber nicht fuer die Allgemeinheit. Laufen wir also unberuehrt weiter, an alten, verschachtelten Haeusern, (mittelmaessigen) Capoeiragruppen bis zu einem kleinen Plaetzchen.
Hier bietet sich dem Europaeer ein herrlicher, romantischer Ausblick. Denn die Sonne senkt sich im Westen hinter den Inseln der Allerheiligenbucht. Sie faerbt den Himmel rot und genauso die Daecher der Unterstadt mit ihrem kleinen Hafen vor der Steilkueste, an deren oberen Kante man sich befindet.
Mir ist in meinen fuenf Monaten, die ich hier mittlerweile verbracht habe, keine Gegend in Brasilien so zwielichtig vorgekommen, wie eben das Herzstueck Salvadors. Es ist eigentlich unmoeglich, als hellhaeutiger Deutscher einen ganz normalen Spaziergang durch das Pelourinho zu unternehmen.
Taschen- und Handtaschendiebstaehle kommen sehr haeufig vor und wenn man so richtig Lust bekommt, einmal ordentlich ueberfallen zu werden, dann nimmt man wohl einfach nachts eine der kleinen, unbeleuchteten und ummauerten steilen Strassen abwaerts zum Hafenviertel. Als Heidelberger kann man sich das in etwa so vorstellen wie eine Vielzahl von „Schlangenwegen“ vom Philosophenweg zur Alten Bruecke. Nur eben ohne Garantie, heil am anderen Ende anzukommen. Auf diese Weise kann man sich die umgerechnet 0,07 Euro sparen, die der Fahrstuhl, der direkt zum Busbahnhof hinabfuehrt, kostet. Auf diese Treppenwege wird z.T. sogar mit kleinen Warnhinweisen und halben „Trennbarrieren“ aus Pressspanplatten hingewiesen, damit Touristen wie der nichts ahnende Gomez–Verschnitt nicht in die Falle tappen.
Also dann doch lieber noch ein bisschen oben bleiben im Pelourinho, ueber dem es mittlerweile Nacht geworden ist. An manchen Tagen wacht das Viertel nun erst richtig auf. Es geht zum „Praça José de Alencar”, dem steil-abfallenden Platz im bereits angesprochenen Michael Jackson Video. Dort finden oft Konzerte, Theatershows oder sonstige kulturelle Veranstaltungen statt. Bereits zwei Mal durfte ich in den Genuss kommen, der etwa 50 Mann + Saenger starken Afrotrommelgruppe “Olodum” zuhoeren zu duerfen. Unbeschreiblich gut ist das. Der ganze Koerper vibriert unter den Rythmen, waehrend gleichzeitg der Platz und die aufgewuelte Menge wiederhallt. Ein Konzert wurde sogar im Regen gebadet, doch die feierwuetigen Brasilianer stoerte das nicht und kurzerhand entschloss sich die Menge zum “eins, zwei, drei – Oberkoerper frei”. Und nicht nur die Maenner!
Bei so viel nassem Spass, Bier und Hormonen in der Luft dauert es dann leider erfahrungsgemaess auch nicht lange, bis die ersten Schlaegereien in der Menge ausbrechen. Abgesehen von der nun regelmaessig unterbrochenen Musik durch die Band, kann nur ein grosses Polizeiaufgebot inmitten der Tanzwuetigen Schlimmeres verhindern. Doch als dann vier Polizisten mit Schlagstoecken, Stiefeltritten, Ohrfeigen und Schlaegen auf die Brust einer einzigen Frau direkt vor meinen Augen die Spitze der Gewaltpyramide auszuloten begannen, war es an der Zeit zu gehen. 8 Uhr abends. Nun habe ich viel erlebt, was mir doch nach zu denken gibt.
Es ist wohl wie so oft in Brasilien: Gewalt, Armut und traurige Ernuechterung sind direkte Nachbarn von Lebenslust, Optimismus, Warmherzigkeit und Glueck.
Aber wie schon oben zu Beginn angekuendigt: das Pelourinho mit seinen zwei Dutzend Strassen macht einen verschwindend geringen Prozentteil der umgebenden Millionenstadt Salvador aus. Es waere irgendwie nicht gerecht, an dieser Stelle des Berichts aufzuhoeren. Schliesslich habe ich das Glueck, schon viele andere Orte kennengelernt zu haben, die es verdienen, erwaehnt zu werden.
Da waeren vor allem die unzaehligen Straende zu nennen. Salvador hat in dieser Hinsicht wohl eine der besten Lagen der Welt. Als Halbinsel in den Atlantik eintauchend, gibt es zwei zum Teil traumhafte, riesige sandige Kuestenlinien, welche an der Spitze Salvadors, dem Leuchtturm von Barra, zusammenlaufen. Die sich gen Westen oeffnende Allerheiligenbucht bietet ausserdem eine Vielzahl von ruhigeren Inselparadiesen, auf denen man ein gemuetliches Wochenende verbringen kann. Mit einem kleinen Schiffchen auf eine dieser Inseln umzusiedeln, das ist vergleichbar guenstig und geht schnell. ”Mir nichts, dir nichts” hat man die laute Grossstadt hinter sich gelassen und landet in einer gemuetlichen, seichten Bucht, in der nur vereinzelt Capoeira-Krieger den Sand aufwirbeln, oder die reicheren Brasilianer ihre dicken (ja, es ist klischeehaft!) Baeuche braeunen. Einen Ausflug auf die Halbinsel “Itaparica” ist jedem Salvadorurlauber zu empfehlen, die Fruechte auf den schnuckligen Booten sind sogar inklusive. Ausserdem besteht seit Kurzem das, meiner Meinung nach groessenwahnsinnige, Projekt der Landesregierung, in naher Zukunft eine Bruecke von Salvador nach Itaparica zu bauen - also einmal quer durch die Allerheiligenbucht – und das wird mit dem vermehrten Verkehrsaufkommen auch diese verbliebene Idylle eines Tages zerstoeren.
Kleine Anmerkung am Rande: anstatt Steuergelder fuer ein funktionierendes Schulsystem oder ordentliche Polizeischulen auszugeben, wird hier in ein Megaprojekt investiert, dass sich Kant im Grabe umdrehen wuerde. Wer weiss, ob der Aufsichtsrat der Baufirma nicht zufaellig im Parlament sitzt?
Nun gut, jedenfalls kostet die wirklich sehr erholsame Tagesrundreise durch die Allerheiligenbucht im Moment 15 Euro pro Person – meine klare Empfehlung!Zu Salvador selbst kann man keinen pauschalen Kommentar zum Badevergnuegen abgeben. Ganze 29 Stadtteile (!) grenzen an die Meereskueste. Manche Abschnitte sind mehr und manche weniger schoen. Oft fuehrt beispielsweise eine grosse, laute Verkehrsader direkt hinter dem sandigen Erholungsstreifen vorbei oder eine der stinkenden Kloaken bahnt sich ihren Weg ungeklaert ins Meer. Vorsicht muss man wohl an allen Straenden dieser Grossstadt beim Thema Wertsachen walten lassen! Es gibt genuegend “Capitães de areia” - zu Deutsch: Strandkapitaene -, also Kinder und Jugendliche, deren Lieblingssport es ist, den ahnungslosen Schwimmern Uhren, Geld und Kameras zu stehlen. Eine kleine Empfehlung guter Straende kann ich aber geben: Im Nordosten Salvadors, also in der Naehe des Flughafens, gibt es einige kokospalmengesaeumte Paradieslein mit schoenen Wellen und herumlaufenden Eis -und Sonnenbrillenverkaeufern. Diese Straende mit den Namen “Stella Maris”, “Vilas de Atlântico” oder “Praia do Flamengo” kommen zwar nicht ganz an jene weiter noerdlich ausserhalb der Metropole heran, bieten aber dennoch auf jeden Fall ein schoenes Karibikfeeling.
Was hat Salvador noch zu bieten? Man koennte noch eine poetische Rundreise durch die etwa fuenf Riesenshoppingcenter unternehmen, aber langweilen kann man sich auch anderswo.
Abschliessen moechte ich noch mit einer letzten lustigen Geschichte zum Thema "Salvador und seine Metro".
Das oeffentliche Verkersnetz ist bisher nur mit alten, lauten, stinkenden, kaputten Bussen ausgestattet, die ohne Fahrplan und Fahrzeiten quer durch die Stadt rasen. “Das soll sich aendern” verkuendete im Jahr 1999 der Stadtrat von Salvador.
Die Einwohner waren entzueckt ueber die wunderschoenen Bauentwuerfe einer S-Bahn in den Zeitungen, welche sich geradezu futuristisch zwischen den Daechern der vielen Hauchhaeuser durchschlaengelt und der unseeligen Verkehrslage Einhalt gebietet.
Die Realisierung dieses Bauvorhabens sollte teilweise schon 2003 ihren Abschluss finden, aber irgendwie lief da wohl was schief. Anstatt in einem Rutsch die zwei Metrolinien komplett fertig zu stellen, entschied man sich zu einer Loesung mit Ratenzahlungen an die zustaendigen Baufirmen und damit verbundenen Teilabschnittsbaustellen. Der Finanzierungsausschuss der Stadt muss sich dabei aber maechig verzettelt haben. Denn das Geld fuer die Raten wurde bald schon sehr knapp. So stand man dann am Anfang des neuen Jahrzehnts recht hilflos da. Einerseits waren kleinere Stueckchen der oberirdisch verlegten Gleiskonstruktion schon fertig gestellt, aber der Ausblick auf eine bald funktionierende Metro war erstmal dahin. Die erwarteten Laengen der Strecken wurden korrigiert - naemlich verkuerzt. Und dennoch zog sich der Bauprozess mit seinen staendigen Unterbrechungen immer weiter in die Laenge und hat auch heute noch kein Ende gefunden, nachdem die Eroeffnung Jahr fuer Jahr vertagt wurde. Ein Paradebeispiel schlampiger Planung. Jetzt beginnen bereits langsam manche Abschnitte, welche zu erst gebaut wurden, unbrauchbar zu werden. Den Witterungseinfluessen waren sie ueber die letzten zehn Jahre nicht gewachsen und auch um die Instandhaltung hatte man sich nicht grob fahrlaessig nicht gekuemmert.
30.000 Euro (80.000 Reais) muss die Stadtverwaltung monatlich ausserdem fuer die Miete der ungenuetzten Zuege aufbringen, die – naechster Planungsfehler – frueh gekauft wurden und jetzt nicht eingesetzt werden koennen. Eine Stadt hat sich bei ihrem Vorhaben offensichtlich ziemlich uebernommen. Wer dazu mehr erfahren moechte, spricht am Besten einen Taxifahrer in Salvador zu diesem Thema an. Erfahrungsgemaess erhaelt man auf die Frage, was jener von der Verschleuderung seiner Steuern haelt, naemlich ein lautes “Meu Deus”, “Ave Maria” oder einfach nur ein schmunzliges Laecheln mit Ackselzucken. Heute, die Metro ist immer noch nicht fertig, darf sich der in Salvador lebende Brasilianer ja ausserdem auf eine neue Goldengatebridge nach Itaparica freuen! Ich komme dann mal so gegen 2020 wieder.
Bleibt also noch ein Fazit zu ziehen: Salvador ist eine Riesenmetropole, die schneller gewachsen ist, als sie wachsen durfte. Das historische Pelourinho und einige ueber den Rest der Stadt verteilte Kirchen, sowie die vielen schoenen Straende sind die Highlights. Es gibt Menschen, die schaffen es, sich ansonsten nicht nur durch den Laerm, die Gestankswolken, die offenkundige Armut vieler Stadtbezirke, die Hektik und die stellenabhaengige Gefahr aus der Urlaubslaune bringen zu lassen. Da muss jeder selbst wissen, wie belastbar er ist. Ich habe fuer mich persoenlich festgestellt, dass mir diese molochige Grossstadt zusetzt und mein Rythmus ein anderer ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich dort eben fast nie die ferienreife Mario Gomez–Touristenrolle eingenommen habe und von Anfang an auch die Schattenseiten der Stadt kennen lernen musste, die oft verdraengt werden.
Heidelberg hat fuer mich gewonnen.
Teil 1 - Einblicke ins Gesundheitssystem
Teil 2 - Palmares, ein Dorf wehrt sich
Teil 3 - Salvador da Bahia
Teil 4 - Die christliche Kirche in Brasilien - ein Segen?
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